Sascha Stegemann: „Wir sind keine geprügelten Hunde“

Schiedsrichter Sascha Stegemann aus Niederkassel pfeift in dieser Saison erstmals in der Ersten Fußball-Bundesliga. Im Interview spricht er über wütende Fans, akribische Vorbereitung und den Unterschied zwischen Macht und Selbstbewusstsein.  Von Lukas Zdrzalek

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Mit einem Pfiff kann er ein Stadion zum Kochen bringen: Sascha Stegemann (29) aus Niederkassel ist Schiedsrichter in der Ersten Fußball-Bundesliga. Er spricht über wütende Fans, akribische Vorbereitung und den Unterschied zwischen Macht und Selbstbewusstsein.

…Man muss schon genau hinschauen in der Wohnung von Sascha Stegemann, um zu erkennen, dass Fußball die Hauptrolle in seinem Leben spielt. Nur die Zeitschrift „Kicker“ deutet darauf hin. Stegemann ist Fußballschiedsrichter, mit dem Beginn der 1. Bundesliga an diesem Wochenende beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt: Er pfeift seine erste Saison in der höchsten deutschen Spielklasse. So aufgeräumt wie seine Wohnung in Mondorf ist, so unaufgeregt ist er im Gespräch…

Herr Stegemann, ein beliebter Schmähgesang von Fußballfans lautet: „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“. Wo parken Sie Ihr Auto?

SASCHA STEGEMANN: Das kommt auf die Spielklasse an: In den Bundesligen reisen wir oft mit der Bahn an. In den unteren Ligen fahre ich häufig mit einem Privatwagen zum Spiel und parke dort in abgetrennten Bereichen. Meistens passiert da nichts.

Meistens?

STEGEMANN: Bei einem Spiel haben Fans mal mein Auto zerkratzt. Bei der Partie ging es für ein Team um den Klassenerhalt, und ich habe drei ihrer Spieler vom Feld gestellt. Die Mannschaft ist dann abgestiegen, und ihre Anhänger wollten mir wohl einen Denkzettel verpassen.

Zuschauer grölen Schmähungen, zerkratzen Ihr Auto, Dank hören Sie selten: Soll ich Sie mal stellvertretend für Fußballdeutschland in den Arm nehmen?

STEGEMANN: Och Gott! (Er grinst) Wir kommen ja nicht wie geprügelte Hunde vom Sportplatz nach Hause. Schiri zu sein ist faszinierend, man lernt mit vielen Charakteren umzugehen und Persönlichkeit zu entwickeln. Man ist Bestandteil dieses wunderbaren Spiels, da muss mir niemand auf die Schulter klopfen.

Zukünftig pfeifen Sie in der Ersten Bundesliga, da steigt der öffentliche Druck noch mal. Wie gehen Sie damit um?

STEGEMANN: Ich bin in der Bundesliga bereits als Schiedsrichterassistent und Vierter Offizieller zum Einsatz gekommen – wie in der Vergangenheit konzentriere ich mich einfach auf das Wesentliche, auf meine Spiele und mich, ohne dabei im Einzelfall den Blick nach links und rechts zu vernachlässigen. Ich freue mich jetzt einfach auf meine neue Aufgabe.

Bei der Sie so viel Entscheidungsgewalt wie niemand sonst über Fußballstars wie Bastian Schweinsteiger und Traineridole wie Jürgen Klopp haben. Sind Sie ein Machtmensch?

STEGEMANN: Macht und Arroganz sind etwas Anderes als ein starkes Selbstbewusstsein, das ich brauche, um meine Aufgabe erfüllen zu können. Ich will die Fußballer ja nicht per se bestrafen, sondern für ein faires Spiel sorgen. Meine Entscheidungen müssen deshalb vor allem klar und nachvollziehbar sein – dafür brauche ich nicht immer viele Karten.

Ist ein Spiel aus Ihrer Sicht gut gelaufen, wenn Sie wenig Karten gezückt haben?

STEGEMANN: So pauschal kann ich das nicht sagen: Wenn ein Spieler rücksichtslos einsteigt, muss ich klare Grenzen setzen. Manchmal habe ich aber einen Ermessensspielraum, da macht es ab und zu mehr Sinn, die Situation mit einem Gespräch zu lösen.

