Mehr über den Artikel erfahren „Es überrascht einen nicht mehr“: Wenn Bedrohungen gegen Schiedsrichter zum Alltag werden
„Viele Schiedsrichter haben sich über die Jahre ein dickes Fell angeeignet“: Marco Zacharias hat selbst schon Anfeindungen auf dem Fußballplatz erlebt. (Foto: Momen Mostafa)

„Es überrascht einen nicht mehr“: Wenn Bedrohungen gegen Schiedsrichter zum Alltag werden

Drei Spielabbrüche gleich zum Saisonstart, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten und ein Trainer, der gegenüber einem Schiedsrichter aggressiv wird: Der Jugendfußball in der Region Hannover ist mit mehreren unschönen Vorfällen in die neue Saison gestartet. Marco Zacharias vom NFV spricht in einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) über Gewalt, eine hohe Dunkelziffer – und einen Satz, der besonders nachdenklich macht: Wenn ein Schiedsrichter bedroht werde, überrasche ihn das inzwischen nicht mehr.

Drei Spielabbrüche bereits am ersten Spieltag: Der Saisonstart im Jugendfußball der Region Hannover verlief alles andere als ruhig. Spieler und Zuschauer waren an den Vorfällen beteiligt, teilweise auch Eltern. In einem Fall soll zudem ein Trainer gegenüber einem Schiedsrichter aggressiv geworden sein.

Marco Zacharias vom Niedersächsischen Fußballverband Kreis Region Hannover ordnet die Ereignisse im Gespräch mit der HAZ dennoch ein. Bei zehntausenden Spielen pro Saison gebe es im Kreis etwa 100 bis 150 Spielabbrüche. Die große Mehrheit der Begegnungen verlaufe friedlich.

Gleichzeitig warnt Zacharias davor, ausschließlich auf die Zahl der Abbrüche zu schauen.

Spielabbrüche sind nur die Spitze des Eisbergs

Denn längst nicht jede Beleidigung, Bedrohung oder Eskalation führt dazu, dass ein Schiedsrichter ein Spiel beendet.

Viele Unparteiische hätten sich über Jahre ein dickes Fell zugelegt. Beleidigungen werden sanktioniert, Beteiligte gegebenenfalls des Feldes beziehungsweise des Innenraums verwiesen – anschließend wird weitergespielt. Manche Schiedsrichter würden bestimmte Äußerungen inzwischen sogar schlicht ausblenden.

Genau darin liegt allerdings ein Problem: Die offiziellen Zahlen der Spielabbrüche bilden nur einen Teil dessen ab, was Schiedsrichter tatsächlich erleben.

Bei körperlicher Gewalt zieht Zacharias im HAZ-Interview eine eindeutige Grenze: Kommt es zu einem tätlichen Angriff, müsse das Spiel sofort beendet werden. Bei Bedrohungen müsse der Schiedsrichter anhand der konkreten Situation entscheiden, ob eine Fortsetzung für ihn noch möglich ist.

Ein Satz, der hängen bleibt

Zacharias ist selbst Schiedsrichter. Körperlich angegriffen wurde er nach eigener Aussage bislang nicht. Beleidigungen und Anfeindungen kennt aber auch er – während eines Spiels ebenso wie anschließend beim Verlassen einer Sportanlage.

Besonders bemerkenswert ist deshalb eine Aussage gegenüber der HAZ:

„Wenn man hört, ein Kollege wurde bedroht, überrascht einen das nicht mehr.“

Eigentlich müsste genau das alarmieren.

Nicht, weil jeder Fußballplatz ein gefährlicher Ort wäre. Das ist er nicht. Auch Zacharias betont ausdrücklich, dass sich die große Mehrheit der Trainer, Spieler und Zuschauer korrekt verhält.

Problematisch wird es dort, wo Beleidigungen und Bedrohungen so häufig vorkommen, dass sie innerhalb des Schiedsrichterwesens zunehmend als Teil des Alltags wahrgenommen werden.

Normal sind sie deshalb noch lange nicht.

Wenn junge Schiedsrichter verängstigt in der Kabine sitzen

Wie unterschiedlich solche Situationen verarbeitet werden, zeigt eine weitere Aussage Zacharias‘. Er selbst habe vor seinen Spielleitungen keine Angst. Allerdings habe er bereits junge Schiedsrichter nach ihren Spielen verängstigt in der Kabine angetroffen.

Gerade dieser Punkt darf bei der Diskussion um Schiedsrichtermangel nicht vergessen werden.

Verbände und Vereine investieren viel Zeit und Geld in Neulingslehrgänge und Nachwuchsgewinnung. Junge Menschen sollen für die Schiedsrichterei begeistert werden. Doch mindestens genauso wichtig wie die Gewinnung neuer Unparteiischer ist die Frage, unter welchen Bedingungen sie anschließend ihre ersten Spiele leiten müssen.

