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FEHLER GEMACHT – ALSO UNGEEIGNET? Caroline Butt gab in Weiden ihr Debüt als Hauptschiedsrichterin in der DEL2. Die Reaktionen nach der Partie zeigen, wie schnell aus Kritik an Entscheidungen ein grundsätzliches Urteil über einen Unparteiischen werden kann.

Fehler gemacht – also ungeeignet? Wenn Schiedsrichterkritik persönlich wird

Vier Fehlentscheidungen soll das Schiedsrichterteam beim DEL2-Spiel in Weiden selbst eingeräumt haben. Darüber darf und muss gesprochen werden. Doch die Reaktionen auf unseren Bericht zeigen auch ein bekanntes Problem: Aus Kritik an einzelnen Entscheidungen wird schnell ein Urteil über den Menschen hinter der Pfeife. Der Fall Caroline Butt wirft deshalb eine grundsätzliche Frage auf – wie hart darf Schiedsrichterkritik sein und wo überschreitet sie eine Grenze?

Hier weiterlesen: „Vier Fehlentscheidungen? Eispiraten-Coach geht nach Pleite auf Schiedsrichter los„

Fehler gemacht – also ungeeignet? Wenn Schiedsrichterkritik persönlich wird

Unser kleiner Ausflug vom Fußball aufs Eis hat für reichlich Diskussionen gesorgt. Nach der 2:3-Niederlage der Eispiraten Crimmitschau bei den Blue Devils Weiden hatte Trainer Jussi Tuores die Leistung der Unparteiischen ungewöhnlich deutlich kritisiert.

18 Strafminuten gegen seine Mannschaft, zwei Gegentreffer in Unterzahl – und vor allem die Aussage, dass sich die Referees gleich viermal für zuvor getroffene Fehlentscheidungen entschuldigt hätten.

Das ist keine Kleinigkeit.

Wenn ein Schiedsrichterteam auf diesem Niveau tatsächlich vier eigene Entscheidungen als falsch erkennt, muss darüber gesprochen werden dürfen. Auch Schiedsrichter müssen sich einer Leistungsbewertung stellen. Wer Fehler macht, darf dafür kritisiert werden – egal ob im Fußball, im Eishockey und unabhängig davon, ob jemand sein erstes oder sein 100. Spiel in einer Liga leitet.

Doch was danach in den sozialen Netzwerken passiert, ist mindestens genauso interessant.

Vom Fehler zum „totalen Ausfall“

Unter unserem Beitrag entwickelte sich schnell eine Diskussion über Caroline Butt, die in Weiden ihr Debüt als Hauptschiedsrichterin in der DEL2 gab.

Ein Nutzer schrieb, mit Butt habe „so ziemlich jeder Verein schon seine Erfahrung gemacht“. Ein anderer bezeichnete sie kurzerhand als „totalen Ausfall“ und forderte sogar, sie solle sich „aus diesem Sport zurückziehen“.

Andere hielten dagegen. Jeder Schiedsrichter müsse irgendwann erstmals in einer höheren Spielklasse antreten. Ein neues Niveau bedeute ein neues Umfeld, höhere Anforderungen und möglicherweise auch Fehler. Zudem sei es positiv zu bewerten, wenn Unparteiische falsche Entscheidungen anschließend erkennen und offen einräumen.

Und genau hier liegt der interessante Punkt.

Fehler einräumen – und dafür verurteilt werden?

Seit Jahren wird von Schiedsrichtern mehr Transparenz verlangt.

Sie sollen Entscheidungen erklären. Sie sollen zugeben, wenn etwas falsch war. Sie sollen sich nicht hinter Regeln, Verbänden oder irgendwelchen Floskeln verstecken.

Wenn die Darstellung der Eispiraten stimmt, haben die Unparteiischen in Weiden genau das getan: Sie haben Fehler erkannt, eingeräumt und sich dafür entschuldigt.

Das macht aus einer Fehlentscheidung natürlich keine richtige Entscheidung. Und vier eingeräumte Fehler innerhalb einer Partie wären auch nichts, was man mit einem einfachen „Kann passieren“ vom Tisch wischen sollte.

Aber was wäre die Alternative?

Fehler niemals eingestehen, weil jedes Eingeständnis anschließend als weiterer Beweis für die eigene Unfähigkeit verwendet wird?

Wer von Schiedsrichtern eine offene Fehlerkultur verlangt, muss ihnen auch ermöglichen, Fehler zuzugeben, ohne dass daraus unmittelbar die Forderung nach dem Karriereende entsteht.

Kritik? Unbedingt!

Dabei sollte kein Missverständnis entstehen: Schiedsrichter müssen Kritik aushalten können.

Auch wir bei der IG Schiedsrichter analysieren Woche für Woche Entscheidungen und benennen Fehlentscheidungen teilweise sehr deutlich. Wer ein Spiel in einer höheren Spielklasse leitet, wird bewertet. Das gehört dazu.

Auch Caroline Butt genießt keinen besonderen Schutz davor, nur weil sie ihr erstes DEL2-Spiel geleitet hat.

War eine Strafzeit falsch? Dann kann man erklären, warum sie falsch war.

