Wo bleibt die Härte bei Unsportlichkeiten?

Wo bleibt die Härte bei Unsportlichkeiten?

16. Dezember 2020 0 Von IG Schiedsrichter

Die englische Woche der Bundesliga begann am frühen Abend in Frankfurt, wo die Borussia aus Mönchengladbach zu Gast war. Der Unparteiische des Spiels war Benjamin Cortus aus Rothenbach, der ein denkwürdiges Spiel erlebte!

Von Felix Stark  

Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde öffentlichkeitswirksam eine härtere Gangart gegenüber Unsportlichkeiten angekündigt. War der öffentliche Aufschrei zu Beginn noch recht groß, so geriet es in letzter Zeit beinahe in Vergessenheit. Während bei einfachen Undiszipliniertheiten, wie Ballwegschlagen, zur Zeit eine merkwürdige Uneinigkeit herrscht, so werden in den letzten Wochen Dinge konsequent milde bestraft, die im Fußball noch weit weniger zu suchen haben, als einfache Meckereien. Ohrenkneifer, wie der des Leverkuseners Amiri am letzten Spieltag, oder Stoßen gegen die Brust, bzw. ein angedeuteter Kopfstoß wandelten hart an der Grenze zum Platzverweis! Wir meinen: Diesen hätten die Spieler für solche Aktionen absolut verdient!

Nach wenigen Minuten schob Alassane Plea bereits Martin Hinteregger in Torhüter Kevin Trapp hinein, der länger behandelt werden musste. Cortus beließ es, genauso, wie bei einer Konfrontation zwischen Armin Younes und Lars Stindl wenig später, bei einer Ermahnung. Die erste gelbe Karte erhielt Makoto Hasebe, nachdem er Laszlo Benes durch ein taktisches Beinstellen stoppte. Hier gelang Cortus eigentlich eine gute Einstiegsverwarnung, die aber leider zu keiner Sicherheit in der weiteren Kartenvergabe führte. Den folgenden Freistoß verwandelte Lars Stindl zum 0:1. Wenig später stoppte Stefan Lainer im eigenen Strafraum einen Schuss von Hinteregger mit weit erhobenem Arm, worauf Cortus völlig zu Recht auf Strafstoß, sowie Verwarnung für den Gladbacher entschied. Diesen verwandelte Andre Silva zum 1:1.

Eine Unachtsamkeit des Schiedsrichtergespanns führte zum 2:1: David Abraham führte tief in der eigenen Hälfte einen Freistoß aus, welcher allerdings noch leicht rollte. Unverständlich, warum dies nicht zurückgepfiffen wurde. Den Ball erhielt Aymen Barkok, der für Andre Silva auflegte, welcher zur Frankfurter Führung traf. Natürlich reklamierten die Gladbacher massiv, doch VAR Dr. Robert Kampka durfte nach den Regularien nicht eingreifen! Eine solche Situation führt in den seltensten Situationen zum Tor und Gladbach müsste auch in der Lage sein, das zu verteidigen. Dennoch brachte sich das Gespann hier in eine Situation, in der sie durch Unachtsamkeit für Hektik sorgten und an Akzeptanz einbüßten.

Wenig später erhielt David Abraham eine gelbe Karte, die noch Folgen haben sollte. Er verhielt sich unclever, legte die Hand auf Stindls Schulter und bot diesem die Möglichkeit, zu fallen. Schiedsrichter beurteilen oft Bewegungsmuster und nicht alles, was nach taktischem Foul aussieht, ist auch wirklich eines. Der Sturz von Stindl war deutlich gewollt und hatte absolut keinen Zusammenhang mit dem kurzen Handauflegen. Weiterspielen wäre die bessere Entscheidung gewesen.
Kurz darauf ging es dann spektakulär mit einem Tor weiter: Barkok streichelte den Ball mit der Sohle, spielte seine Gegner damit locker aus und schob den Ball zum 3:1 ins Tor.
Die Uneinheitlichkeit in der Kartenvergabe wurde kurz vor der Pause noch einmal deutlich, als Marius Wolf sich zum zweiten Mal ein knackiges Fußfoul leistete und nicht einmal ermahnt wurde.

Der zweite Durchgang startete unspektakulär und die Akteure schienen, den hohen Belastungen der letzten Wochen Tribut zollen zu müssen. Erst 15 Minuten vor Schluss läutete die berechtigte Verwarnung gegen Dominik Kohr, der Christoph Kramer auf den Fuß stieg, eine Schlussphase ein, die es in sich haben sollte.
Auch Denis Zakaria leistete sich ein Beinstellen gegen Kohr, worauf Cortus auf Strafstoß und Verwarnung entschied. VAR Kampka griff allerdings ein und korrigierte die Position, weshalb es nur Freistoß für die Eintracht gab.

