Jetzt hat er wieder Zeit für Werder

Nicolai Rühmann ist seit 7 Jahren Schiedsrichter.

Diesmal hat er sich ausnahmsweise selber vom Platz gestellt. Mit 31 geht Nicolai Rühmann in Rente – aber nur in seinem Hobby. Peines ranghöchster Fußball-Schiedsrichter vom FC Pfeil Broistedt hat seine Karriere beendet. Abpfiff nach 17 spannenden Jahren!

Als Assistent winkte er Abseits sogar in der Regionalliga, leitete Partien bis zur Jugend-Bundesliga und Herren-Oberliga. Beim Hallenturnier um den „PAZ-Cup“ hält er den Schiri-Endrunden-Rekord. Doch nun will er sich aufs Familien-Leben und seinen künftigen Job als Latein- und Sportlehrer konzentrieren. Im Abschieds-Interview sprach er über kuriose Platzverweise, Trainer-Rumpelstilzchen und verrät, warum er derzeit an Krücken geht.

Nicolai, werden Schiedsrichter eigentlich auch böse gefoult oder wieso mussten Sie sich gerade das Kreuzband flicken lassen?

Nicolai (lacht). Nein, nein. Das ist ohne Fremdeinwirkung passiert. Ich bin bei einem Schiedsrichter-Einsatz in der Oberliga auf einem Kunstrasen-Platz in Northeim aus vollem Lauf gestürzt. Der Platz war ein bisschen nass. Drei Minuten habe ich danach noch versucht, weiter zu machen. Aber es ging nicht mehr. Mein Assistent Lukas Reineke musste übernehmen und nach einer Durchsage ist ein älterer Kamerad für ihn an der Linie eingesprungen. Dass ich mir bei einem Schiri-Einsatz mal das Kreuzband reiße, hätte ich auch nicht erwartet.

Die Verletzung ist aber nicht der Grund dafür, dass sie nach fast 17 Jahren Ihre Schiedsrichter-Karriere beenden?

Zumindest hat die Sache mir die Entscheidung erleichtert. Hinzu kam, dass mein Examen mit der nächsten Leistungsprüfung zusammenfällt und ich nicht weiß, wo ich danach als Lehrer arbeiten werde. Und ich will ehrlich sein: Es ist auch mal ganz angenehm, am Sonntag nicht quer durch die Republik für einen Regionalliga-Einsatz bis nach Flensburg oder für ein Jugend-Bundesliga-Spiel bis nach Cottbus zu reisen, wenn man montags wieder um 6 Uhr aufstehen muss. Meine Lebensgefährtin findet es bestimmt auch ganz nett, wenn ich am Wochenende mal zu Hause bin.

Wie hat Ihre Karriere eigentlich begonnen?

Es war der Klassiker. Bis zur B-Jugend habe ich noch selber bei Pfeil Broistedt Fußball gespielt, bei einigen Entscheidungen der Schiedsrichter habe ich gedacht: Das kann doch nicht sein, das kann ich besser. Dann hat mein Bruder Alexander in der E-Jugend gespielt und ich habe die Spiele gepfiffen. Da erkennt man dann, wie schwer das eigentlich ist. Als mich mein Verein dann gefragt hat, ob ich nicht einen Lehrgang machen will, habe ich mich angemeldet.

Und vorm ersten Einsatz bekamen Sie das große Nervenflattern?

Ich war 14. Na klar ist man da aufgeregt. Ich bekam ein C-Jugend-Spiel zwischen Arminia Vechelde und VT Union Groß Ilsede. Ich weiß noch, dass Vechelde 7:2 gewonnen hat. Nach dem Spiel kam niemand zu mir und hat mich gelobt oder kritisiert – aber das ist für uns Schiedsrichter ein gutes Zeichen.

Welches Spiel werden Sie denn nie vergessen?

Ein Bezirksliga-Spiel in der Saison 2014/2015 zum Beispiel. Der VfL Salder erwartete Fortuna Lebenstedt. Erster gegen Zweiter. Wer gewinnt, steigt auf. 1600 Zuschauer kamen – das war einfach geil. Ein Flutlicht-Spiel am Freitagabend, ein enger Platz – so etwas macht Bock, das wird mir fehlen. Oder 2007. Da war ich in der Regionalliga zum Spiel zwischen Hannover 96 II und Eintracht Braunschweig II als Assistent in der AWD-Arena angesetzt. Bei der Rivalität der beiden Vereine war das etwas ganz besonderes – aber es ging alles glatt, wir wurden nicht zerpflückt.