Wer einen 14-, 15- oder 16-jährigen Schiedsrichter gewinnen möchte, muss ihm auch das Gefühl geben, dass er auf dem Sportplatz nicht allein gelassen wird.

Auch Eltern und Trainer stehen in der Verantwortung

Die Vorfälle in Hannover zeigen außerdem, dass Gewalt und Aggression im Jugendfußball keineswegs ausschließlich von den jungen Spielern selbst ausgehen.

Auch Erwachsene spielen eine Rolle.

Zacharias berichtet gegenüber der HAZ von einem gewachsenen Einfluss der Eltern. Einige Vereine hätten deshalb den Abstand zwischen Spielfeld und Zuschauern vergrößert. Dort, wo dies konsequent umgesetzt werde, seien weniger Vorfälle festzustellen.

Das ist ein vergleichsweise einfacher Ansatz – und gleichzeitig ein wichtiger Hinweis: Gewaltprävention beginnt nicht erst beim Sportgericht nach einem Vorfall.

Sie beginnt bei der Organisation eines Spiels, beim Verhalten der Trainer und Vereinsverantwortlichen und nicht zuletzt beim Auftreten der Erwachsenen am Spielfeldrand.

Ausbildung allein kann Gewalt nicht verhindern

Der NFV setzt nach Angaben von Zacharias seit Jahren auf Prävention. Konfliktmanagement, verbale und nonverbale Kommunikation sowie der Umgang mit schwierigen Situationen gehören zur Ausbildung von Schiedsrichtern. Auch Trainer werden entsprechend geschult.

Eine Garantie gegen Eskalationen kann es trotzdem nicht geben.

Der Fußballverband kann Schiedsrichter darauf vorbereiten, Konflikte zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Die Verantwortung dafür, einen Schiedsrichter nicht zu beleidigen, zu bedrohen oder anzugreifen, liegt aber immer noch bei demjenigen, der vor ihm steht.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein.

Und trotzdem: „Unbedingt machen!“

Bemerkenswert ist deshalb auch Zacharias‘ Antwort auf die Frage, was er jungen Menschen rät, die darüber nachdenken, Schiedsrichter zu werden.

Seine Antwort gegenüber der HAZ ist eindeutig:

„Unbedingt machen!“

Schiedsrichter lernen früh, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, mit Kritik umzugehen und das eigene Handeln zu reflektieren. Dazu kommen Bewegung, Gemeinschaft und insbesondere für Jugendliche eine interessante Aufwandsentschädigung.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft nach einem solchen Saisonstart.

Wir sollten jungen Menschen nicht davon abraten, Schiedsrichter zu werden. Wir sollten vielmehr dafür sorgen, dass sie dieses Hobby ausüben können, ohne irgendwann Bedrohungen für selbstverständlich halten zu müssen.

[Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), Interview mit Marco Zacharias]

(mehr …)

0 Kommentare
Mehr über den Artikel erfahren Schluss mit Beleidigungen: Schiedsrichter-Ausschuss kündigt Konsequenzen an
Kritik gehört zum Fußball – persönliche Beleidigungen nicht. Der Schiedsrichter-Ausschuss Northeim-Einbeck zieht eine klare Grenze.

Schluss mit Beleidigungen: Schiedsrichter-Ausschuss kündigt Konsequenzen an

Kritik an Schiedsrichtern gehört zum Fußball. Beleidigungen und persönliche Angriffe nicht. Der Schiedsrichter-Ausschuss im Kreis Northeim-Einbeck zieht deshalb eine klare Grenze: Entgleisungen in Livetickern, sozialen Netzwerken und anderen öffentlichen Plattformen…

0 Kommentare
Mehr über den Artikel erfahren Amateurfußball: Weniger Vorfälle, aber mehr Spielabbrüche – Bodycams für Schiedsrichter starten
Amateure im Einsatz für mehr Fairness auf dem Platz. Foto: picture-alliance/johapress/SID/Joachim Hahne

Amateurfußball: Weniger Vorfälle, aber mehr Spielabbrüche – Bodycams für Schiedsrichter starten

Die Zahl der gemeldeten Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle im deutschen Amateurfußball ist erneut leicht gesunken. Gleichzeitig mussten mehr Spiele abgebrochen werden. Besonders häufig betroffen sind weiterhin Schiedsrichter. Der DFB reagiert nun…

0 Kommentare
Mehr über den Artikel erfahren Zehn auf einen Streich: Schiri-Nachwuchs für den Kreis Olpe
Zehn auf einen Streich: Die Schiedsrichtervereinigung Olpe freut sich über gleich zehn neue Unparteiische.

