Strittige EM-Entscheidungen | Die Analyse der DFB-Schiedsrichterzeitung

Strittige EM-Entscheidungen | Die Analyse der DFB-Schiedsrichterzeitung

7. September 2021 0 Von Simon Schmidt

Auf insgesamt 6 Seiten der 5. DFB-Schiedsrichterzeitung in diesem Jahr widmen sich die Autoren Alex Feuerherdt und Rainer Werthmann in ihrer Analyse 9 interessante und zum Teil strittigen Entscheidungen der EURO2020.

Niederlande – Österreich 2:0 (SR: Orel Grinfeld)

Bei dieser Szene hat der Schiedsrichter zwei Zweikämpfe zu beurteilen gehabt, einmal zwischen de Vrij und Hinteregger sowie zwischen Dumfries und Alaba. Beide Mal ließ der Schiedsrichter weiterspielen. Bei der ersten Aktion ist das auf alle Fälle richtig, denn es lag einfach kein Kontakt vor, bei der zweiten erkennt man aber auf den Videobildern deutlich, dass Alaba seinem Gegenspieler auf den Fuß stieg. Das sogenannte „Stempeln“. Somit ist hier der Strafstoß nach VAR-Review letztlich die richtige Entscheidung. Hier ist die besondere Herausforderung für den Schiedsrichter, dass zwei Zweikämpfe mit möglichen Fußvergehen an der Strafraumgrenze vorliegen. Hier ist es laut den Autoren besonders wichtig, als Schiedsrichter aufmerksam zu sein, gerade wenn mehrere Zweikämpfe aufeinander folgen. [TV-Bilder]

Slowakei – Spanien 0:5 (SR: Björn Kuipers)

Auch bei der nächste Szene geht es um ein mögliches Fußvergehen im Strafraum, bei dem Schiedsrichter Kuipers zunächst Freistoß für die Slowakei gab, am Review-Monitor aber schließlich auf Strafstoß für Spanien entschied. Der Slowake Hromada wurde vom spanischen Spieler Koke im eigenen Strafraum unter Druck gesetzt und wollte den Ball wohl weiter rausschlagen. Als er zum Schuss ausholte, hatte er noch nur den Ball vor sich, doch noch bevor er den Ball traf, näherte sich Koke mit seinem Fuß den Ball, sodass Hromada schließlich nur das Bein des Gegenspiels und nicht den Ball traf. Auch wenn hier sicherlich keine Absicht bei Slowaken vorlag, ist es eindeutig ein Foul von ihm. Denn er traf nicht den Ball, stattdessen sehr deutlich den Fuß des Gegenspielers, der sich absolut regelkonform verhielt. Auch hier ist ein gutes Stellungsspiel und eine besondere Aufmerksamkeit des Schiedsrichter gefragt, um solche Szene korrekt wahrzunehmen. [TV-Bilder]

England – Dänemark 2:1 n.V. (SR: Danny Makkelie)

Die dritte Szene ist wohl mit Abstand die bekannteste und am meisten diskutierte Entscheidung der EM. Denn der von Danny Makkelie gegebene Strafstoß für England in der Verlängerung, war absolut spielentscheidend. Sterling drang über die rechte Seite mit viel Tempo in den dänischen Strafraum ein. Dort gibt es mit dem Dänen Maehle zunächst einen leichten Kniekontakt, danach ließ sich Sterling fallen. Für die Autoren wäre hier Weiterspielen die deutlich bessere Entscheidung gewesen, da für sie der Kontakt nicht ausschlaggebend für den Fall von Sterling war. [TV-Bilder]

Portugal – Frankreich 2:2 (SR: Antonio Mateu Lahoz)

Ausgangspunkt des nächsten Beispiels war ein Freistoß der Portugiesen, der in den gegnerischen Strafraum geschlagen wurde. Etwa 7 Meter vor dem Tor wollte Frankreichs Torwart Lloris den Ball wegfausten, doch der Portugiese Pereira war eher am Ball und spielte diesen vor Lloris. Der streifte im Anschluss noch den Ball, bevor er Pereira mit der Faust am Kopf traf. Schiedsrichter Lahoz entschied sofort auf Strafstoß und Gelb für Lloris, die einzig richtige Entscheidung. Denn der Torwart kam hier zu spät und war eben nicht als Erster am Ball, wenn dann auch noch der Gegenspieler so heftig getroffen wird, ist es in jedem Fall ein Foul, in dieser konkreten Situation auf alle Fälle auch noch ein rücksichtsloses. [TV-Bilder]

