Seit 1964 Schiedsrichter, vier Schuhkartons voller Spielnotizen und noch immer nicht Schluss: Kurt „Poldi“ Müller aus Zwickau gehört mit 92 Jahren zu den ältesten noch aktiven Fußball-Schiedsrichtern Deutschlands. Erst jetzt nannte er gegenüber Sport im Osten seinen aktuellen Stand: unglaubliche 4.550 geleitete Spiele. Während Südbadens ältester Referee Werner Ziebold seine Karriere im Juni mit 90 Jahren beendet hat, macht Poldi einfach weiter. Eine außergewöhnliche Geschichte über einen Mann, für den die Pfeife längst zu seinem Leben gehört. #UnserPold
Wer mit 70 Jahren noch regelmäßig auf dem Fußballplatz steht, genießt im Amateurfußball bereits besonderen Respekt. Mit 80 wird daraus eine außergewöhnliche Geschichte.
Und mit 92?
Dann heißt man vermutlich Kurt Müller.
Oder besser: Poldi.
So kennt man den Zwickauer seit Jahrzehnten auf den Fußballplätzen seiner Heimat. Generationen von Spielern sind gekommen und wieder gegangen, Mannschaften verschwunden, neue Vereine entstanden und aus Schlackeplätzen moderne Kunstrasenanlagen geworden.
Einer aber ist geblieben: der Mann mit der Pfeife.
4.550 Spiele hat Kurt Müller inzwischen geleitet. Diesen aktuellen Stand nannte der 92-Jährige jetzt gegenüber Sport im Osten.
Eine Zahl, die man erst einmal sacken lassen muss.
Seit 1964 gehört die Pfeife zu seinem Leben
Dabei begann Poldis Fußballleben zunächst gar nicht als Schiedsrichter. Von 1952 bis 1975 spielte der gebürtige Zwickauer selbst Fußball, von der Jugend bis zu den Männern bei Turbine Zwickau.
1964 kam die Schiedsrichterei hinzu.
Am 18. Oktober 1964 hatte Müller seinen ersten Einsatz. Und natürlich weiß er auch mehr als sechs Jahrzehnte später noch ganz genau, welches Spiel es war.
Motor Zwickau I gegen Motor Zwickau II, ein Nachwuchsspiel der damaligen M-Jugend. Gespielt wurde auf dem Schlacke-Bürgerschachtsportplatz. Die erste Mannschaft gewann 3:1.
Es war Spiel Nummer eins.
Dass daraus einmal 4.550 werden würden, dürfte sich damals niemand vorgestellt haben.
Vier Schuhkartons voller Fußballgeschichte
Wer nun glaubt, bei einer solchen Zahl könne es sich nur um eine grobe Schätzung handeln, kennt Poldi schlecht.
Der Mann führt Buch.
Über Jahrzehnte hielt Müller seine Einsätze auf gewöhnlichen Postkarten fest. Mannschaften, Datum, Spielort, Ergebnis, Torschützen sowie Gelbe und Rote Karten – die wichtigsten Informationen eines Spiels wurden notiert und anschließend aufbewahrt.
So entstand eine persönliche Schiedsrichter-Datenbank, lange bevor irgendjemand an digitale Spielberichte, Apps oder eine Cloud dachte.
Und sie braucht bis heute weder Strom noch Internet.
Vier Schuhkartons reichen.
Zum 31. Juli 2024 stand Müllers Zähler exakt bei 4.431 geleiteten Begegnungen. Diese Zahl nannte er damals gegenüber der „Freien Presse“. Nun sind gut zwei Jahre vergangen.
Poldis neuer Stand:
4.550 Spiele.
Damit sind seitdem weitere 119 Begegnungen hinzugekommen.
Und das in einem Alter, in dem andere seit Jahrzehnten ihre Fußballschuhe im Keller stehen haben.
Als keiner das Frauenfußballspiel pfeifen wollte, sagte Poldi zu
Unter diesen Tausenden Begegnungen befinden sich Spiele, die heute selbst ein kleines Stück Fußballgeschichte darstellen.
Am 11. September 1971 fand in Zwickau ein Frauenfußballspiel zwischen der BSG Sachsenring Zwickau und Union Freiberg statt. Rund 1.000 Zuschauer kamen zur Premiere auf die Südkampfbahn.
Nur einen Schiedsrichter zu finden, war offenbar gar nicht so einfach.
Keiner seiner Kollegen habe die Begegnung übernehmen wollen, erinnerte sich Müller später. Also sagte Poldi zu.
Sachsenring gewann 2:0.
Bereut hat Müller seine Zusage nie. Im Gegenteil: Noch Jahrzehnte später bezeichnete er diesen Einsatz als einen der Momente seiner langen Karriere, auf die er besonders stolz ist.
Heute wirkt die Geschichte beinahe wie aus einer anderen Fußballwelt.
Für Poldi ist sie eine von Tausenden Erinnerungen.
