Manuel Gräfe: „Alle Antennen ausfahren“

Die praktischen Fragen zum aktuellen Lehrbrief-Thema beantwortet dieses Mal FIFA-Schiedsrichter Manuel Gräfe.

FIFA-Schiedsrichter Manuel Gräfe (40) pfeift seit 10 Jahren Bundesliga.
FIFA-Schiedsrichter Manuel Gräfe (40) pfeift seit 10 Jahren Bundesliga.

Wie sollte ein Schiedsrichter seine Spielleitung anlegen, wenn er weiß, dass es zum Beispiel für beide Mannschaften um besonders viel geht?

Manuel Gräfe: Als Schiedsrichter sollte man jedes Spiel gleich angehen, das heißt sehr gut vorbereitet, immer hoch konzentriert und mit der gleichen „Strategie“ – egal in welcher Spielklasse und egal, was die Konstellation des Spiels erwarten lässt. Ich lasse grundsätzlich das Spiel zunächst „auf mich zukommen“ und entscheide dann je Spielverlauf, wie ich agiere. Denn es gibt auch Spiele, die vorher als brisant eingestuft wurden und dann passiert doch recht wenig. Genauso kann umgekehrt in einem vermeintlich normalen Spiel auf einmal von diversen Umständen „die Post abgehen“.
Die alte Spielleitungstheorie, die mir in meiner Anfangszeit oft angeraten wurde – „in den ersten 15 Minuten musst du zeige, wer der Herr im Haus ist“ – war für mich persönlich nie der richtige Weg. Ich versuche immer erstmal zurückzuhalten und die Spieler ihr Spiel machen zu lassen. Wenn sie mich als Schiedsrichter aber fordern, dann muss ich auch sofort da sein, das heißt aktiv und gezielt auf die Spieler und das Spielgeschehen positiv einwirken.

Was sind konkrete Merkmale im Spiel, anhand derer der Schiedsrichtererkennen kann, dass sich der Spielcharakter verändert und er reagieren muss?

Gräfe: Zunächst einmal ist wichtig, dass der Schiedsrichter jederzeit damit rechnet. Es gibt verschiedene Faktoren, die den Spielcharakter ändern können. Ganz simpel kann das zum Beispiel ein Tor, aber auch eine umstrittene wichtige Entscheidung des Schiedsrichters sein. Selbst nach gravierenden Entscheidungen, die von allen Beteiligten als korrekt empfunden werden, wie zum Beispiel ein Feldverweis oder ein Strafstoß, kann sich der Spielcharakter ändern. Weitere Beispiele sind übertrieben emotionale bis aggressives Trainerverhalten, verändertes Zuschauerverhalten und die Halbzeitpause mit einer möglichen taktischen Neuausrichtung oder kämpferisch veränderten Einstellung eines oder beider Teams.

All dies kann, aber muss nicht zu einer Veränderung des Spielcharakters führen. Optimal ist es, wenn der Schiedsrichter schon kleinste Veränderungen im Verhalten der Spieler oder dem Schiedsrichter gegenüber erkennt, denn das ist ein entscheidendes Merkmal. Er muss umgehend darauf reagieren, indem er zum Beispiel durch verstärkte Kommunikation mit den Akteuren eine Veränderung des Spielcharakters gar nicht erst zulässt.

Manchmal kann er das dennoch nicht verhindern. Dann heißt es „alle Antennen ausfahren“, indem er noch konzentrierter auf sich entwickelnde Aggressionen zwischen Spielern achtet und diese im Keim erstickt, um das Spiel konsequent nach Sinn und Geist der Fußballregeln zu Ende leiten zu können.

Welche praktischen Möglichkeiten hat der Unparteiische, seine Spielleitung umzustellen, wenn das Spiel seiner Einschätzung nach zu intensiv wird?

Gräfe: Es gibt mehrere Stellschrauben. Grundsätzlich sollte er noch kommunikativer werden, was aber nicht mit „Kumpelhaftigkeit“ verwechselt werden darf. Im Gegenteil: Er muss beim Ansprechen der Spieler noch deutlicher als zuvor Grenzen ziehen. Dabei muß das Ziel immer sein, die Spieler „mitzunehmen“, das heißt, sie davon zu überzeugen, dass sie sich gerade auf dem falschen Weg befinden und sich damit eher schaden als nützen.

Man kann natürlich auch due Spielführung enger gestalten, also weniger laufen lassen und bei den Spiel- und Persönlichen Strafen kleinlicher leiten. Schlecht angewandt, birgt das aber Gefahren: Man darf nämlich auch nicht überziehen, sonst wird es möglicherweise noch hektischer. Was dann helfen kann, ist, sich zum Beispiel mal nach einem Freistoßpfiff vor den Ball zu stellen und mit den Beteiligten reden. Dadurch nimmt man „Dampf raus“, weil es nicht gleich hektisch weitergeht, sondern alle Beteiligten ein wenig „runterkommen“ können.

Was kann der Schiedsrichter noch tun, wenn alle Maßnahmen nichts nutzen und ihm das Spiel sprichwörtlich „aus dem Ruder“ zu laufen droht?

Gräfe: Es gibt Abschnitte oder auch ganze Spiele, in denen man konsequent seinen Weg gehen muss, auch wenn das nicht einfach ist und häufig mit zum Teil heftiger Kritik im und nach dem Spiel verbunden sein kann.
Was man auf keinen Fall darf, ist „einknicken“, das heißt, klarste unauslegbare Entscheidungen umgehend oder sie gar zu unterlassen, weil man sonst noch mehr Probleme befürchtet. Dann werden Unsportlichkeiten belohnt und die Fußballregeln auf den Kopf gestellt. Der Unschöne Nebeneffekt dabei: Die Spieler merken sich für das nächste Spiel mit diesem Schiedsrichter: „Mit dem können wir es ja machen.“Der Autoritätsverlust ist vorprogrammiert.

Wenn es derart „aus dem Ruder läuft“, dass der Fußball allgemein oder Beteiligte groben Schaden nehmen könnten, sollte man auch einmal zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Dazu könnte in solchen Ausnahmefällen zählen, beide Kapitäne oder auch die Trainer zu sich zu holen und auf diese einzuwirken m sie an ihre Vorbildfunktion zu erinnern, aber auch an die des Fußballs insgesamt. Aber wie gesagt, dies muss die Ausnahme bleiben.

Ich wünsche den Schiedsrichtern in allen Spielklassen, dass sie mit ihren eigenen Mitteln und Methoden die Spiele immer in die richtige Bahn lenken können. [IGSR/rk]

Ihr Manuel Gräfe

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