So arbeitet ein Schiedsrichter-Beobachter während Corona

So arbeitet ein Schiedsrichter-Beobachter während Corona

8. Juli 2020 1 Von IG Schiedsrichter

Normalerweise führt Schiedsrichter-Beobachter Michael Sahler auf den Tribünen aus. Doch aufgrund der Corona-Pandemie haben sich die Arbeitsbedingungen des früheren Bundesligaschiedsrichters verändert. Sein Arbeitsplatz ist jetzt die Couch im eigenen Wohnzimmer.

Der 49-Jährige Mutterstädter verfolgt die Spiele über seinen Fernseher, einem Internet stream und aus einem gepolsterten Sitz. Gedanklich in der VIP-Loge des Stadions. 😉 „An die Umstände muss man sich erst gewöhnen. Ich bin die Stadionatmosphäre gewohnt. Der direkte Kontakt zu den Vereinsverantwortlichen, Trainern und Schiris fehlt mir. Es ist für uns alle eine ganz neue Situation“, sagt Michael Sahler.

So war Sahler am 33. Spieltag der 3. Liga beim Spiel Unterhaching gegen Mannheim Beobachter und warf den Fokus auf den Freiburger Dr. Matthias Jöllenbeck, heute ist klar warum…
Für beide Mannschaften ging es um den Anschluss ans obere Tabellendrittel. Bei Dauerregen und einem am Ende mehr oder weniger leistungsgerechten 0:0-Unentschieden, war es nicht sonderlich spannend. Daher fiel das Fazit von Sahler recht kurz und nüchtern aus: „Es war ein normal zu leitendes Spiel mit einer souveränen Gesamtleistung des Schiedsrichters. Dieser war kein Thema während des Spiels. Das ist gut so.“

Etwa 15 Minuten besprach sich Beobachter Sahler mit Schiedsrichter Jöllenbeck. Normalerweise findet das Analysegespräch mit Videoanalyse mit dem gesamten Gespann in der Schiedsrichterkabine vor Ort statt. Doch diesmal glühten die Telefondrähte nach Unterhaching. „Ich versuche, das Geschehene mit dem Schiri zu reflektieren und Optimierungsmöglichkeiten für ihn im Hinblick auf die nächsten Spiele herauszuarbeiten“, sagt Sahler, für den ein Punkt wichtig ist: „Ich möchte kein Oberlehrer sein.

Im Anschlus muss der bei der BASF angestellte Diplom-Betriebswirt einen zehnseitigen Bogen an die DFB-Schiedsrichterkommission schicken, welcher auch an den Unparteiischen geschickt wird. Hierbei geht es um Punkte wie Spielmanagement und Regelauslegung ,Verhaltensmerkmale, Körpersprache, Kommunikation, Umgang mit Spielern sowie das Laufverhalten während der 90 Minuten. Dabei sind insgesamt 70 verschiedene Kriterien zu berücksichtigen. „Es ist ein faires Bewertungssystem, welches von dem Beurteilungssystem in den Amateurklassen deutlich abweicht. Ab der dritten Liga findet eine noch detailliertere Betrachtung statt, welche viele Facetten einer Spielleitung beinhaltet“, erklärt Sahler.

Zu seiner aktiven Zeit war Sahler als Linienrichter (ja, damals hieß das noch so) im Gespann von Helmut Fleischer, Markus Merk und Herbert Fandel und schnupperte er mehrfach ins Bundesliga-Oberhaus. Besonders erinnert er sich an die Eröffnung der Allianz Arena beim Spiel der Bayern gegen Gladbach zurück.  Beim 3:0 Sieg von Münchner fungierte Sahler im August 2005 als vierter Offizieller. Bis zu seinem 38. Lebensjahr hat der bei der FG 08 Mutterstadt selbst Fußball spielende Pfälzer den Schieds- und Linienrichterjob ausgeübt.

Von 2005 bis 2007 leitete Sahler 15 Spiele in der Zweiten Bundesliga. In der früheren Regionalliga Süd stehen 52 Einsätze für ihn zu Buche. „Irgendwann ließ sich das Zeitmanagement zwischen Beruf, Familie und Schiedsrichterei nicht mehr vereinbaren. Die große Perspektive als Schiri fehlte auch. Da habe ich mich für den Beruf entschieden“, berichtet er. Im Beobachtungswesen ist Sahler nunmehr im sechsten Jahr tätig. Erst beim Südwestdeutschen Fußballverband (SWFV), danach beim DFB. Darüber hinaus übt der Mutterstadter die Funktion des Headcoaches im Verband aus. In seiner Verantwortung liegen Beobachtungswesen und Ausbildung.

Nichts wünscht sich Sahler mehr als die Rückkehr zum normalen Fußballgeschäft. Alle Bundesligastadien hat er in seiner aktiven Zeit schon kennengelernt. „Mir geht es nicht anders als den Fans. Ich will bald wieder ganz nah am Geschehen sein und die Atmosphäre vor Ort verspüren“, hofft Sahler auf die baldige Rückkehr zum Gewohnten.

Für Dr. Matthias Jöllenbeck verlief das Spiel gut und der Schiedsrichter war kein Thema. So war es nicht verwunderlich, dass Jöllenbeck zur „perspektivischen Förderung talentierter Schiedsrichter“ in der kommenden Saison einige Bundesligaspiele pfeifen wird.

Herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg!

 

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