Der Herr der Fußballregeln

DFB-Lehrwart Lutz Wagner (Foto: SRG Bayreuth, Marco Henschel)

Lutz Wagner ist seit sieben Jahren Schiedsrichterlehrwart des Deutschen Fußball-Bundes. Er hat auch Bibiana Steinhaus auf ihre Bundesliga-Premiere vorbereitet.

Herr Wagner, wie viele Fußball-Schiedsrichter gibt es in Deutschland?

Ungefähr 70.000 Schiedsrichter, von denen mehr als 58000 aktiv sind. Die übrigen fühlen sich ebenfalls den Schiedsrichtergruppen verbunden, nehmen an den Schulungsabenden teil. Aber sie pfeifen wegen ihres Alters keine Spiele mehr.

Gleichzeitig gibt es im Gebiet des DFB jedes Wochenende knapp 80.000 Fußballspiele. Da gibt es ja schon rein rechnerisch ein Problem, alle Partien zu besetzen. Wie wird dieses Defizit ausgeglichen?

Wir haben genügend Schiedsrichterkameraden, die an einem Wochenende zwei, drei und manchmal noch mehr Spiele pfeifen. Aber es stimmt natürlich, ist allerdings von Region zu Region verschieden: Wir schaffen es nicht mehr, alle Spiele zu besetzen. Dazu sind wir zu wenige. Das muss nicht immer schlecht sein, zum Beispiel, wenn im Kinderfußball Trainer und Betreuer zur Pfeife greifen. Dann erfahren sie, wie schwierig es ist, ein Fußballspiel zu leiten – selbst wenn da nur Sieben- oder Achtjährige unterwegs sind. Aber auch im Seniorenbereich bleiben zuweilen die untersten Klassen unbesetzt.

Wird sich das Problem verschärfen?

Das kann man nicht so einfach vorhersagen, denn auch die Zahl der Mannschaften dürfte schrumpfen. Wir bilden Jahr für Jahr zwischen 8.000 und 10.000 Schiedsrichter aus. Aber dieselbe Zahl springt auch wieder ab.

Warum das? Um welche Altersgruppe handelt es sich?

Es sind vor allem die jüngeren Schiedsrichter, die im ersten Jahr nach ihrer Ausbildung wieder aufgeben. Das liegt häufig an den Rahmenbedingungen. Damit meine ich zum Beispiel im Jugendfußball Eltern, die sich in ungebührlicher Art und Weise am Spielfeldrand aufführen. Mit Vorbildfunktion für die Kinder hat das gar nichts mehr zu tun. Und die jungen Schiedsrichter werden dadurch eingeschüchtert und gelangen ziemlich schnell zur Erkenntnis: Das muss ich mir nicht antun. Wir wollen deshalb ein Patensystem installieren. Das bedeutet: Ein erfahrener Schiedsrichter begleitet einen Neuling zu Fußballspielen. Ums Regeltechnische geht es da gar nicht in erster Linie, sondern vielmehr, den jungen Schiedsrichter vor Einflüssen von außen zu schützen. Große Landesverbände wie Bayern oder Württemberg setzen das schon um. Aber das muss in ganz Deutschland so laufen.

Was muss ein guter Schiedsrichter mitbringen?

Die Liebe zum Fußball und ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden haben. Natürlich muss er auch körperlich und geistig fit sein.

Sie sind nicht nur der oberste Regelhüter des DFB, sondern aktuell auch einer der Coaches von Bibiana Steinhaus, die am Sonntag mit der Leitung des Spiels Hertha BSC gegen Werder Bremen ihren Bundesliga-Einstand gibt. Wie läuft so ein Coaching ab?

Man begleitet seinen Schützling, muss als Coach aber nicht vor Ort sein. Wir bereiten Spiele vor und nach, das geschieht häufig in Videokonferenzen. Und es geht um grundsätzliche Dinge, zum Beispiel, welche Ziele bis wann erreicht werden sollen und wie viele davon umgesetzt worden sind.

Was ist die Stärke von Bibiana Steinhaus?

Ihre große Stärke ist die hohe Empathie, das total gute Einfühlungsvermögen gegenüber den Spielern. Das wird honoriert.

Und an was muss Sie noch arbeiten?

Im Bereich des taktischen Verständnisses für Spielabläufe. Konkreter gesagt meine ich damit, wie und wann man sich bewegt, um rechtzeitig an möglichen Brennpunkten zu sein. Dazu muss man das Spiel antizipieren, es vorwegnehmen. Verschiedene Parameter sind hilfreich: Wie ist der einzelne Spieler auf dem Feld ausgerichtet von seiner Position, von seinen technischen Fähigkeiten? Wie verhält sich die Mannschaft in Angriff und Abwehr? Mit all diesen Fragen muss man sich vorher beschäftigen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Bibiana Steinhaus ist da auf einem sehr guten Weg. Wir haben schon viel erreicht. Aber Sie haben mich danach gefragt, wo noch Luft nach oben ist.

4,85 Prozent aller aktiven Schiedsrichter in Deutschland pfeifen oberhalb der Kreisebene. Andersrum formuliert: Fast jeder Unparteiische geht in der näheren Umgebung seinem Hobby nach. Welche drei Tipps haben Sie als DFB-Lehrwart für die Amateurschiedsrichter?

Ein Anfänger muss sich eine gewisse Dickfelligkeit zulegen, was nicht mit Arroganz zu verwechseln ist. Dann ist es wichtig, so viele Spiele wie möglich zu pfeifen. Und schließlich muss man nicht jede Erfahrung selbst machen. Es gibt genügend versierte Schiedsrichter-Kollegen, von deren Erfahrungsschatz ein Junger profitieren kann.

(Quelle: Augsburger Allgemeine; Interview: Till Hofmann)

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