Rafati: Frau und Familie für mich das Wichtigste

(igsr) Wir haben Babak Rafati zu einem Interview gebeten und er hat freundlicherweise zugesagt. Interessante Fragen und noch interessantere Antworten. Lest selbst!

IGSR: Herr Rafati, wann begann Ihre SR-Karriere? Sind Sie speziell gefördert worden und wie schnell sind Sie in den Profifussball aufgestiegen?

Rafati: Ich habe mit 16 Jahren meine SR-Karriere gestartet. Dabei habe ich damals, wie jeder andere auch, in der E-Jugend angefangen und habe keine Sonderbehandlung genossen. Mit 18 Jahren durfte ich

Babak Rafati
Babak Rafat

ann im Herrenbereich Spiele in der 4.Kreisklasse leiten und stieg Jahr für Jahr auf. Insgesamt musste ich 12 Spielligen im Herrenbereich durchqueren bis ich in der Bundesliga sowie international, als FIFA-SR, Spiele leiten durfte.

Wie lang waren Sie Schiedsrichter und wie viele Spiele haben Sie in der 1. und 2. Liga absolviert?

Insgesamt war ich 25 Jahre SR, davon 14 Jahre auf der DFB Liste und 4 Jahre auf der FIFA Liste. Ich habe über 200 Spiele in der 1.Liga, 2.Liga und im DFB Pokal geleitet.

Was tun Sie für den Schiedsrichternachwuchs? Ist Ihnen dieser besonders wichtig?

Aktuell bin ich viel beschäftigt, daher komme ich momentan nicht dazu mich um den Schiedsrichter-Nachwuchs zu kümmern. Ich bin Dozent in der freien Wirtschaft, aber auch gelegentlich als Referent bei Schiedsrichterversammlungen, und gebe meine Erfahrungen zum Thema Leistungsdruck,Mobbing und Strategien gegen Burn-out bzw.Depression weiter. Das ist nicht nur ein Problem im Spitzensport oder beim DFB, vielmehr ein Gesellschaftsphänomen und betrifft jeden im Alltag und im Beruf.

Die Nachricht über Ihren Freitod auf Grund von Depressionen schlug medial sehr große Wellen. Uns würde interessieren, wieso Sie sich zu diesem Schritt entschlossen haben und warum Sie nicht freiwillig (aus anderem Grund) zurückgetreten sind.

Ich wurde 18 Monate von meinen Schiedsrichter-Führungskräften systematisch gemobbt und bin dadurch depressiv geworden. In meiner Therapie wurde diese Entwicklung diagnostiziert.  Diese Krankheit hat die gefährliche Eigenschaft rationales Denken außer Gefecht zu setzen, daher habe ich aus dem Affekt gehandelt. Vorher war ich 41 Jahre seelisch kerngesund sowie  stark und niemals in einer geistigen Instabilität .Für den Weg zu dieser Krankheit durch die seelischen Schmerzen sind andere verantwortlich, für den Suizidversuch bin ich ganz allein verantwortlich. In meinen Vorträgen beschreibe ich offen und schonungslos wie auch selbstkritisch die Interaktion und wie man in eine derartig aussichtslose und lebensbedrohliche Situation gerät. Dabei tauche ich bewusst ganz tief in die Nacht mit ihren brutalen Gedankengängen ein, als ich mir das Leben nehmen wollte, um aufzuzeigen, wie weit ich mich selbst treiben lassen habe statt loszulassen. Gefühle von Männern ( Männer dürfen weinen !), Stärke demonstrieren wollen, Eigene Grenzen nicht erkennen, Perfektionismus, zu erkennen dass Schwäche auch Stärke beinhaltet…sind nur ein paar Stichworte.

Wie wichtig ist Ihnen seit dem Ihre Familie, insbesondere Ihre Frau Rouja?

Meine Frau und meine Familie sind für mich das Wichtigste. Sie waren in meiner schwierigsten Krise meines Lebens die einzigen Menschen, die aufopferungsvoll für mich da waren und haben mir dabei  niemals Vorwürfe für meine Tat gemacht. Somit haben sich die Prioritäten in meinem Leben verändert.
Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach soll gesagt haben, Ihnen stünde beim DFB die Tür offen – Fandel „Jeder darf Fehler machen, nur Du nicht, Babak.“ Wie kam es zu diesen Aussagen?
Zu Herbert Fandel:  Die Missstände beim DFB  stehen in meinem Buch. Wen das interessiert, der kann das dort nachlesen.
Zu Wolfgang Niersbach: Ich bin geheilt und wieder zurück im Leben. Es geht nicht um das Was in der
Foto: picture-alliance / Sven Simon/picture-alliance
Foto: picture-alliance / Sven Simon/picture-alliance

