Der große Videobeweis-Gipfel

Der große Videobeweis-Gipfel

15. Januar 2020 1 Von IG Schiedsrichter
DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz-Michael Fröhlich und Videobeweis-Projektleiter Dr. Jochen Drees bezogen Stellung zum größten Aufreger an Spieltagen: dem Wirken des Videoassistenten. Es ist der Versuch, die Gemüter in der hitzigen Debatte zu beruhigen.

Nicht nur die Spieler, auch die Schiedsrichter nutzen die Winterpause für ein Trainingslager. Am Wochenende fliegen die Unparteiischen der Ersten und Zweiten Liga nach Portugal. Mit dabei sind auch ihre Chefs: Lutz Michael Fröhlich und Jochen Drees. Nach der Hinrunde, in der es viele Debatten wie etwa über den Einsatz des Videoschiedsrichters gab, gibt es einiges zu besprechen.

Herr Drees, hat sich Mario Gómez bei Ihnen gemeldet? Sie hatten den Stürmer, der verärgert war, weil ihm fünf Tore nach Videobeweis aberkannt worden sind, zu einem Besuch im Videokeller eingeladen.

Jochen Drees: Nein, wir hatten seitdem noch keinen Kontakt. Ich habe nur über die Medien mitbekommen, dass er offensichtlich nicht kommen möchte, weil er sich nicht persönlich eingeladen fühlt. Aber das Angebot steht natürlich weiterhin. Er kann jederzeit in das Video-Assist-Center kommen. Ich denke, je mehr Menschen über das Prozedere Bescheid wissen und vor Ort in Köln einen Einblick bekommen, wie die Prozesse ablaufen, umso mehr Verständnis und Akzeptanz wird es geben. Denn es sind immer noch einige Dinge öffentlich im Umlauf, die einfach weiterhin falsch dargestellt werden. So zum Beispiel eben auch die Darstellung, der Videoassistent hätte Herrn Gómez fünf seiner erzielten Tore weggenommen. Das ist sachlich einfach nicht korrekt, denn vier der fünf Tore wurden korrekterweise von den Schiedsrichterassistenten auf dem Feld als Abseits identifiziert

Akzeptanz und Verständnis scheinen beim Videoassistenten generell ein großes Problem zu sein.

Drees: Es gibt zwei Filme bzw. Beiträge über die Arbeit der Videoassistenten bzw. das Video-Assist-Center, die veröffentlicht und auch innerhalb der Liga an alle Vereine versendet wurden. Diese zeigen sehr detailliert die Abläufe in Köln und die Zusammenarbeit von Schiedsrichter und Videoassistenten. Inwieweit sich diese Videos dann aber auch wirklich jeder unvoreingenommen anschaut, wissen wir nicht. Auf Managertagungen und in den Vereinen waren wir darüber hinaus auch präsent und haben angeboten, sich unsere Arbeit im Video-Assist-Center mal anzuschauen. Einige haben das gemacht, andere nicht. Ich weiß nicht, ob das dann ein Zeitproblem ist oder Desinteresse. Wir können unsere Zeit aber auch nicht ausschließlich für Aufklärungsarbeit nutzen, sondern müssen zusehen, dass ein möglichst reibungsloser Spielbetrieb gewährleistet wird.

Im Dezember haben Sie einen Brief an die Klubs gesendet und daran appelliert, Druck aus der Debatte zu nehmen. Wie war das Feedback?

Drees: Grundsätzlich gut. Ich habe aber weiterhin den Eindruck, dass die Wucht der Debatten stark in Abhängigkeit von der Tagesaktualität ist. Wenn etwas passiert, kocht das Thema immer wieder hoch. Manchmal dient das Ganze offenbar auch als eine Art Ventil. Die sachliche Diskussion bleibt leider oftmals auf der Strecke.

Lutz-Michael Fröhlich: Wenn jemand nicht direkt betroffen ist, haben wir in Bezug auf die Entwicklung des Videoassistenten grundsätzlich ein positives Feedback. Die immer wiederkehrende Aufregung resultiert zumeist aus der Betroffenheit Einzelner und bezieht sich stets auf ein Ereignis am Spieltag. Mit ein wenig Abstand erreichen wir dann aber auch diese Leute und können die Dinge sachlich aufarbeiten. Eine generelle und dauerhafte Kritik am Videoassistenten gibt es eigentlich nicht. Die teils überkochenden Debatten sind letztlich eben auch der enormen medialen Präsenz des Fußballs geschuldet.

Quelle: Welt.

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