Ein Brief an die Zuschauer

Wenn Ihr einen ruhigen Moment einmal dazu nutzt, über den Schiedsrichter nachzudenken, so wird Euch sicher auffallen, dass er eben mehr als nur ein notwendiges Übel ist.

Kein Spiel ohne Schiri!
Kein Spiel ohne Schiri!

Der Schiedsrichter soll nahezu unmögliche Dinge vollbringen: Er soll immer auf Ballhöhe sein, das Spiel aber nicht stören. Er soll alles mitbekommen, hat aber auch nur 2 Augen. Er soll auch dann noch sprinten, wenn alle anderen schon keuchend auf dem Platz stehen. Ein Spieler, der einen schlechten Tag hat oder nicht mehr kann, wird ausgewechselt, der Schiri kann sich nicht auswechseln lassen, auch wenn er selber merkt, dass es nicht sein Tag ist. Zu allem Überfluss hat der Schiedsrichter nach Regeln zu pfeifen, die er oft genug selbst nicht gerecht findet bzw. die weder Spielern noch Zuschauern in korrekter Form bekannt sind (das beliebteste Beispiel ist das Handspiel).

Jedem Schiedsrichter ist klar, dass er wie übrigens auch die Spieler in einem Spiel Fehler machen wird. Soweit er, was leider gar zu oft der Fall ist, auch noch alleine auf dem Platz steht, wird es auch immer wieder Fälle geben, in denen die Zuschauer bestimmte Dinge besser sehen als der Schiri der soll beispielsweise eben noch den Angriff beobachten und beim lang geschlagenen Pass zur Befreiung gleichzeitig sehen, ob jemand in seinem Rücken im Abseits stand (warum bloß gibt es in den höheren Ligen neutrale Assistenten?).

Es solle sich keiner einbilden, dass wir Schiris uns nicht ärgern, wenn wir einen Fehler machen. Noch mehr ärgern wir uns, wenn wir eine Situation nicht korrekt beurteilen können, weil einfach ein Spieler im Weg stand und uns die Sicht verdeckt hat oder Dinge hinter unserem Rücken passieren. Am meisten ärgern wir uns aber, wenn man uns angreift, obwohl wir alles richtig gemacht haben (gerade letzten Sonntag reklamierten Spieler bei mir ein klares Handspiel und wollten einen Strafstoß, dabei hatten sie gar nicht mitbekommen, wie ein Mannschaftskollege genau diesen Ball volley ins gegnerische Tor geschossen hatte; erst auf die Frage, ob sie nun lieber Tor oder Strafstoß wollten, haben sie kapiert, was los war). Am schlimmsten sind aber die Fälle, in denen Spieler so lockere Sprüche absetzen wie etwa Heute spielen wir gegen 12 Mann da man uns damit Parteilichkeit unterstellt.

Ich will nicht leugnen, dass es Schiedsrichter geben mag, die parteiisch sind aber das dürfte die ganz große Minderheit sein. Schon öfter dürften die Schiris vorkommen, die Heim-Schiedsrichter sind, aber auch die machen das sicher nicht mit Absicht, sie sind auch nur, wenn auch schwache, Menschen; aber auch die sind eine kleine Minderheit. Womit wir aber schon beim Thema Mensch wären: Wir sind auch nur Menschen! Wenn man uns angreift, gehen wir in Verteidigungsstellung, auch wenn das nicht bewusst passiert und schon kann es passieren, dass man als Schiedsrichter die eine Mannschaft strenger beurteilt. Ich verspreche Ihnen, dass wir uns bemühen, dies zu unterdrücken, ganz ausschließen lässt sich das nie.

Sie sind übrigens auch nur Menschen die auch Fehler machen können. Ihr größter Fehler ist, dass sie zu oft und zu lautstark schreien und uns die Spielleitung so unnötig schwer machen. Gerade bei Anwendung der Vorteilsbestimmung verstehen die Zuschauer oft nicht, warum der Schiri nicht oder spät pfeift und gerade ihre Zurufe erschweren es uns, die Vorteilsbestimmung anzuwenden, weil der regeltechnisch vorgesehene verzögerte Pfiff den Verdacht aufkeimen lässt, wie würden auf Zuruf pfeifen.

Natürlich ist Fußball kein emotionsloses Spiel und wir haben durchaus eine gehörige Portion Verständnis für Sie. Auch sind wir durchaus in der Lage, eine ganze Menge an Zurufen zu ignorieren, was wir übrigens auch bei den Spielern tun, denn ich verspreche Ihnen, würden wir alles genau hören, ginge nahezu kein Spiel ohne mehrere Platzverweise zu Ende. Im übrigen ist ein Zuruf Ey Schiri oder ein lautes Jaulen von anderer Qualität als so nette Komplimente wie Blindfisch und Co.

Übrigens: Wer meint, dass der Schiri-Job doch ganz einfach sei, der sollte sich nach dem nächsten Neulingslehrgang erkundigen, es gibt eigentlich keinen Fußballkreis, der genügend Schiris hat. Meist ist das Gegenteil der Fall und mancher Schiedsrichter ist öfter unterwegs als ihm lieb ist, damit möglichst zu jedem Spiel ein Schiri kommt. Natürlich haben auch wir Leute in unseren Reihen, die womöglich besser aufhören würden, weil sie warum auch immer keine Top-Leistungen (mehr) bringen (können). Der Preis könnte aber sein, dass es zunehmend Spiele ohne Schiri gäbe, wäre das besser?

Am einfachsten ist es, wenn einfach nur Fußball gespielt wird; sie sehen ein hoffentlich attraktives Spiel, auch wenn Team einmal verlieren sollte und wir freuen uns, wenn wir eigentlich überflüssig sind und als reine Zeitnehmer fungieren können, leider klappt das nur selten, aber das sollte unser gemeinsames Ziel sein.

Ach ja, noch eines: Wenn man einen Schiedsrichter nett und sachlich fragt und das Spiel nicht gar zu chaotisch verlief, werden die meisten Schiris auch gerne Auskunft über Regelfragen oder einzelne Entscheidungen geben. Akzeptieren Sie aber bitte, dass dies natürlich nur in der Pause oder noch besser nach Spielende möglich ist und dies keine endlose Sache sein kann. Akzeptieren Sie auch, dass der Schiri nun einmal so entschieden hat und nicht laut zugeben kann, dass es eine Fehlentscheidung war; bei vernünftigem Umgang miteinander wird er schon durchblicken lassen, wenn er selber gemerkt hat, dass er daneben lag.

Eines noch: Wir sind alle nur Laienspieler: Spieler, Schiedsrichter und Zuschauer und die meisten haben wichtigere Dinge im Leben wie Familie und Beruf. Lassen Sie es zu, dass Fußball für alle ein Hobby bleibt und denken Sie daran, wer mehr Professionalität fordert, wird dafür auch bezahlen müssen wollen wir das?

(c) Manfred von fussball-sr.de

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