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Wenn der Pfiff auf Paragrafen trifft: Sportrechtsexperte Jan Orth (l.) und Bundesliga-Schiedsrichter Robin Braun beim #RechtSo-Abend in Wuppertal.

Wer mitspielt, nimmt das Risiko eines Fouls in Kauf

200 Entscheidungen in 90 Minuten, Spieler mit Tempo 30, mehrere Stimmen gleichzeitig im Ohr – und gerade einmal 0,8 Sekunden Zeit, um zu entscheiden. Bundesliga-Schiedsrichter Robin Braun hat bei der Veranstaltungsreihe #RechtSo in Wuppertal eindrucksvoll gezeigt, was auf einen Unparteiischen während eines Spiels einprasselt. Unter dem Titel „Entscheidungen im Chaos“ gewährte er rund 80 Zuhörern einen ungewöhnlichen Blick hinter die Kulissen – und erklärte auch, warum er für den Videoassistenten dankbar ist.

Ein Spieler geht zu Boden, mehrere Akteure reklamieren, die ursprünglichen Spielformationen lösen sich innerhalb von Sekunden in einem Tumult auf. Gleichzeitig melden sich die Assistenten über Funk. Wahrnehmen, einordnen, entscheiden – und das möglichst sofort.

Was für Zuschauer schon vor dem Fernseher bisweilen unübersichtlich aussieht, ist für einen Schiedsrichter mitten auf dem Platz Alltag.

Wie anspruchsvoll dieser Alltag tatsächlich ist, machte Bundesliga-Schiedsrichter Robin Braun bei der Veranstaltungsreihe #RechtSo im Foyer des Amts- und Landgerichts Wuppertal deutlich. Sein Vortrag trug nicht zufällig den Titel „Entscheidungen im Chaos“.

0,8 Sekunden – dann muss die Entscheidung stehen

Besonders eindrucksvoll war eine Zahl: Nach Brauns Angaben bleiben einem Schiedsrichter auf dem Platz ungefähr 0,8 Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen und zu kommunizieren.

Nicht, weil das Regelwerk eine solche Frist vorschreibt. Sondern weil bereits ein kurzes Zögern von Spielern und Zuschauern wahrgenommen wird.

„Wenn es länger dauert, wird der Schiedsrichter als zu zögerlich empfunden“, erklärte Braun.

Und solche Entscheidungen gibt es reichlich. Rund 200 Entscheidungen pro Spiel müsse ein Schiedsrichter im Durchschnitt treffen.

Dabei geht es längst nicht nur um Fouls, Karten oder Strafstöße. Der Unparteiische muss permanent wahrnehmen, bewerten und antizipieren. Wo entwickelt sich der nächste Zweikampf? Wo muss ich stehen? Welche Perspektive brauche ich? Was passiert möglicherweise in den nächsten Sekunden?

Eine falsche Position kann schließlich schon darüber entscheiden, ob ein Handspiel oder ein Kontakt überhaupt zu erkennen ist.

Schiedsrichter müssen das Spiel vorausdenken

Braun machte deutlich, dass moderne Spielleitung weit vor dem Anpfiff beginnt. Schiedsrichter beschäftigen sich mit den taktischen Ausrichtungen der Mannschaften und versuchen vorherzusehen, wo sich bestimmte Spielsituationen entwickeln könnten.

Hinzu kommt die Bedeutung einer Partie. Geht es um Meisterschaft, Aufstieg oder Abstieg? Gibt es eine besondere Vorgeschichte zwischen den Mannschaften?

All das beeinflusst die Atmosphäre – und damit auch die Anforderungen an den Schiedsrichter.

Körperlich müssen die Unparteiischen ebenfalls mithalten. Spieler erreichen Geschwindigkeiten um die 30 km/h. Wer die entscheidenden Situationen aus einer optimalen Perspektive sehen möchte, muss entsprechend fit sein.

Doch mindestens genauso wichtig ist die mentale Fitness.