Zehn auf einen Streich: Schiri-Nachwuchs für den Kreis Olpe

Während vielerorts händeringend nach neuen Unparteiischen gesucht wird, gibt es aus dem Kreis Olpe erfreuliche Nachrichten: Gleich zehn neue Schiedsrichter haben am vergangenen Samstag ihren Kompaktkurs erfolgreich abgeschlossen. Nach der…

0 Kommentare
Mehr über den Artikel erfahren Zu viele Schiris? Altmark-Ost macht vor, wie es geht
"Ihr gehört dazu": Neue Schiri-Kultur im Fußballkreis Altmark-Ost etabliert.[Foto: KFV Altmark-Ost]

Zu viele Schiris? Altmark-Ost macht vor, wie es geht

Schiedsrichtermangel? Nicht in Altmark-Ost. Während viele Fußballkreise händeringend nach Unparteiischen suchen, hat der Kreis in Sachsen-Anhalt ein beinahe kurioses Luxusproblem: Es gibt mehr Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, als für den Spielbetrieb…

0 Kommentare
Mehr über den Artikel erfahren Rote Karte, dann Gewalt: Schiedsrichter zu Boden geworfen
Nach der Roten Karte eskaliert die Situation.

Rote Karte, dann Gewalt: Schiedsrichter zu Boden geworfen

Eine Rote Karte darf niemals so enden. Beim Kreisliga-Spiel zwischen dem Siegener SC und dem SV Setzen II attackierte ein Spieler nach seinem Feldverweis den Schiedsrichter, warf ihn zu Boden und verletzte ihn leicht. Die Partie wurde daraufhin abgebrochen.

Rote Karte – und dann eskaliert alles

Siegen-Wittgenstein Ein Schiedsrichter wird attackiert, zu Boden geworfen und leicht verletzt. Das Spiel ist abgebrochen. Wieder einmal zeigt sich, wie schnell eine sportliche Entscheidung in Gewalt umschlagen kann.

Es läuft die Nachspielzeit beim Kreisliga-Spiel zwischen dem Siegener SC und dem SV Setzen II. Der SV Setzen führt 4:3. Dann zeigt der Schiedsrichter einem Spieler des Siegener SC die Rote Karte.

Was anschließend passiert, hat mit Fußball nichts mehr zu tun.

Der 22-Jährige geht auf den Unparteiischen los, packt ihn an der Hüfte, hebt ihn hoch und wirft ihn mit dem Rücken voran zu Boden. Der Schiedsrichter wird dabei leicht verletzt. Für ihn ist die Partie damit beendet – das Spiel wird abgebrochen.

Der Unparteiische erstattet anschließend Anzeige. Die Polizei ermittelt.

Eine Rote Karte ist niemals eine Rechtfertigung

Natürlich dürfen Entscheidungen des Schiedsrichters kritisiert werden. Natürlich kann man sich über eine Rote Karte ärgern. Und selbstverständlich kann auch ein Schiedsrichter einmal falsch liegen.

Aber nichts davon rechtfertigt Gewalt.

Gar nichts.

Ein Schiedsrichter steht auf dem Platz, um ein Fußballspiel zu leiten. Er ist kein Gegner, kein Feind und schon gar kein Freiwild.

Und genau deshalb ist dieser Vorfall mehr als nur ein weiterer Spielabbruch in einer unteren Spielklasse. Er ist ein weiterer Warnschuss für den Amateurfußball.

Denn hinter jeder Roten Karte steht am Ende ein Mensch. Einer, der am nächsten Wochenende wieder auf einem Platz stehen soll. Einer, der seine Freizeit für den Fußball investiert. Einer, der dafür sorgt, dass überhaupt gespielt werden kann.

Die Frage ist längst nicht mehr, ob wir ein Problem haben

Wir haben es.

Angriffe auf Schiedsrichter sind keine „Emotionen“, keine „Ausraster“ und schon gar keine normale Begleiterscheinung des Fußballs.

Sie sind Gewalt.

Und wenn ein Spieler einen Schiedsrichter hochheben und zu Boden werfen kann, nur weil ihm eine Entscheidung nicht gefällt, dann muss die Antwort des Fußballs eindeutig sein.

Null Toleranz.

Sportgericht und Strafverfolgungsbehörden werden den Fall nun bewerten. Am Ende müssen Konsequenzen folgen, die deutlich machen: Wer einen Schiedsrichter angreift, überschreitet eine Grenze.

Denn sonst müssen wir uns irgendwann die vielleicht unbequemste Frage stellen:

Wer soll am nächsten Wochenende noch pfeifen, wenn das die Konsequenz einer Roten Karte sein kann?

(mehr …)

0 Kommentare
Mehr über den Artikel erfahren Einer muss es ja pfeifen
90 Minuten, 22 Regel-Experten – und einer hat die Pfeife.

Einer muss es ja pfeifen

Sie stehen 90 Minuten lang im Mittelpunkt, obwohl sie genau das eigentlich vermeiden wollen. Schiedsrichter gehören zum Fußball wie Ball, Tor und Abseitslinie. Trotzdem wird kaum jemand auf dem Platz…

1 Kommentar