Und was haben Sie sonst noch so Kurioses erlebt?

In der C-Jugend-Regionalliga fiel mal das Flutlicht im Eilenriedestadion aus, als wir gerade aus der Kabine gehen und das Spiel zwischen Hannover 96 und dem VfL Wolfsburg anpfeifen wollten. Da ging nichts mehr. In Cloppenburg mussten wir mal von Sicherheitsleuten vor einer aufgebrachten Menschenmenge geschützt werden. Bis zur 85. Minute hatten die Cloppenburger 1:0 geführt, dann mussten wir noch zwei Spieler mit Platzverweisen vom Feld entsorgen und die Mannschaft hat tatsächlich noch 1:2 verloren.

Blöd gelaufen. Gibt es denn einen Pfiff, den Sie noch heute bereuen?

Nein, auch wenn sicherlich falsche Pfiffe dabei waren. Aber einen konnte ich schwer erklären, obwohl er richtig war. In einem Bezirksliga-Spiel zwischen der SV Gifhorn und dem TSV Hillerse hätte ein Gifhorner den Ball nur noch ins leere Tor köpfen müssen, doch sein Gegenspieler verhinderte das mit einem hohen Bein, er traf ihn dabei aber nicht. Das war gefährliches Spiel und die Verhinderung einer klaren Torchance, aber keine klassische Notbremse. Es gab Platzverweis – aber keinen Elfmeter, sondern nur einen indirekten Freistoß. Das hat kein Zuschauer verstanden.

Wie finden Sie eigentlich Leverkusens Trainer Roger Schmidt?

(lacht) Jetzt wird es schwierig. Ich verstehe, dass ein Bundesliga-Trainer vermutlich sehr unter Strom steht. Das Problem ist, dass es bei Roger Schmidt nicht bei einem Ausrutscher blieb. Handzahm muss niemand sein, da darf auch mal gezetert werden an der Seitenlinie, aber es muss immer ein gewisser Respekt gegenüber dem Schiedsrichter gewahrt werden.

Und was halten sie von Bayerns Hitzkopf Franck Ribery?

Ein cooler Spieler. Was der Typ an Fouls einstecken muss – da würde mir vermutlich auch die Hutschnur platzen, auch wenn ich deshalb niemanden würgen würde. Sicherlich hätte er das eine oder andere Mal mehr vom Platz fliegen müssen. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man auf dem Feld Situationen mitunter ganz anders wahrnimmt, als im Fernsehen.

Hitzig geht es an der Seitenlinie auch beim PAZ-Cup zu. Was ist eigentlich schwieriger zu leiten: Die Peiner Hallen-Kreismeisterschaft oder ein Spiel in der Oberliga?

Ein Oberliga-Spiel ist entspannter. Die Nähe zu den Zuschauern, die Preisgelder: die Endrunde beim PAZ-Cup ist Druck pur, da ist volle Konzentration gefordert – das wird jeder Schiri bestätigen, der das schon einmal erleben durfte.

Kameras in jedem Stadionwinkel, zig Zeitlupen in der Fernseh-Bericht-Erstattung oder Ex-Kollegen, die alles besser wissen – Sind sie eigentlich froh, es nicht bis in die Bundesliga geschafft zu haben?

Im Endeffekt ja. Auf diesem Niveau zu pfeifen, bedeutet echte Strapazen, die einem keiner wirklich dankt und die Lebensqualität ein Stück runterschraubt. Es ist sicherlich kein Zufall, dass viele höherklassige Schiedsrichter Single oder geschieden sind.

Künftig haben Sie mehr Zeit am Wochenende. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Wenn ich bei Freunden eingeladen bin, muss ich jetzt nicht mehr sagen, ich fahre aber um 23 Uhr nach Hause, weil ich morgen früh noch nach Spelle an die holländische Grenze muss. Ich freue mich auf mehr Zeit mit Familie, Freunden, meinem Patenkind. Zu Schulzeiten habe ich im Swing-Chor des Ilseder Gymnasiums gesungen, vielleicht lasse ich das wieder aufleben. Und ich bin Fan von Werder Bremen, jetzt schaffe ich es endlich mal wieder ins Stadion.

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