War die Linie uneinheitlich? Dann kann man das anhand konkreter Szenen aufzeigen.

Hat ein Fehler unmittelbar zu einem Gegentor geführt? Auch das gehört in eine Analyse.

„Diese Entscheidung war schlecht“ ist allerdings etwas völlig anderes als „Diese Schiedsrichterin ist ein totaler Ausfall und soll aufhören.“

Beim ersten Satz wird eine Leistung bewertet. Beim zweiten der Mensch.

Vier Fehler bleiben vier Fehler

Genauso falsch wäre es allerdings, jetzt ins andere Extrem zu verfallen und jede Kritik mit dem Hinweis abzubügeln, Schiedsrichter seien schließlich auch nur Menschen.

Natürlich sind sie das.

Trotzdem gibt es Leistungsanforderungen.

Vier Fehlentscheidungen, sofern die Darstellung der Eispiraten so zutrifft, sind für ein Schiedsrichterteam innerhalb einer Partie eine erhebliche Zahl. Besonders dann, wenn Strafzeiten betroffen waren und zwei Gegentreffer in Unterzahl fielen.

Deshalb ist auch die Kritik von Tuores grundsätzlich legitim. Ob man seine Wortwahl und insbesondere Aussagen wie „Warum ist sie hier?“ für gelungen hält, steht auf einem anderen Blatt.

Man kann also gleichzeitig sagen:

Die Schiedsrichterleistung darf kritisiert werden – und die persönliche Demontage einer Unparteiischen ist trotzdem daneben.

Das widerspricht sich nicht.

„Die Frau macht große Fehler“

In der Diskussion kam schließlich noch ein weiterer Aspekt hinzu. Ein Nutzer sprach ausdrücklich von „der Frau“, die große Fehler mache. Ein anderer bezeichnete einen Kommentar daraufhin als sexistisch.

Auch hier lohnt sich eine Differenzierung.

Nicht jede harte Kritik an einer Schiedsrichterin ist automatisch sexistisch. Caroline Butt muss sich genauso an ihren Entscheidungen messen lassen wie Bastian Steingroß, der die Partie gemeinsam mit ihr leitete, oder jeder männliche Kollege.

Wer behauptet, Butt mache regelmäßig große Fehler, sollte diese Behauptung allerdings anhand konkreter Situationen belegen können.

Denn für die Bewertung einer Entscheidung ist vollkommen unerheblich, ob sie von einer Frau oder einem Mann getroffen wurde.

Entscheidend ist die Szene – nicht das Geschlecht der Person mit der Pfeife.

Wer Nachwuchs will, muss Fehler aushalten

Wer neue Schiedsrichter für höhere Spielklassen entwickeln will, muss ihnen irgendwann auch das erste Spiel geben. Und wer ihnen das erste Spiel gibt, muss akzeptieren, dass Entwicklung nicht mit dem Aufstieg endet.

Das gilt für einen jungen Fußball-Schiedsrichter beim ersten Einsatz in der Regionalliga genauso wie für einen Bundesliga-Debütanten – und eben auch für eine Hauptschiedsrichterin bei ihrem ersten DEL2-Spiel.

Natürlich darf ein Debüt keine Entschuldigung für jede Fehlentscheidung sein. Leistung muss bewertet werden. Aber wenn schon ein schwächerer erster Auftritt genügt, um einem Unparteiischen grundsätzlich die Eignung abzusprechen, brauchen wir uns über fehlenden Schiedsrichternachwuchs irgendwann nicht mehr zu wundern.

Wer Schiedsrichter entwickeln möchte, muss ihnen nicht nur Aufstiegsmöglichkeiten geben. Er muss ihnen auch zugestehen, Fehler zu machen, daraus zu lernen und beim nächsten Spiel wieder auf dem Eis oder Platz zu stehen.

Entwicklung funktioniert nicht unter der Voraussetzung: Du darfst aufsteigen – aber wehe, du funktionierst vom ersten Tag an nicht fehlerfrei.

Vielleicht brauchen wir eine andere Fehlerkultur

Am Ende führt die Diskussion deshalb weit über Caroline Butt und dieses eine Eishockeyspiel hinaus.

Wir verlangen von Schiedsrichtern Mut zu Entscheidungen. Gleichzeitig erwarten wir möglichst keine Fehler.

Wir fordern Transparenz. Gleichzeitig wird ein eingeräumter Fehler schnell gegen denjenigen verwendet, der ihn zugibt.

Wir wollen Nachwuchs und neue Gesichter in höheren Spielklassen. Gleichzeitig kann schon der erste schwächere Auftritt reichen, damit öffentlich die grundsätzliche Eignung infrage gestellt wird.

Das passt nicht zusammen.

Schiedsrichter werden Fehler machen. Auch auf höchstem Niveau. Manchmal kleine, manchmal spielentscheidende und manchmal vielleicht auch mehrere innerhalb einer Partie.

Darüber zu diskutieren gehört zum Sport. Persönliche Abrechnungen gehören nicht dazu.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht weniger über Schiedsrichterfehler sprechen, sondern besser darüber.

Konkret. Sachlich. Deutlich, wenn es notwendig ist.

Aber immer über die Entscheidung – und nicht über den Menschen, der sie getroffen hat.

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