Warum die Schiedsrichter einen Aderlass befürchten

Warum die Schiedsrichter einen Aderlass befürchten

17. Juli 2020 0 Von IG Schiedsrichter

(Ludwigshafen) Einige Schiedsrichter gehören zur Risikogruppe. Was passiert aber, wenn die Saison wieder losgeht und kein Impfstoff entwickelt wurde? Hören viele Schiedsrichter deswegen auf? Eine Umfrage unter den Referees.

Die Schiedsrichter beschäftigt die derzeitige Tatenlosigkeit, wie etwa den Haßlocher Andreas Eberle, der für den VfB Iggelheim pfeift. „Er tigert durch die Wohnung und nervt seine Frau“, sagt Verbands-Schiedsrichter-Obmann Thorsten Braun aus Maikammer und lacht. Eine Darstellung, der Eberle nicht widerspricht. „Zuvor habe ich jeden Tag Spiele geleitet. Mir fehlt es kolossal, auf dem Platz zu stehen und zu pfeifen“, gibt der 65-jährige Eberle zu. Bedenken wieder einzusteigen, hat er nicht. „Ich werde auf jeden Fall weitermachen, lieber heute als morgen“, erklärt Eberle, der seit 42 Jahren Schiedsrichter ist und nichts von seinem Enthusiasmus eingebüßt hat. Er habe grundsätzlich eine positive Einstellung und hofft, dass der Fußball nach den Sommerferien wieder beginnt.

Wie sollen die Zweikämpfe gehen?

Ein Jahr älter als Eberle ist Roland Schäfer aus Frankenthal, der für den SV Studernheim pfeift. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Amateurbereich der Ball bald wieder rollt. Wie soll das gehen? Es kommt zu Zweikämpfen, Körperkontakt bei Eckbällen und Freistößen“, gibt Schäfer zu bedenken. Der langjährige Kreis-Schiedsrichterobmann, der 15 Jahre in Bundesliga und Zweiter Liga als Schieds- und Linienrichter eingesetzt war, ist skeptisch: „Die Situation ist nicht ungefährlich, deshalb werden wir lange auf Spiele, so wie wir sie kennen, warten müssen.“ So lange es keine Medikamente und keinen Impfstoff gebe, sei an Amateurfußball mit all seinen Begleiterscheinungen nicht zu denken. Schäfer leitet 30 bis 40 Spiele pro Jahr und pfeift noch bis zur Bezirksliga. „Ich befürchte, dass wir viele Schiedsrichter verlieren werden, nicht nur ältere“, betont er. Er selbst trainiert regelmäßig und ist „konditionell in sehr gutem Zustand“. Schäfer, seit 1971 Referee, pfiff einst im Olympia-Stadion ein Zweitligaspiel von Blau-Weiß 90 Berlin. „3000 Zuschauer waren da, und man hat jeden husten hören“, erinnert er sich.

„Ich habe keine Angst“

Seit 52 Jahren pfeift Leo Gospodarczyk aus Edenkoben, der beim FSV Freimersheim gemeldet ist. Und obwohl er schon 70 ist und wegen verstopfter Venen zwei Stents gesetzt bekam, steht das unverwüstliche Stehaufmännchen jede Woche auf dem Platz, pfeift Spiele bis zur B-Klasse. „Man muss das Virus ernstnehmen, ich habe aber keine Angst und werde auf jeden Fall weiterpfeifen“, legt sich der stellvertretende Obmann des Kreises Südpfalz fest. Infizieren könne man sich überall, und zu Hause einschließen sei keine Alternative. Gospodarczyk hält sich mit Wandern fit und hat sich zudem ein E-Bike gekauft. „Der Trainingsstart bei den Amateurklubs ist ein erster kleiner Schritt, doch ob es schon im September weitergeht, ist sehr fraglich“, ist Gospodarczyk vorsichtig. Sollte es eine zweite Infektionswelle geben, müssten Lockerungen zurückgenommen werden.

