Rekord in der Königsklasse

Rekord in der Königsklasse

29. April 2020 0 Von IG Schiedsrichter

Der Einsatz beim Achtelfinalspiel zwischen dem SSC Neapel und dem FC Barcelona war für FIFA-Schiedsrichter Dr. Felix Brych die 57. Spielleitung in der Champions League. Damit hat er die frühere Rekordmarke des dänischen FIFA-Schiedsrichters Kim Milton Nielsen geknackt.

In der aktuellen Ausgabe der DFB-Schiedsrichter-Zeitung (print) ist ein Interview von Thomas Roth mit dem nun alleinigen Rekordhalter , was die Anzahl von Spielleitungen in der Champions League betrifft.

Redaktion: Herr Brych, Sie sind seit 2008 in der Champions League aktiv und haben 57 Spiele dort geleitet. Können Sie sich noch an ihren ersten Einsatz erinnern?

Felix Brych: Natürlich, denn die Champions League ist mein sportliches Ziel gewesen. Das war im Oktober 2008Partie FC Liverpool gegen PSV Eindhoven. Ich stand gerademal eineinhalb Jahre auf der FIFA-Liste, die Berufung in den höchsten europäischen Vereinswettbewerb kam also sehr früh. Und sie war überhaupt nicht geplanz, denn ich war der Vertreter von Wolfgang Stark, der kurzfristig ausfiel.

Redaktion: War diese Kurzfristigkeit ein Problem für Sie?

Brych: Zum Teil. Die beiden Assistenten, mit denen ich in der Bundesliga unterwegs war, hatten international keine Berechtigung. Ich musste also andere suchen. Das tat ich ein paar Tage vor der Partie in Liverpool und erreichte Mark Borsch in Frankfurt während der Vorbereitung auf ein Bundesligaspiel. Mark war der erste, den ich verpflichtete. Er war auch in der Folge bei allen meinen Champions League-Spielen an meiner Seite. Der zweite Assistent war Volker Wezel, der allerdings nur einmalig eingesprungen ist. Für ihn kam Thorsten Schiffner in mein Team, dem 2012 Stefan Lupp folgte.

Redaktion: Wie lief die Premiere?

Brych:  In Liverpool hatte ich Gänsehaut, als ich erstmals live die Hymne der Champions League hörte. Damals spielte dort zum Beispiel noch Steven Gerrard, Einhovens Trainer hieß Huub Steevens. Ich hatte noch kein Headset. Das war damals international Pflicht, in der Bundesliga noch nicht. Die UEFA konnte auch die Schnelle keins besorgen, das mir passte, und ließ mich mit einer Sondergenehmigung ohne pfeifen.

Redaktion: 2009/10 war nach diesem kurzfristigen Einsatz als Stellvertreter Ihre erste richtige Saison in der Champions League, und Sie haben es sogar bis ins Viertelfinale geschafft. Das ist äußerst schnell…

Brych: Es war wirklich eine gute Saison, unter anderem mit dem Spiel Milan gegen Real vor 80.000 Zuschauern in San Siro. Das Viertelfinale war mein siebter Einsatz in der Champions League überhaupt, ein brisantes französisches Derby. In Erinnerung bleibt mir das noch aus einem anderen Grund: Die UEFA lud die gesamte Delegation am Vorabend in ein Restaurant von Paul Bocuse, dem berühmten Sternekoch, ein. So etwas ist mir natürlich nicht so wichtig, aber das war schon ein kulinarisches Erlebnis.

Redaktion: Sie haben sich also sehr schnell einen Namen in der Champions League erarbeitet. Macht es das einem Schiedsrichter einfachter?

Brych: Vor dem Milan-Spiel fragte die Presse zum Beispiel: „Wer zum Teufel ist Felix Brych?“ Es ist für einen Schiedsrichter wichtig, sich durch überzeugende Leistungen einen Namen und eine gewisse Reputation zu erarbeiten. Das macht es für ihn einfacher, es gelingt aber nur über einen Zeitraum von mehreren Jahren und mit konstanten Leistungen.

Redaktion: Bereits 2012 pfiffen Sie mit der Partie Chelsea gegen Barcelona Ihr erstes Halbfinale. Warum hat es dann mit dem großen Endspiel-Einsatz bis 2017, also für Ihren Werdegang relativ lange, gedauert?