Vergangenheit, sondern um das Wie in der Zukunft. Was geschieht mit anderen Menschen, die in ähnlichen Situationen sind? Es gibt vier Millionen Menschen in Deutschland, die an Depressionen leiden. Wir sollten gemeinsam ein Konzept ausarbeiten, wie wir Fußballern, die an Depressionen leiden, nachhaltig helfen können. Ich würde gerne in die Lizenz-Vereine gehen und meine Geschichte erzählen – nicht wissenschaftlich, sondern in Fußballersprache. Ich möchte schildern, welche Fehler ich begangen habe und anschaulich darstellen, was die Probleme sind, wenn man in der Kritik steht und nicht zum Einsatz kommt. Da muss man Klartext reden. Der DFB ist eine Marke, er hat eine unglaubliche Reputation. Dabei geht es mir nicht darum über den DFB schlecht zu sprechen, sondern darum mich zu entwaffnen und nicht zu bewaffnen.  Wenn wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen, wäre das ein Signal an die gesamte Gesellschaft. Ich glaube, dass wir dafür sorgen können, dass Hilferufe künftig erhört werden und die Zahl der Selbsttötungen abnimmt.
Es wird in den nächsten Monaten ein Dokumentarfilm zu meinem Fall gedreht, damit anderen Menschen geholfen  und das Thema Depression enttabuisiert wird. Wissen schafft Verständnis! Dabei habe ich bereits bei meinen Vorträgen hervorragende Erfahrungen bei Führungskongressen in der freien Wirtschaft machen dürfen, was mir zeigt, dass die Menschen für dieses Thema sehr neugierig sind. Immerhin geht es um Leben und Tod.

Wenn Herr Niersbach oder der DFB diese Tür öffnet, dann werde ich hinein treten. Ich möchte eine „menschliche Revolution.
Sie haben letztens, beim Abschiedsspiel von Steven Cherundolo, Ihr Comeback als Schiedsrichter gegeben. Was war das für ein Gefühl, wieder auf den Platz zurückzukehren? Können Sie sich jetzt vorstellen, weitere Spiele, z.B. in der Regionalliga / Oberliga (also unbezahlter Fußball) zu pfeifen?

Die persönliche Einladung von Steven Cherundolo war für mich eine Ehrensache und ich habe sofort zugesagt,da wir uns jahrelang persönlich kennen. Es war ein schönes Gefühl . Ich war und bin leidenschaftlich SR und das wird sich durch die negativen Ereignisse auch nicht ändern. Ich habe auch schon neue Anfragen und Einladungen für spezielle Events als SR auf dem Platz.

In Deutschland wird man mich nicht mehr als SR im Wettbewerb sehen. Aber wenn  ich Angebote aus dem Ausland bekommen würde, dann wäre ich gesprächsbereit. Als SR sowie als Mentor.
Bei der WM haben 34 Fernsehkameras die Schiedsrichter „beschattet“. Hat dies den Druck auf die Schiedsrichter erhöht, und gab es, Ihrer Meinung nach, doch die angebliche Order von Massimo Busacca, möglichst lange auf Verwarnungen zu verzichten?
Babak-Rafati
Jeder SR auf dem Niveau muss mit der Kamerapräsenz und dem öffentlichen Interesse umgehen können. Sicherlich waren die Leistungen insgesamt überraschend schlecht.
Ob Massimo Busacca eine Order erteilt hat, kann ich nicht beurteilen.
Die Schiedsrichterrolle erscheint besonders belastend: ein einsamer Mann / Frau inmitten eines brodelnden Spiels. Erhöht dies den Druck auf die Schiedsrichter?
Ich glaube das ist ein Gesellschaftsproblem. Leistungsdruck in Zeiten der Globalisierung und Dynamisierung erfordert heutzutage leider eine Drei-Ellenbogen-Gesellschaft. Ich habe natürlich auch als SR Fehler gemacht. Aber die Antwort darf nicht systematisches Mobbing mit all seiner Wucht sein und ein Abschieben an den Rand der Gesellschaft zur Folge haben, sondern erfordert konstruktive Lösungen auf Augenhöhe. Wir müssen  wieder Werte wie Respekt,Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit  anwenden bzw.leben und sollten uns dabei alle hinterfragen, ob nicht das Miteinander und Füreinander viel harmonischer und lebenswerter ist als das was sich gegenwärtig in unserer Gesellschaft abspielt. Leistungsdruck und der Respekt  der Menschenwürde stehen nicht im Widerspruch.
Ich nehme meine gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst und appelliere  dabei an die Menschenwürde- das höchste Gut- und diese ausnahmslos nicht anzutasten.
Am Besten fangen wir schon heute damit an.
Interview: IG Schiedsrichter

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