Schiedsrichter zu oft der Sündenbock

Dieter Ohls

»Ohne Schiedsrichter geht es nicht« heißt eine Image-Kampagne im NFV. Und dieser „Super-Gau“ ist am 12. März tatsächlich eintreten. Wie der „Schiedsrichtersausschuss – Bezirk Weser Ems“ entschied, wurden damals die Unparteiischen am bevorstehenden Spieltag in den Streik treten! Damit fielen fast 100 Spiele in Bezirk Weser Ems, also in den fünf Bezirksligen und der Landesliga, aus. Grund: Ein Sportgerichtsurteil, welches von Oberverbandssportgericht aufgehoben worden war. Weiterlesen.

Nun erklärte der Vorsitzende des Bezirkes Weser-Ems, Dieter Ohls aus Schortens (Kreis Friesland), warum er die Aktion damals für wichtig hielt. Kurz danach musste er zum Rapport beim NFV antreten.

Frage: Vor mehr als einem halben Jahr, am Sonntag, 12. März, wurden für viele Amateurspiele im Fußball-Bezirk Weser-Ems keine Schiedsrichter angesetzt. Damit wollten die Unparteiischen und auch der Verband gegen die mitunter schlechte Behandlung der Schiedsrichter durch Zuschauer und Spieler protestieren. Hat sich seitdem etwas verbessert?
Dieter Ohls (62): Das ist schwierig zu beantworten, weil die Behandlung von Schiedsrichtern kaum in Kategorien zu messen ist. Grundsätzlich war es an den ersten Spieltagen dieser Saison noch recht ruhig. Das ist aber immer so zum Auftakt einer Spielzeit. Zum Saisonende hin wird es dann hektischer. Wir wollten damals aber einfach ein Zeichen setzen und deutlich machen: So geht es nicht weiter!
Frage: Die Aktion war ungewöhnlich, weil Sie als Vorsitzender des Fußball-Bezirks Weser-Ems die Schiedsrichter darin unterstützt haben. Auf das Arbeitsleben übertragen würde das ungefähr bedeuten, dass ein leitender Angestellter eine bestimmte Personengruppe eines Unternehmens darin bestärkt, in den Streik zu treten. Die Chefetage, in diesem Fall die Führung des Niedersächsischen Fußball-Verbandes, wird davon nicht begeistert gewesen sein.
Ohls: Der Vergleich mit dem Streik hinkt etwas, aber ich weiß, was Sie meinen. Ich spreche lieber von einer Nicht-Ansetzung. Für mich war damals eine Grenze erreicht. Ich hatte schon mehrfach von unserem Schiedsrichter-Obmann gehört, dass sich bei ihm Eltern von jungen Schiedsrichtern melden, die besorgt über einige Entwicklungen auf den Plätzen sind. Diese Eltern fragten ihn: Was macht Ihr dagegen? Als dann noch hinzukam, dass eine schlimme Beleidigung eines Schiedsrichters in Firrel im Kreis Leer wegen des entsprechenden Sportgerichts-Urteils keine Folgen hatte, haben wir uns zu der Nicht-Ansetzung entschlossen.
Frage: Welche Reaktionen haben Sie erhalten? Viele Spiele mussten von Betreuern oder Ersatzspielern geleitet werden. Andere Partien fielen wegen angeblich schlechter Platzverhältnisse aus.
Ohls: Ich habe damals sehr viel Zuspruch erfahren, weil wir eben mit einem ungewöhnlichen Schritt auf die Behandlung und die Wichtigkeit von Schiedsrichtern hingewiesen haben.
Frage: Und wie hat die Führung des NFV reagiert? Sie waren schließlich eine Art Nestbeschmutzer.
Ohls: Einige Tage später wurde eine Präsidiumssitzung anberaumt, bei der ich die Angelegenheit erklären sollte. Vorher bin ich von vielen Leuten angesprochen worden, die meinten: Mensch, da kommt etwas auf Dich zu! Aber die Sitzung ist ganz ruhig abgelaufen. Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass ich mit der Nicht-Ansetzung gegen die Satzung verstoßen hätte. Und ich habe erklärt, warum ich so gehandelt hatte. Das ist alles ganz sachlich abgelaufen, es gab keine lauten Worte.
Frage: Wenn es weiterhin üble Beleidigungen gibt, würden Sie dann wieder einen Streik – pardon, eine Nicht-Ansetzung – organisieren?
Ohls: Darauf kann ich nicht klar mit Ja oder Nein antworten. Ich bin ja Bezirksvorsitzender und will nicht bewusst gegen Satzungen meines Verbandes verstoßen. Ich will ja, dass Fußballspiele ordnungsgemäß stattfinden. Auf der anderen Seite will ich aber auch Schiedsrichter schützen.
Frage: Was läuft denn grundsätzlich falsch bei der Behandlung der Unparteiischen?
Ohls: Natürlich macht ein Schiedsrichter auch mal Fehler, darüber müssen wir gar nicht reden. Mich stört aber, dass zu oft die Schuld auf ihn abgeschoben wird. Wenn ich lese, dass ein Trainer nach einer hohen Niederlage meint, es seien auch unglückliche Schiedsrichter-Entscheidungen dabei gewesen, macht mich das wütend. Ich muss doch erst einmal schauen, was ich selber falsch gemacht habe, bevor ich andere ins Spiel bringe!
Frage: Was ist toll daran, Schiedsrichter zu sein?
Ohls: Gerade für junge Menschen kann die Schiedsrichterei auf die Persönlichkeitsbildung großen Einfluss haben. Man lernt, richtig zu kommunizieren und man lernt, sich zu behaupten. Klar, es ist eine schwierige Aufgabe – aber sie ist sehr reizvoll.

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