Brych: Ein Schiedsrichter ist vom Abschneiden der Mannschaften seines Landes abhängig. Erreicht eine Mannschaft das Halbfinale, kommt er eigentlich nicht mehr für das Endspiel infrage. So war es auch bei mir, die deutschen Teams spielten zu dieser Zeit international eine gute Rolle. Ich hatte mich also mit guten Leistungen über einen langen Zeitraum in eine vielversprechende Position gebracht, aber es hat trotzdem nicht gepasst. Durch die genannte Konstellation war ich regelmäßig außen vor, bin im Jahr 2017 alles passte.

Redaktion: Waren Sie sicher, dass Sie nun dran waren?

Brych: Nein. Ausgerechnet in einer entscheidenden Phase, rund vier Wochen vor dem Finale unterlief mir eine meiner schlechtesten Leistungen in der Bundesliga. Beim Spiel Dortmund gegen Hoffenheim ging meinem Team viel daneben, ich habe mich später bei den Hoffenheimern sogar entschuldigt. Dennoch kam am Montag danach der entscheidende Anruf von Pierluigi Collina. Die Erfüllung meiner Träume, auf die ich viele Jahre hingearbeitet habe. Ein Spieler kann mehrfach das Finale der Champions League erreichen. Als Schiedsrichter bekommst du nur eine einzige Gelegenheit, wenn überhaupt.

Redaktion: Wie sind Sie diese einmalige Aufgabe angegangen?

Brych: Ich spürte deutlich die Last der Verantwortung, das größte Vereinsspiel der Welt zu leiten. Ein Außenstehender kann sich überhaupt nicht vorstellen, was das bedeutet. In den vier Wochen vor dem Anpfiff habe ich sogar angefangen, Tagebuch zu schreiben, was ich vorher und nachher nie getan habe. Ich habe dann alles dafür investiert, um bei dieser Partie mental und körperlich in absoluter Bestform zu sein. Wir sind zwei Tage vor dem Finale in Cardiff angereist. Ich war dort relativ entspannt, konnte gut schlafen.

Redaktion: Und wie lief das Endspiel zwischen Real Madrid und Juventus Turin?

Brych: Problemlos und unspektakulär. Die Nacht davor war super. Es waren fast 30 Verwandte und Freunde von uns bei der Feier in unserem Hotel – das ist nur beim Finale erlaubt, sonst sind die Schiedsrichter abgeschottet. Wir haben kein Ende gefunden und bis morgens gefeiert.

Redaktion: Welches von Ihren Spielen in der Champions League bleibt Ihnen noch besonders in Erinnerung?

Brych: Die Partie AC Mailand gegen FC Barcelona im Oktober 2013. Von den Vereinen her eine schöne Paarung, aber was noch bedeutender war: Es war das erste Spiel, nachdem ich kurz zuvor das Phantontor bei Hoffenheim gegen Leverkusen gegeben habe. Das war weltweit durch die Presse gegangen. Ich war brutal angespannt, konnte nachts kaum abschalten, selbst beim Abschlusstraining spürte ich den Druck, der auf mir lastete. Mit dem Anpfiff war ich hundertprozentig auf das Spiel fokussiert und konnte die Gedanken an das Phantomtor völlig ausblenden. Die Partie ist gut gelaufen für mich, und sie war ein Meileinstein auf  dem Weg zu meiner Berufung für das Finale vier Jahre später. Auch die UEFA-Beobachter haben, wie die gesamte Öffentlichkeit, ganz genau hingeschaut, ob ich es tatsächlich schaffe, diesem enormen Druck standzuhalten.

Redaktion: Was war der emotionale Moment in fast zwölf Champions League für Sie?

Brych: Diesen hatte ich im Halbfinale der vergangenen Saison, bei Ajax Amsterdam gegen Tottenham Hotspurs. Die blutjunge Ajax-Mannschaft hatte mit tollem Angriffsfussball ganz Europa begeistert und in der K.o.-Phase Real Madrid sowie Juventus Turin aus dem Wettbewerb geworfen. Das Hinspiel hatten die Niederländer mit 1:0 gewonnen. Zu Hause führten Sie zur Halbzeit 2:0, alles schien entschieden. Doch Lucas Moura erzielte mit zwei Treffern den Ausgleich, mit einem weiteren Tor wären die Spurs nun aufgrund der Auswärtstor-Regel weiter. Und wirklich gelang dem Brasilianer in der sechsten Minute der Nachspielzeit sein dritter Schlag und somit ein lupenreiner Hattrick. Absolute Fassungslosigkeit auf der einen Seite, überschäumende Freude auf der anderen – weder vorher noch nachher habe ich Gefühle so diametreal auseinanderdriften sehen wie in diesem Moment-

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