Geschlagen geben wollte sich die Borussia wohl noch nicht und allen voran der eingewechselte Breel Embolo brachte Körperlichkeit ins Spiel. Er tankte sich durchs Mittelfeld und wurde erst von Sebastian Rode und dann vom bereits verwarnten Abraham angegangen. Cortus erkannte die Fouls völlig korrekt, wartete aber unnötig lange mit der Kartenvergabe. So schaltete sich Rode erneut ein und begann eine Konfrontation mit Embolo, welcher diesen dann zu Boden stieß. Eine Rudelbildung entstand, nach deren Ende, sowie Absprache mit Assistent Marco Achmüller, mehrere Karten verteilt wurden, welche genauer thematisiert werden müssen: Rode erhielt eine gelbe Karte, die nach Foul und gehöriger Teilnahme am Rudel unstrittig korrekt war. Dann wurde Abraham mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Das zweite Foul des argentinischen Raubeins war ein leichtes Ziehen gegen den davonstartenden Gegner, was man absolut als taktisches Foul sehen kann. Aufgrund der falschen ersten Verwarnung sah dieser Platzverweis aber mehr als hart aus. Nicht zuletzt erhielt Embolo für seinen Stoß eine Verwarnung mit mehr als dunkler Färbung. Wie bereits erwähnt, finden wir, dass im Zuge einer strengeren Ahndung solcher Dinge der Platzverweis kommen sollte!
Weiter ging es mit dem arbeitsreichen Abend für Cortus, als Barkok Embolo im eigenen Strafraum auf den Fuß stieg. Strafstoß und Verwarnung waren die klar richtigen Sanktionen! Lars Stindl verkürzte zum 3:2. Doch das Spiel war lange nicht vorbei: 6 Minuten Nachspielzeit wurden angezeigt, welche auch wieder Ausdruck einer uneinheitlichen Auslegung sind! 6 Minuten sind möglich, doch beim nächsten Spiel mit gleichen Unterbrechungen gibt es wieder 3-4 Minuten. Hier liegt ein weiterer Punkt, bei dem man es sich selbst schwer macht.
Kurz vor dem Ende agierte Cortus dann noch einmal nicht falsch, aber maximal unglücklich: Stindl foulte Kohr gelbwürdig, worauf der Vorteil laufen gelassen wurde. Dieser trat nicht ein, sondern eine minimale Ballbesitzphase mit anschließendem Ballverlust folgte. Den schnellen Gegenstoß beendete Stindl selbst zum 3:3. Dann sah er noch die korrekte gelbe Karte, welche er sicher gerne in Kauf nahm. In dieser Situation entwickelte sich aus einem Vorteil recht schnell ein grober Nachteil, weshalb die Szene gut als Spiegelbild für die unglückliche Spielleitung von Cortus dienen kann.

VfB Stuttgart – 1.FC Union Berlin (SR: Sascha Stegemann)

Nicolas Gonzalez setzte gegen Sebastian Griesbeck zum Kopfstoß an und sah von Schiedsrichter Sascha Stegemann die gelbe Karte. Dabei hatte er viel Glück und wandelte, wie schon Embolo, hart an der Grenze zum Platzverweis. Auch hier griff VAR Benjamin Brand leider nachvollziehbar nicht ein, doch über diese Auslegung sollte man sich Gedanken machen! Emotionen gehören zum Sport, ohne die selbiger sinnlos ist. Doch gewisse Grenzen werden in den letzten Wochen immer öfter überschritten und führte meist nicht zu den angebrachten Konsequenzen! Es fing an mit einem Videobeweis in der Championsleague, wo Manchesters Fred nach Videokontrolle für einen mehr als eindeutigen Kopfstoß die schwer nachvollziehbare gelbe Karte erhielt. Auch Leverkusens Nadiem Amiri, der Hoffenheim Kevin Vogt am Ohr zog, erhielt die zu niedrige Sanktion. Genau die gleiche, zu lockere Auslegung ermöglichte nun Gonzalez, weiterzuspielen. Unserer Meinung nach ist das nicht der richtige Weg!

In der Nachspielzeit netzte Sasa Kalaijdzic zum Stuttgarter Ausgleich ein, aber Stegemann entschied auf Handspiel. VAR Brand schaltete sich ein und korrigierte nach mehreren Minuten, sodass der Treffer zu Recht zählte. Kalajdzic machte eine Bewegung, nach welcher man schon darauf schließen konnte, dass ein Kontakt mit der Hand vorlag. Der VAR korrigierte aber völlig zu Recht, da der Stuttgarter den Ball mit der Brust spielte. Trotzdem: Wichtige Entscheidungen sollen sehr wohl genau überprüft werden, hier dauerte es aber zu lange!

SV Werder Bremen – Borussia Dortmund (SR: Robert Schröder)

Werder-Keeper Jiri Pavlenka ließ den Ball unglücklich fallen, ging hinterher und stürzte in Manuel Akanji hinein. Absolut zu Recht entschied Schiedsrichter Robert Schröder auf Strafstoß für Dortmund.

Hertha BSC Berlin – 1.FSV Mainz 05 (SR: Dr. Matthias Jöllenbeck)

Karim Onisiwo köpfte sich den Ball nach einer Ecke and die Hand. Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck ließ weiterlaufen, doch die Szene wurde von VAR Sören Storks nochmal überprüft. Da es aber regeltechnisch in einem solchen Fall kein absichtliches Handspiel sein kann, ging das Spiel dann zu Recht ohne einen Elfmeter weiter.

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