Egal was Sie tun: Es muss immer sehr schnell gehen. Sind Fehlentscheidungen und Ärger da nicht programmiert?

STEGEMANN: Nein, weil ich immer wieder an Schulungen teilnehme und mich dort auf diese Extremsituationen vorbereite. Trotzdem passieren mir natürlich Fehler, weil ich auf dem Platz manchmal eine andere Perspektive habe und deshalb die Spielsituation nicht immer richtig einschätzen kann. Nur die TV-Bilder geben mir Gewissheit, ob ich richtig entschieden habe.
… Er öffnet auf dem Laptop eine Webseite des Deutschen Fußball-Bund (DFB), den Beobachtungsbogen. Darauf erscheinen Videos mit kritischen Szenen von einem seiner Spiele, die ein DFB-Beobachter ausgewählt hat. Union Berlin gegen FSV Frankfurt…

Wie viel Zeit nehmen Sie sich nach den Spielen, um Ihre Entscheidungen zu überprüfen?

STEGEMANN: Die Nachbereitung einer Partie dauert länger als das Spiel selbst. Noch im Stadion schaue ich mir mit dem DFB-Beobachter die Schlüsselszenen auf Video an, später bewertet er meine Leistung im Beobachtungsbogen. Im Laufe der Woche schaue ich mir die ganze Partie an und bespreche sie mit meinem Individualcoach, einem Ex-Schiri.

Zur Person

Sascha Stegemann (29) wurde mit 17 Jahren Schiedsrichter. Der Grund: Er wollte kostenlos Fußballspiele sehen, ein Privileg, das Referees in Deutschland haben.

2012 debütierte er in der Zweiten Bundesliga und ist bei 72 000 Unparteiischen in Deutschland einer von 23, die in der Ersten Bundesliga pfeifen. Jährlich zahlt ihm der Deutsche Fußballbund dafür ein Fix-Gehalt von 40 000 Euro. Zusätzlich bekommt er pro Spiel eine Prämie zwischen 500 und 3800 Euro. Stegemann lebt in Niederkassel-Mondorf und arbeitet bei der Stadt Köln.

Das klingt nach einem enormen Aufwand.

STEGEMANN: Ja, vor dem Spiel bin ich ähnlich akribisch: Ich informiere mich etwa über die Taktik und Strategie der Mannschaften. Für mich sind das wichtige Infos, weil ich so das Risiko senke, im Spiel überrascht zu werden. Dazu kommt noch der sportliche Teil: Ich mache nahezu täglich Lauf- oder Krafttraining.

…Stegemann klickt auf ein Video: Ein Berliner läuft in den Strafraum der Gegner, der Frankfurter Torwart rennt auf ihn zu, wirft sich vor ihm hin, der Union-Spieler fällt. Die Kurve brüllt. ..

Für die Fans ein klarer Elfer – für Sie nicht?

STEGEMANN: Beim Spiel bekomme ich die Reaktionen der Fans kaum mit, da bin ich wie in einem Tunnel und achte nur auf die Geschehnisse auf dem Feld. Hier habe ich keinen Elfmeter gepfiffen, da beide Spieler in gleicher Weise den Ball spielen konnten und dessen Richtungsänderung ein Indiz dafür ist, dass der Torwart ihn zuerst berührt hat. Der Angreifer stolpert also nur über den Keeper. Das Video bestätigt jetzt meine Entscheidung aus dem Spiel.

Wenn Sie entscheiden, toben Fans, dann müssen Idole gehorchen. Nach wessen Pfeife tanzen Sie?

STEGEMANN: Ich bin es nicht gewohnt, nach der Pfeife anderer zu tanzen. Aber ich bin immer gut damit gefahren, mich auch von meinen Mitmenschen überzeugen zu lassen.

Hier der Link zum Interview: http://www.ksta.de/niederkassel/bundesliga-schiedsrichter-aus-niederkassel–wir-sind-keine-gepruegelten-hunde-,15189206,28195390.html

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