Weniger Teams

Ein Schiedsrichter mit Leib und Seele ist auch Rolf Scheib. Der 66-Jährige, der für den TuS Friedelsheim pfeift und im Ort auch wohnt, hat sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wie der Fußball der nahen Zukunft aussehen könnte. „Es ist nicht abzusehen, wann die Amateure wieder spielen dürfen. Der September-Termin ist reine Spekulation“, verdeutlicht Scheib. Doch wenn der Ball wieder rollt, dürfte der Friedelsheimer seine Form rasch erreicht haben. „Dreimal pro Woche bin ich im Sportstudio, mache an zehn bis zwölf Geräten meine Übungen, fahre Rad, gehe zum Physiotherapeuten und zur Massage“, listet Scheib seine Aktivitäten auf. Er stellt sich vor, dass den Spielern eingeimpft werde, den Referee nicht zu bedrängen und unbedingt den Abstand zu wahren. Er weiß aber, dass dies schwierig in die Tat umzusetzen ist. Seit 33 Jahren leitet der bis zur B-Klasse eingesetzte Scheib Spiele, aktuell noch immer 70 bis 75 pro Saison. „Je länger die Pause dauert, desto mehr Mannschaften werden verschwinden. Das gilt leider auch für Schiedsrichter“, prophezeit Scheib.

Der 62-jährige Gerd Fischer aus Speyer, der dem SC Hauenstein angeschlossen ist, ist den Fußballfreunden nicht nur als Spielleiter des FV Dudenhofen und von Phönix Schifferstadt bekannt, sondern auch als Schiedsrichter. „Nach meiner Spieler-Laufbahn habe ich mit dem Pfeifen begonnen und bin jetzt 25 Jahre dabei“, berichtet Fischer. Und jemand, der auf 150 Partien pro Serie kommt, oft auch unter der Woche im Einsatz ist, der bleibt bei der Stange. „Aufzuhören ist keine Alternative. Ich bleibe dabei, auch weil mir das Hobby viel Spaß bereitet“, erläutert der Speyerer, der bis zur B-Klasse pfeift. Da der Mindestabstand noch nicht aufgehoben ist, glaubt er nicht an baldige Spiele. An Fitness wird es dem immer noch ehrgeizigen Unparteiischen nicht mangeln. Zwei-, dreimal pro Woche läuft er seine Hausstrecke im Speyerer Norden ab.

„Im September wird wieder gespielt“

Schon 78 Jahre alt ist Fritz Müller aus Ludwigshafen-Gartenstadt, der für den VSK Niederfeld pfeift, sich mit viel Fleiß um den Schiedsrichter-Nachwuchs kümmert und alle Auszeichnungen der Vereinigung erhalten hat. Auch für ihn gilt: Kein Laufbahn-Ende wegen Corona. „Der Fußball nimmt einen zu großen Raum in meinem Leben ein. Seit fast 50 Jahren bin ich schon dabei“, berichtet Müller. Bis zur B-Klasse steht er seinen Mann und legt die Grundlage dafür mit regelmäßigem Lauftraining im Maudacher Bruch oder dem Stadtpark. „Ich bin optimistisch und glaube, dass im September wieder gespielt wird. Voraussetzung ist, dass das Infektionsgeschehen weiter zurückgeht“, sagt der Ludwigshafener. Die sonst übliche Rudelbildung um den Referee nach strittigen Pfiffen will Müller im Keim ersticken: „Man muss versuchen, die Spieler zurückzuweisen, damit es nicht zum Körperkontakt kommt. Reden ist ein Schlüssel zum Erfolg.“ Es werde nicht einfach sein, dies durchzuziehen, aber Müller ist zuversichtlich. „Erfahrene Schiedsrichter wissen sich zu wehren.“

Quelle: „rheinpfalz“ pay-Artikelvom 16.07.2020.

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