Stimmen im Ohr – während auf dem Platz das Chaos ausbricht

Besonders anschaulich wurde Brauns Vortrag durch Ausschnitte aus einer Filmdokumentation. Die Zuschauer konnten erleben, wie eine Situation aus Sicht des Schiedsrichterteams tatsächlich abläuft.

Während von außen häufig nur der Pfiff wahrgenommen wird, herrscht im Kommunikationssystem des Teams Hochbetrieb.

Informationen kommen von den Assistenten und weiteren Mitgliedern des Schiedsrichterteams. Wer war beteiligt? Gab es ein Vergehen? Welche persönliche Strafe ist notwendig? War ein Spieler zuvor im Abseits?

Für die Zuhörer klang die Kommunikation teilweise wie ein kaum verständliches Stimmengewirr.

Für das Schiedsrichterteam müssen daraus innerhalb kürzester Zeit die entscheidenden Informationen herausgefiltert werden.

Genau deshalb sind klare Kommunikation, eingespielte Abläufe und Vertrauen innerhalb des Teams so wichtig.

Braun: „Dankbar für das Hilfsmittel Videoassistent“

Und dann gibt es Situationen, in denen selbst die beste Positionierung und Kommunikation nicht ausreichen.

Braun machte keinen Hehl daraus, wie er zum VAR steht.

Er sei „dankbar für das Hilfsmittel Videoassistent“, sagte der Bundesliga-Schiedsrichter.

Denn manche Entscheidungen haben enorme Konsequenzen. Ein Strafstoß, eine Rote Karte oder ein Tor können im Extremfall über Meisterschaft, Europapokal, Aufstieg oder Abstieg mitentscheiden.

Nach den beim Vortrag genannten Zahlen wurden allein in der Saison 2023/24 durch den Videoassistenten 123 Fehlentscheidungen verhindert.

Für Braun ist der VAR deshalb keine Konkurrenz zum Schiedsrichter auf dem Platz, sondern eine zusätzliche Absicherung bei besonders folgenreichen Entscheidungen.

Braun schrieb bei VAR-Durchsage Geschichte

Mit der Weiterentwicklung des Videoassistenten ist Braun inzwischen sogar persönlich verbunden.

Am 2. Februar 2025 leitete er die Bundesliga-Partie zwischen der TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen. Nach einer Überprüfung nahm Braun eine zunächst getroffene Strafstoßentscheidung zurück – und erklärte die Korrektur anschließend den Zuschauern im Stadion.

Damit war er der erste Bundesliga-Schiedsrichter, der eine Entscheidung im Rahmen des damaligen Pilotprojekts per Stadiondurchsage erläuterte.

An die Premiere erinnerte er sich bei #RechtSo noch gut.

„Ich war nervös und sehr im Tunnel“, sagte Braun.

Inzwischen seien die Abläufe deutlich vertrauter geworden.

Was heute zunehmend selbstverständlich wirkt, war damals Neuland: Der Schiedsrichter musste nicht nur entscheiden, sondern seine Entscheidung unmittelbar einem ganzen Stadion erklären.

Wenn aus der Roten Karte ein Fall fürs Sportgericht wird

Doch mit dem Schlusspfiff endet eine Schiedsrichterentscheidung nicht zwangsläufig.

Den zweiten Teil des Abends übernahm Jan Orth, Richter und Sportrechtsexperte. Er erklärte, was passiert, wenn aus einer Entscheidung auf dem Fußballplatz ein juristischer Fall wird.

Beispiel Rote Karte: Der Schiedsrichter spricht den Feldverweis aus. Über die daraus folgende Sperre entscheidet anschließend die Sportgerichtsbarkeit.

Ist ein Verein mit einer Entscheidung nicht einverstanden, stehen weitere Rechtsmittel zur Verfügung. Am Ende kann ein Verfahren sogar vor dem DFB-Bundesgericht landen.

Orth stellte dabei eine interessante Grundfrage:

„Woher haben der DFB und die Sportgerichte ihre Macht?“

Die Antwort liegt nicht beim Staat, sondern zunächst im Regelwerk und in den vertraglichen Beziehungen innerhalb des organisierten Sports. Spieler und Vereine unterwerfen sich den entsprechenden Bestimmungen. Grundlage dafür ist unter anderem die in Artikel 9 des Grundgesetzes geschützte Vereinsautonomie.