Belgien – Portugal 1:0 (SR: Dr. Felix Brych)

In der nächsten Szene geht es um eine Entscheidung des deutschen EM-Schiedsrichters Dr. Felix Brych, für die dieser stark kritisiert wurde. Der Belgier Kevin De Bruyne lief mit dem Ball bei einem Konter aus der eigenen Hälfte heraus, bevor er vom Portugiesen Palhinha rustikal zu Fall gebracht wurde. Brych gewährte zunächst den Vorteil und verwarnte Palhinha in der nächsten Spielunterbrechung. Es war die absolut richtige Entscheidung laut den Autoren! Denn Palhinha ging in dieser Szene zum Ball. Trotz der hohen Dynamik ist das Foul hier mit dem „Nachziehbein“ eben nicht brutal, sondern „nur“ rücksichtslos. Den Vorteil zu gewähren, macht hier laut den Autoren ebenfalls Sinn. [TV-Bilder]

Schweden – Ukraine 1:2 n.V. (SR: Daniele Orsato)

Die sechste ausgewählte Situation ist laut Alex Feuerherdt und Rainer Werthmann vor allem ein gutes Beispiel dafür, dass das Spielen des Balles kein Foul und auch keine persönliche Strafe ausschließen muss. In diesem Fall ging der Schwede Danielson mit dem langen Bein zum Ball und spielte diesen auch, bevor er seinen Gegenspieler mit dem durchgestrecktem Bein und offener Sohle am Knie/Oberschenkel traf. Schiedsrichter Daniele Orsato sprach zunächst nur eine Verwarnung aus, korrigierte seine Entscheidung aber am Monitor auf einen Feldverweis auf Dauer. Die absolut richtige Entscheidung laut den Autoren, denn hier liegt sowohl was das Trefferbild angeht, als auch was die Intensität betrifft ein brutales Foulspiel vor. Danielson hatte außerdem seinen Gegenspiel gesehen, sodass er eine Verletzung mit seinem Einsteigen absolut in Kauf nahm. [TV-Bilder]

Russland – Dänemark 1:4 (SR: Clement Turpin)

Bei der Partie zwischen Russland und Dänemark am dritten Spieltag der Vorrunde kam es zu einem Zweikampf zwischen dem Dänen Dolberg und den bereits verwarnten Russen Kuryashov, bei dem der Däne an der Außenbahn am Russen vorbeiging und erstmal viel Grün vor sich hatte. Das erkannte offensichtlich auch der russische Gegenspieler, der Dolberg festhielt und ihn so zu Fall brachte. Hier liegt ganz klar ein aussichtsreicher Angriff vor, der durch das klare Foulspiel von Kuryashov verhindert wurde. Schiedsrichter Clement Turpin entschied nur auf Freistoß und entschied sich gegen die Gelb/Rote Karte. Ein klarer Fehler. [TV-Bilder]

Türkei – Italien 0:3 (SR: Danny Makkelie)

Die vorletzte Szene handelt von einem Handspiel im EM-Eröffnungsspiel zwischen der Türkei und Italien. Der Italiener Spinazzola flankte von der Grundlinie in den türkischen Strafraum, wo der Ball vom Arm von Celik aufgehalten wurde. Der Türke kam durch das Handspiel in Ballbesitz. Schiedsrichter Makkelie ließ weiterspielen und auch das VAR-Team in Nyon griff nicht ein. Dabei handelte es sich hier um ein strafbares Handspiel, da der türkische Spieler laut den Autoren der Analyse die Körperfläche durch die unnatürliche Handhaltung vergrößert. Somit hätte es hier Strafstoß für Italien geben müssen. [TV-Bilder]

Italien – Spanien 4:2 i.E. (SR: Dr. Felix Brych)

In der letzten Situation aus dem EM-Halbfinale geht es ebenfalls um ein Handspiel im Strafraum. Dieses Mal ist es der italienische Verteidiger Chiellini, der den Ball im eigenen Strafraum mit dem Arm spielte. Doch lag hier ein strafbares Handspiel vor? Nein! Denn Chiellinis Bewegung in dieser Situation war absolut natürlich, letztlich ist der Ball gegen den Stützarm geflogen. Somit war die Entscheidung Weiterspielen von Dr. Felix Brych absolut richtig. [TV-Bilder]

Fazit: Auch wenn es bei der Europameisterschaft natürlich auch zu entscheidenden Fehlern der Schiedsrichter kam, war es dennoch insgesamt eine sehr gute Leistung der Schiedsrichter, gerade in Kombination mit den VARs im UEFA VAC in Nyon.

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