Ein rau gemachtes Klima

Ein rau gemachtes Klima

15. Februar 2021 1 Von IG Schiedsrichter

Warum Schiedsrichter nichts mit Außerirdischen gemeinsam haben und die Entscheidungsträger nichts mit Politikern gemeinsam haben sollten. Ein Appell zu mehr Fairness und Offenheit.

Ein Kommentar von Felix Stark

Vorab: Dieser Artikel gefällt sicher nicht jedem! Wer so denkt, darf dies gerne mitteilen, sollte jedoch auf seine Äußerungen achten! Bevor es um das eigentliche Thema des Artikels geht, möchte ich auf den Umgang auf unserer (facebook)Seite aufmerksam machen!

Wir sind weder der Erklärbär des DFB, noch haben wir irgendeine Befugnis, auf dessen Entscheidungen einzuwirken! Wir sind eine unabhängige Seite, die von Schiedsrichtern betrieben wird, die das aus Leidenschaft tun und gerne analysieren, alle Fragen gerne beantworten und auch mal Dinge kritisch hinterfragen. Worauf wir allerdings bestehen, ist ein korrekter Umgang miteinander, weshalb alle Kommentare, die Beleidigungen beinhalten, oder Schiedsrichtern irgendeine Form von Straftaten unterstellen, streng gelöscht werden. Ausdrücklich unterstellen wir hier niemanden irgendwas und freuen uns über jede Reaktion, solange aber eben ein gewisser Umgang gewahrt wird!

Das führt auch gleich zum Thema. Wie erwähnt, werden hier häufig hitzige und teils wilde Debatten geführt. Deshalb die Frage: Können nur Schiedsrichter Schiedsrichter verstehen? Wir sind keine Aliens! Auch dieses Bild wollen wir hier verbessern.

Wir leben in schwierigen Zeiten. In Zeiten von Corona und exzessiver Meinungsäußerung. Der Lockdown lässt wenig andere Aktivität zu und lockt die Menschen vor die Fernseher, um den Fußballsport in Ausübung ihrer Privilegien genauestens zu begutachten. Wenn in diesen Zeiten allerdings einiges zusammenkommt und eine ärgerliche Häufung von Fehlern durch die Unparteiischen auftritt, wird es schwierig. Die Folge ist ein äußerst erhitztes Klima, das mehrere Ursachen hat.

Eine davon sind die Referees selbst. Sie sind, wie die Spieler und Trainer auch, Teil dieses riesigen Geschäfts. Da dieses Geschäft aber immer schneller und komplexer wird, sollten sich die Schiedsrichter hier nicht rausnehmen! Es gibt bereits einige Unparteiische, die der Öffentlichkeit gegenüber sehr souverän auftreten. Sei es der sympathische Verkehrskasper der Hamburger Polizei, Patrick Ittrich, der lockere fränkische DJ Deniz Aytekin, oder der immer souveräne Manuel Gräfe; sie alle kommen super an! Ein ähnlicher Entertainer, wie genannte Personen, zu sein, kann freilich nicht Voraussetzung für eine Karriere in der Bundesliga sein. Ein gewissen Maß an offener Kommunikation kann man aber erwarten.

In den letzten Jahren sind schon Dinge entwickelt worden, die in die richtige Richtung gehen. Zu erwähnen ist zum Beispiel der „Schiri-Talk“ auf der Podcast-App „Clubhouse“, wo Ittrich und Aytekin zusammen mit Top-Schiris anderer Sportarten Fragen beantworteten. Auch zu anderen Anlässen, wie zum Beispiel den kniffligen Abseitsentscheidungen im Pokal, wurde vorbildliche Kommunikation betrieben. Dabei hatte Patrick Ittrich den treffenden Satz gesagt: „Es gibt eine gewisse Pflicht zu Selbstinformation!“ Zweifellos, aber in gewisser Weise auch eine Pflicht zur Kommunikation!

Allerdings: Öffnen sich Schiedsrichter und betreiben beispielsweise Socialmedia-Accounts, dann werden diese bei der ersten kontroversen Entscheidung mit Beleidigungen überflutet. Dies mal nur zum nachdenken…

Pflicht zur Selbstinformation – das führt zur zweiten Ursache. Wenn ein Zuschauer nicht die rudimentärsten Regeln kennt, dann ist das – mit Verlaub – schlecht! Keiner verlangt, dass jeder, der Spaß am Fußball hat, sofort weiß, was der Unterschied zwischen absichtlichem Spielen des Balles und einer Torabwehraktion ist. Aber wenn man wüste Beleidigungen auf Felix Zwayer loslässt, weil dieser dem Augsburger Torwart wegen zu frühem Verlassens der Torlinie beim Strafstoß nicht die zweite gelbe Karte zeigte, ist das mehr als großer Unsinn und Unkenntnis elementarster Regeln! Wenn es dann doch mal wieder zu heftiger umstrittenen Entscheidungen kommt, dann sind die Kollegen Ittrich und Aytekin sicher wieder bereit, zu erklären.

Die dritte Ursache ist das Verhalten der Schiedsrichterführung: Nachdem sich Schiedsrichterchef Lutz-Michael Fröhlich und VAR-Projektleiter Dr. Jochen Drees lange mit Blankett-Aussagen gegenseitig überboten und die krampfhaft hoch gehaltene, den VAR fast komplett sperrende Eingriffsschwelle immer weiter Probleme machte, wurde der öffentliche Druck immer größer.

Als es dann in Kiel zum nächsten groben Fehler kam und VAR Martin Petersen am nächsten Tag von seinem Spiel abgezogen wurde, kam der Eindruck eines Bauernopfers auf. Noch kurz zuvor hatte Drees im ‚Kicker’ eindeutig erklärt, keine Schiedsrichter zu bestrafen, oder gar zu sperren. Dann folgte der Abzug von Petersen und erst am nächsten Tag, nachdem der Sachverhalt durch alle Medien ging, äußerte sich Boss Fröhlich.
Betrachtet man die Einteilungen genauer, so wurden bereits bei vergangenen VAR-Fehlern Schiedsrichter aus der Schusslinie genommen. Dann fragt man sich aber umso mehr, warum Dress zuvor anders kommunizierte und noch viel mehr, warum Petersen beim Spiel in Bremen zunächst überhaupt noch angesetzt wurde.
Seien sie doch so richtig, so sind diese Maßnahmen ein Kratzen an der Oberfläche! Ohne das Senken der Eingriffsschwelle wird der VAR niemals Akzeptanz erhalten. Es kann nicht sein, dass objektiv falsche Entscheidungen weiterhin stehen bleiben.

Allerdings wird es realistischerweise auch kein Allheilmittel sein! Kommt es, wie beim Spiel des BVB gegen Hoffenheim, zu einem so deutlich vorgelagerten einfachen Foulspiel, dass eine spätere Situation in einer anderen Angriffsphase liegt, wird der VAR auch in Zukunft nicht helfen! Von diesen Erwartungen muss man sich definitiv verabschieden!

Wir leben in schwierigen Zeiten. Lassen wir sie uns nicht noch schwerer machen! In den vergangenen Wochen erhielten Erstligaschiedsrichter in England und Portugal Morddrohungen. So etwas darf nicht vorkommen und ist aufs schärfste zu verurteilen! Der Sport leben von Emotionen, aber auch von einem anderen, alles überstrahlenden Wert – der Fairness!

Ich habe fertig!

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