Wann aus einem Foul ein Fall für den Staatsanwalt wird

Interessant wurde es auch bei der Frage, wann staatliche Gerichte ins Spiel kommen.

Denn ein Foul kann nicht nur eine Gelbe oder Rote Karte nach sich ziehen. Wird ein Spieler schwer verletzt, kann theoretisch auch der Vorwurf einer Körperverletzung oder eine Forderung nach Schmerzensgeld im Raum stehen.

Die Hürde dafür liegt allerdings hoch.

Orth erklärte den Grundsatz sinngemäß so: Wer am Sport teilnimmt, nimmt dessen typische Risiken in Kauf.

Ein gewöhnliches Foul führt deshalb nicht automatisch zu straf- oder zivilrechtlichen Konsequenzen.

Anders kann es bei einer groben Regelverletzung aussehen. Dann muss allerdings nachgewiesen werden, dass die Voraussetzungen für eine strafrechtliche Verantwortung oder einen Schadensersatzanspruch tatsächlich vorliegen.

Orth verdeutlichte das anhand eines realen Falls aus einem Spaßturnier. Ein Spieler wurde am Knie so schwer verletzt, dass eine Operation notwendig war und er monatelang nicht arbeiten konnte. Seine Klage auf 10.000 Euro Schmerzensgeld blieb dennoch erfolglos. Auch bei einem solchen Turnier nehme ein Teilnehmer die typischen Risiken des Sports grundsätzlich in Kauf.

Vom Pfiff bis zum Gerichtssaal

So schloss sich an diesem Abend der Kreis.

Auf der einen Seite der Schiedsrichter, der mitten im Lärm eines Bundesligaspiels innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Entscheidung treffen muss.

Auf der anderen Seite Juristen, die später mit Akten, Beweisen und Regelwerken genau darüber diskutieren können, welche Konsequenzen ein Vorgang haben soll.

Moderiert von Olaf Kupfer, dem stellvertretenden Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung, entwickelte sich zum Abschluss noch eine lebhafte Diskussion – unter anderem über den Videoassistenten, Angriffe auf Schiedsrichter und weitere Fragen rund um Fußball und Recht.

Vor allem Brauns Einblicke dürften bei vielen Zuhörern jedoch hängen geblieben sein.

200 Entscheidungen pro Spiel. 0,8 Sekunden Zeit. Mehrere Stimmen im Ohr. Und am Ende erwartet jeder, dass der Schiedsrichter richtig liegt.

Vielleicht braucht es manchmal genau solche Einblicke, um zu verstehen, wie schwierig das vermeintlich einfache „Das muss er doch sehen!“ tatsächlich ist.

Autor: ig-schiedsrichter.de;
Mit Mitteln der „WAZ“

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Jens Heckersbrucj

    Ich habe den Vortrag tatsächlich live gesehen. Großartig von beiden gemacht, wenn auch etwas „profisportlastig“, wenn man bedenkt, dass wohl geschätzt 99,9% der vor Gericht landenden Fälle eher im Amateurbereich stattfinden, in dem wir SR nicht auf Assistenten, 4. Offiziellen oder VAR/ Fernsehbilder zurückgreifen können, um eine Situation zu bewerten, sondern eher alleine auf dem Platz stehen und von uns dennoch (zumindest seitens einiger Vereinsvertreter und Zuschauer) eine mindestens ebenso hohe SR-Qualität verlangt wird, wie von einem DFB-Kader-Schiedsrichter.
    Alles in allem aber eine sehr gute Veranstaltung, die womöglich den anwesenden Juristinnen und Juristen in unterschiedlichen Funktionen ohne direkten Fußballbezug ein klein wenig die Augen geöffnet hat. Deshalb von meiner Seite vielen Dank, lieber Robin und vielen Dank, lieber Prof. Orth!

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