Recht und Gerechtigkeit

Recht und Gerechtigkeit

3. Februar 2021 3 Von IG Schiedsrichter

Dank zweier mutigen Außenseitern wurde der Pokaltag für zwei Schiedsrichter besonders arbeitsreich. Im (nachvollziehbaren) Kreuzfeuer der Kritik standen besonders die Videoassistenten – obwohl sie nicht anders handeln konnten.

Von: Felix Stark

RW Essen 2:1 n.V. Bayer 04 Leverkusen (SR: Daniel Schlager) [TV-Bilder]

1. Karim Bellarabi setzte im eigenen Strafraum seinen Körper im Duell mit Kevin Grund energisch ein, worauf dieser zu Boden ging. Schiedsrichter Daniel Schlager ließ das Spiel weiterlaufen und tat dies auch zu Recht, da Bellarabi im Zweikampf eben stabil blieb und hier keine eindeutige Stoßbewegung zu erkennen war. So reichte diese Aktion für einen Strafstoß als schärfste Spielstrafe eben einfach nicht aus.

2. Simon Engelmann war dabei, einen Steilpass vor das Tor der Leverkusener zu erlaufen und wurde von Timothy Fosu-Mensah gehalten. Schlager pfiff nicht und auch VAR Tobias Reichel meldete sich nicht. Hier stand eine „Notbremse“ im Raum. Das Foulspiel ist zweifelsfrei zu erkennen und hätte geahndet werden müssen! Jedoch ist aufgrund der Position des Stürmers und dem hart geschlagenen Ball für den VAR nicht klar und eindeutig zu bestimmen, ob Engelmann hier eine klare Torchance inne gehabt hätte. Deshalb lag hier im Bezug auf die klare Torchance keine klare Fehlentscheidung vor! Zwingend hätte es aber zumindest eine gelbe Karte für den Leverkusener geben müssen. Bei einer solchen darf der VAR aber nicht eingreifen!

3. Felix Herzenbruch hielt Jeremie Frimpong fest, doch das Spiel lief weiter! Simon Engelmann erzielte dann wenig später das 2:1 für Essen. Allerdings musste der Außenseiter noch einige Zeit zittern, das sich VAR Tobias Reichel meldete und Schlager an den Monitor holte. Doch der Treffer zählte! Für den Fan liegt hier ein klar unbefriedigendes Ergebnis vor, denn das war ein Foulspiel! Zudem endet ein Haltevergehen dort wo es endet. Hätte es also Strafstoß geben müssen? Hier lag ein weiteres Problem, denn Frimpong schleppte sich mit aller Macht in den Strafraum, was Schlager dazu bewegte, ihm dabei Absicht zu unterstellen. Ein strenges, aber nachvollziehbares Urteil, was ein weiteres Dilemma des VAR offenlegt. Denn dieses klare Foulspiel, was nach dem Urteil des Unparteiischen einen Freistoß zur Folge haben sollte, kann durch den VAR nicht mehr geahndet werden. Warum? Da vom Foulspiel bis zum Torerfolg mehr Zeit verging, als eine durchgängige Angriffsphase. Nur in einer solchen kann ein einfaches Foulspiel im Vorfeld eines Tores noch geahndet werden! So zählte das Tor und Rot-Weiß Essen durfte die Sensation feiern!

Borussia Dortmund 3:2 n.V. SC Paderborn (SR: Tobias Stieler) [TV-Bilder]

1. Frederic Ananou und Uwe Hünemeier stoppten Erling Haaland vereint und mit viel Körpereinsatz. Schiedsrichter Tobias Stieler ließ das Spiel laufen und hatte damit auch Recht! Haaland hob schon vor der Berührung ab, welche dann an sich auch nicht ausreichend gewesen wäre.

2. Felix Passlack schlug im eigenen Strafraum am Ball vorbei und traf Gegenspieler Sebastian Schonlau. Das Spiel lief zunächst weiter und Haaland erzielte das vermeintliche 3:1. VAR Dr. Matthias Jöllenbeck meldete sich allerdings und holte Stieler an den Monitor. Dort sah er dann das deutliche Foulspiel des Dortmunders, nahm das Tor zurück und gab Strafstoß für Paderborn. Prince Osei-Owusu traf zum 2:2 und ebnete damit den Weg in die Verlängerung.

3. Dort ereignete sich dann die wohl umstrittenste Szene des Tages: Thomas Delaney bediente mit einem langen Ball Erling Haaland, welcher Torhüter Leopold Zingerle keine Chance ließ. Doch war der norwegische Topstürmer im Abseits?

Viele regeltechnisch und im Bezug auf die Anwendung des Videobeweises falsche Informationen wurden hierzu verbreitet, sodass wir damit zuerst einmal aufräumen wollen:

Zuerst also zur Theorie: Geht ein Spieler bewusst und absichtlich zum Ball und berührt diesen auf irgendeine Art und Weise, so wird dies als Zuspiel vom Gegner gewertet und das Abseits aufgehoben. Dann basiert die Anwendung des VAR in jedem Fall auf der Wahrnehmung des Gespanns auf dem Platz. So resultiert dann auch daraus, ob ein faktischer Eingriff vorliegt und ob der Schiedsrichter dann zur Überprüfung an den Monitor geschickt wird.
Konkret war die Frage, ob Haaland im Abseits stand, zu bejahen. Allerdings war es dann die Wahrnehmung von Tobias Stieler und Assistent Christian Gittelmann, dass der Paderborner Svante Ingelsson, der das Bein in Richtung Ball ausgefahren hatte, diesen auch berührte. VAR Dr. Matthias Jöllenbeck überprüfte diese Wahrnehmung dann und konnte sie nicht entkräften, weshalb das Tor am Ende zählte. Die Frage, ob eine Ballberührung vorliegt, ist eine rein faktische und benötigt keinen Review am Bildschirm. Andersherum würde das positive Feststellen eines bewussten Eingriffs einen Review erfordern.

Regel seit 2013 

„Erlin Haaland war im Abseits, aber der Ball wurde noch ganz leicht von Ingelsson berührt. Da das eine bewusste Aktion zum Ball war, wird beim „deliberate play“ das Abseits aufgehoben. Wie deutlich der Ball gespielt wurde und wohin er dann fliegt (ob die Aktion dann gelingt oder nicht), spielt beim „deliberate play“ keine Rolle, es geht nur darum, dass die Aktion bewusst ist“, so Schiedsrichterexperte Alexander Feuerherdt von ‚Collinas Erben‘. “

Am Ende stand also eine Entscheidung, die trotz korrekter Anwendung einen faden Beigeschmack hinterlässt. Zum einen, da die Ballberührung durch Ingelsson im Fernsehen nicht belegt werden konnte und zum anderen, da die Schwächen des VAR-Protokolls unübersehbar waren. Die Kritik von Steffen Baumgart ob der fehlenden Betrachtung der Bilder durch Stieler war also durchaus nachvollziehbar.

Am Ende fallen wohl wieder einmal Recht und gefühlte Gerechtigkeit im Bezug auf den Videobeweis deutlich auseinander. Doch wie funktioniert es besser? Die Wahrheit nach einer so langen Zeit mit dem VAR ist doch folgende: Es wird den perfekten Weg niemals geben!

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