Erinnerungen bewahren: Chronik über die „schwarze Zunft“

Erinnerungen bewahren: Chronik über die „schwarze Zunft“

2. Januar 2019 0 Von IG Schiedsrichter

Ralf Wittchen schrieb eine „Fußball-Schiedsrichter-Chronik für das Land Brandenburg (Foto: Georg Zielonkowski)

Ziel von Ralf Wittchen war es, die Namen früherer Schiedsrichter aus dem Dunkel der Vergessenheit herauszuholen – am Ende wurde aus dem Projekt ein ganzes Buch: die „Fußball-Schiedsrichter -Chronik für das Land Brandenburg“.

Fast 3000 Namen, historische Dokumente, interessante Daten und Fotos – das verät bereits Buchcover über den Inhalt des Werkes, an dem Ralf Wittchen viele Monate lang gesessen hat. Mehr als 50 Jahre ist es her, dass der Referee aus Cottbus den Schiedsrichterschein gemacht hat. Als Unparteiischer schaffte er es bin in die DDR-Liga, die zweithöchste Spielklasse damals. Als Linienrichter amtierte er sogar bis in die DDR-Oberliga.

Nach der Zeit als Aktiver folgten verschiedene Tätigkeiten auf Kreis- und Landesebene, und auch heute noch beoachtet Ralf Wittchen im Umkreis von Cottbus junge Schiedsrichter bei ihren Spielen in der Verbands- und Landesliga. „Jungen Schiedsrichtern Hinweise und Erfahrungen weitergeben zu können, macht mir Spaß“, erzählt der heute 69-Jährige, der gerne an Regel- und Weiterbildungslehrabenden im Kreis teilnimmt.

Bei diesen Veranstaltungen hat er die Erfahrung gemacht, dass vor allem die jungen Schiedsrichter oft zu wenig über die Vergangenheit wissen. Gerade die Namen älterer verdienter Schiedsrichter seien der heutigen Generation unbekannt. „Mein Ziel war es , eine Namensliste mit möglichst vielen Daten zu den Schiedsrichtern in Brandenburg zusammenzustellen. Die jungen Unparteiischen sollte auf diese Weise etwas über die Vergangenheit und die Geschichte des Schiedsrichterwesens in unserem Landesverband erfahren“, berichtet Wittchen.

Nach und nach stellte er fest, dass es nicht nur die Namen, sondern auch viele Begebenheiten, von und mit Schiedsrichtern gab, die er unbedingt „konservieren“ wollte. Auch Beschlüsse von Gremien über die Vergütung, über Einstufungen, Ehrungen, Lehrgänge, grenzüberschreitende Einsätze erschienen ihm so interessant, dass er sie in die Chronik aufnahm. Genauso Kuriosiäten wie zum Beispiel die sozialistische Zuteilung von Schiedsrichterkleidung oder Karikaturen, die die Schiedsrichter betreffen.

Schiedsrichter Ralf Wittchen vor dem Nachwuchs-Oberligaspiel Dynamo Dresden gegen Wismut Aue im Jahr 1989. Linienrichter waren damals die beiden DDR-Liga-Schiedsrichter Frank Leopold und Wolfgang Schulz.

Um das Material zu sammeln, hatte Ralf Wittchen viele ehemalige Schiedsrichter angeschrieben und um Zuarbeit gebeten. Darüber hinaus arbeitete er jede Ausgabe der „Fußball-Woche“ ab 1976 und alle Ansetzungshefte  der Bezirke Potsdam und Cottbus durch, die jemals gedruckt wurden. Außerdem die vielen Mitteilungsblätter der damaligen Bezirksausschüsse.

So saß Ralf Wittchen ein halbes Jahr lang mehr als nein Stunden täglich am Schreibtisch und fütterte seinen Computer mit Daten. „Beim Durcharbeiten der Dokumente und Materialien habe ich das, was ich für wertvoll erachtete, sofort eingetippt. In der Schlussphase musste ich andere Programme von meinem Computer löschen, weil es sonst die Speicherkapazität nicht mehr ausgereicht hätte“, erzählt er.

Die Arbeit sei zwar zeitrauend gewesen, aber er habe sie nie als anstrengend empfunden. Erst als das Frühjahr gekommen sei, habe er erstmals etwas Zeitdruck gespürt: „Da wurde es etwas schwieriger, die Arbeit im Garten und die Arbeit am Buch unter einen Hut zu bringen. Aber meine Frau hat mich in dieser Phase – wie übrigens schon zu meiner aktiven Schiedsrichter-Zeit.“

Für die Druckkosten ging Ralf Wittchen persönlich mit einem mittleren vierstelligen Betrag in Vorkasse. Nachdem inzwischen aber alle Bücher verlauft sind, sind diese Unkosten immerhin gedeckt – nicht mehr und nicht weniger. „Manche Schiedsrichterfreunde vermuten, dass ich durch den Verkauf der Bücher reich geworden sei“, lacht der Schreiber, der sich wegen des Projekts beim Finanzamt sogar als Kleinunternehmer anmelden musste.

Ihm sei es aber von Anfang an nie darum gegangen, finanziellen Profit aus der Aktion zu schlagen: „Ich habe die Chronik zusammengestellt, um dem Vergessen – was in unserer Gesellschaft und auch im Schiedsrichterwesen so weit verbreitet ist – vorzubeugen.“

Und in einer Sache ist sich Wittchen sicher: „Wenn in den Verbänden und in den Vereinen Traditionen mehr gepflegt würden, auch und gerade in Schiedsrichtergruppen, dann wäredie Gewinnung neuer Unparteiischer sicherlich etwas leichter. Das Schiedsrichterwesen sollte ein lebendiges Geschichtsbuch sein – wo aus den Funken, die noch in den Alten glimmen, neue Flammen werden.“

Text: David Bittner, DFB-Schiedsrichter-Zeitung 1/2019 (Print).

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