Balsam für die Schiedsrichterseele

Balsam für die Schiedsrichterseele

29. November 2021 0 Von Simon Schmidt

Nach dem katastrophalen 12. Spieltag zeigten die DFB-Schiedsrichter an diesem Wochenende allesamt gute Leistungen. Besonders der Videoschiedsrichter wurde zum einen weniger benötigt und griff wenn es benötigt wurde immer korrekt ein. Zu VAR-Überprüfungen kam es nur am Freitag und Sonntag im Fußball-Oberhaus. Am Samstag wurden alle Spiele ohne schwere Fehler geleitet. Eine Übersicht und Einschätzungen zu den Eingriffen am 13. Spieltag in der 1. Bundesliga.

VfB Stuttgart 2:1 FSV Mainz 05 2:1 (SR: Dr. Matthias Jöllenbeck)

In der 25. Minute zeigte Schiedsrichter Jöllenbeck auf den Punkt, als der Mainer Keeper Zentner den Ball mit der Faust klärte und dabei Mavropanos abräumte. Jöllenbeck nahm offenbar fälschlicherweise wahr, dass Zentner erst den Gegenspieler dann den Ball erwischte. Die Videobilder legen jedoch offen, dass der Mainz 05 Schlussmann mit der Faust erst voll den Ball spielte, bevor er mit dem Stuttgarter Verteidiger kollidierte. VAR Thorben Siewer schickte Jöllenbeck in die Review-Area, wo Jöllenbeck den Strafstoß nach dem Betrachten der Videobilder zurücknahm. Die einzig richtige Entscheidung! [TV-Bilder – ab 1:05 Minute]

Eintracht Frankfurt 2:1 1. FC Union Berlin 2:1 (SR: Sascha Stegemann)

In dieser Partie kam es zu keinem VAR-Eingriff, aber zu einer interessanten Überprüfung des Strafstoßes für Union in der 61. Minute. Das Foul an Awoniyi selber war unstrittig, jedoch reklamierten die Frankfurter, dass der Ball vorher im Aus gewesen sein soll. Assistent Frederick Assmuth bewertete diese Szene von der Linie aus und zeigte deutlich an weiterspielen. Die Videobilder können diese Entscheidung nicht faktisch widerlegen.

Der Blickwinkel der Kameras verzehrt das Bild bei solchen Entscheidungen immer, weswegen bei der Torlinientechnik zahlreiche Kameras aus verschiedenen Perspektiven angewendet werden müssen, um das Überschreiten der Linie technisch feststellen zu können. Betrachtet man die Bilder aus den zwei noch am besten geeigneten Blickwinkeln ist der Eindruck eher, dass der Ball noch mit einem Teil auf der Linie war. Somit ist es absolut korrekt hier auf die Einschätzung von Assmuth zu vertrauen, der wirklich perfekt auf der Linie stand und es genau gesehen hat. Diese Entscheidung lässt sich durch die Videobilder nicht widerlegen, weswegen für den VAR kein Grund zum Eingreifen besteht. [TV-Bilder – ab 3:18 Minute]

RB Leipzig 1:3 Bayer 04 Leverkusen 1:3 (SR: Benjamin Cortus)

Im neunten und letzten Spiel des 13. Spieltags kam es zu zwei VAR-Eingriffen. Nach nicht mal zehn Minuten ging Leverkusen durch Diaby bereits mit 1:0 in Führung, doch schon früh regten sich Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Treffers. Denn der Vorlagengeber Adli stand beim Pass von Schick deutlich im Abseits. Jetzt stellt sich die Frage, ob der Leipziger Klostermann den Ball vorher absichtlich spielte und so eine neue Spielsituation auslöste. VAR Felix Zwayer hatte an der Einschätzung des Gespanns auf dem Spielfeld seine Zweifel und schickte Cortus an den Monitor, der und seinen Assistenten Dietz gleich mitnahm. Dort entschieden beide gemeinsam auf Abseits und gaben den Treffer nicht. Hier ist das Regelwerk leider etwas ungenau formuliert. Laut Regel 11 verschafft sich ein Spieler „keinen Vorteil aus seiner Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält. der den Ball absichtlich spielt […]“. Leipzigs Klostermann berührte den Ball in dieser Szene wohl leicht mit der Oberseite seines Fuß. Aber spielte er den Ball auch wirklich absichtlich? [TV-Bilder – ab 0:30 Minute]

Einfach im Sinne des Fußballs

Cortus bewertete es in der Review-Area als „deflection“, also das unabsichtliche Abfälschen des Balles. In diesem Fall ist es einfach eine Entscheidung in seinem Ermessensspielraum. Die Bewegung von Klostermanns Bein ist sicherlich ähnlich zu der beim Pokalviertelfinale Dortmund gegen Paderborn vor dem entscheidenden 3:2 durch Haaland in der Verlängerung. Also passen die Bewertungen der beiden Entscheidungen nicht wirklich zusammen. Da die Bewertung zwischen „deliberate play“ (gezieltes Spielen des Balles) und „deflection“ in solchen Situationen voll im Ermessensspielraum des Schiedsrichters liegt, ist die Entscheidung von Cortus aus meiner Sicht dennoch nachvollziehbar und auf alle Fälle mehr im Sinne des Fußballs. Genau das hatte man damals (unabhängig von der Regel) bei Stielers Entscheidung im Pokal kritisiert.

Aber wenn es doch eine Entscheidung im Ermessensspielraum des Schiedsrichters ist, wieso hat dann der VAR eingegriffen?

Für den VAR gibt es ganz allgemein zwei Möglichkeiten einzugreifen. Einmal bei „klaren Fehlentscheidungen“ und bei einer „falschen und fehlenden Wahrnehmung“ einer Szene. Zweiteres war hier ziemlich sicher der Fall, da sowohl Cortus als auch die beiden Assistenten das mögliche Spielen des Balles von Klostermann nicht vollständig korrekt wahrgenommen haben dürften.

Nach dieser komplizierten Entscheidung kam es kurz vor Schluss in der 86. Minute zu einem deutlicherem Review. Edmond Tapsoba spielte den Ball bei einer Flanke der Leipziger von der linken Seite im eigenen Strafraum mit dem Arm über dem Kopf. Hier lag auf alle Fälle eine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche vor. Auch bei der Absicht geht die Tendenz schon stark zu einem absichtlichen Spielen des Balles.

Fazit: Nach zu vielen schlechten Schiedsrichterleistungen am 12. Spieltag und vier fehlenden VAR-Eingriffen lief der 13. Spieltag für die DFB-Schiedsrichter umso besser. Nur drei Eingriffe wurden am gesamten Spieltag überhaupt getätigt, da die Schiedsrichter und Assistenten in der 1. Bundesliga die spielentscheidenden Szene nahezu alle korrekt bewerteten. Die drei Fehleinschätzungen in zwei von neun Spielen konnten durch den VAR gut korrigiert werden. So soll es funktionieren! Nachdem wir am letzten Spieltag die Referees für die schlechten Leistungen zurecht kritisierten, wollen wir an diesem Spieltag sie auch explizit für die guten Leistungen loben. Eine Tugend, die in der Allgemeinheit leider stets zu kurz kommt.

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