Von Wolfgang Overath bis Marcel Raducanu
Wer seit 1964 Spiele leitet, erlebt zwangsläufig auch ein gutes Stück Fußballgeschichte aus nächster Nähe.
Anfang Januar 1990 war Müller gemeinsam mit Gunter Hempel, Ferdinand Keller und Helmut Wieland beim 16. Internationalen Hallenturnier für Senioren in der Freiheitshalle Hof im Einsatz.
Für die damaligen DDR-Schiedsrichter wurden daraus in der Wendezeit ganz besondere Begegnungen.
Unter anderem traf Müller dort Weltmeister Wolfgang Overath und den früheren rumänischen Nationalspieler Marcel Raducanu. Rund 1.500 Zuschauer verfolgten das Turnier.
Auch der FSV Zwickau zieht sich durch seine lange Laufbahn. Mehrfach leitete Müller Freundschaftsspiele der damaligen Zweitligamannschaft – fünf unter Aufstiegstrainer Gerd Schädlich sowie eine Partie während der Amtszeit von Bundesliga-Rekordspieler Charly Körbel.
Und dann gibt es noch eine weitere Zahl, die bestens zu Poldi passt:
Von 1974 bis 2018 war er bei allen 44 Oldieturnieren von Lok Zwickau als Schiedsrichter dabei.
44 Jahre.
44 Turniere.
Und immer wieder Poldi.
DFB zeichnete ihn als „Schiedsrichter des Jahres“ aus
Dass ein solches Engagement nicht unbemerkt blieb, versteht sich beinahe von selbst.
2011 wurde Kurt Müller vom DFB als „Schiedsrichter des Jahres“ ausgezeichnet. Hinzu kamen unter anderem Ehrennadeln des DFB, die Goldene Verdienstmedaille des Westsächsischen Fußballverbandes sowie 2020 die Ehrenmedaille des FSV Zwickau.
2024 ehrte ihn auch der Kreisverband Fußball Zwickau noch einmal für mittlerweile 60 Jahre als aktiver Schiedsrichter. Damals war Poldi 89 beziehungsweise kurz vor seinem 90. Geburtstag – und ans Aufhören dachte er weiterhin nicht.
Die wahrscheinlich schönste Auszeichnung ist ohnehin eine andere:
Er wird noch immer angesetzt.
Poldi zieht noch immer sein Schiedsrichtertrikot an, nimmt die Pfeife in die Hand und geht auf den Platz.
Mit 90 war Schluss – Poldi macht mit 92 weiter
Wie außergewöhnlich das ist, zeigt ein Blick nach Südbaden.
Dort stand bis vor wenigen Monaten ebenfalls ein Mann auf dem Platz, dessen Alter allein schon für Staunen sorgte.
Werner Ziebold aus Badenweiler war Südbadens ältester aktiver Fußball-Schiedsrichter. Mehr als sechs Jahrzehnte lang leitete er Spiele, nach eigener Schätzung waren es insgesamt zwischen 2.500 und 3.000 Begegnungen.
Erst im Juni 2026 war Schluss.
Mit 90 Jahren.
Ziebold verabschiedete sich nach 61 Jahren als aktiver Schiedsrichter. Selbst Schiedsrichter-Chef Knut Kircher würdigte es als außergewöhnliche Leistung, in diesem Alter noch auf dem Platz gestanden zu haben.
Und das ist es zweifellos.
Doch während Ziebold seine Pfeife inzwischen an den Nagel gehängt hat, ist Kurt Müller noch einmal zwei Jahre älter.
Und Poldi pfeift weiter.
Genau darin liegt das Besondere: Bei Müller reden wir nicht nur über eine außergewöhnliche Vergangenheit.
Wir reden über einen 92 Jahre alten aktiven Schiedsrichter.
Aufhören? Selbst der Arzt soll davon abraten
Natürlich geht auch an Kurt Müller das Alter nicht völlig vorbei. Und irgendwann stellt sich selbst bei einem Mann wie ihm die Frage, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Pfeife endgültig wegzulegen.
Poldi selbst würde durchaus gerne irgendwann aufhören.
Nur soll ausgerechnet sein Arzt davon nicht sonderlich begeistert sein.
Der habe ihm sinngemäß gesagt: Wenn Müller jetzt aufhöre, könne er ihn womöglich ein halbes Jahr später „ins Grab tragen“.
Ein drastischer Satz.
Aber hinter ihm steckt ein Gedanke, der erstaunlich gut zu Müllers Lebensgeschichte passt.
Schiedsrichter zu sein bedeutet für ihn seit mehr als sechs Jahrzehnten eben nicht nur, am Wochenende auf einen Sportplatz zu fahren und Entscheidungen zu treffen.
Es bedeutet Bewegung, Konzentration, soziale Kontakte und Verantwortung.
Und vermutlich auch das Gefühl, weiterhin gebraucht zu werden.
Schon mit 84 Jahren brachte Poldi seine Motivation auf einen ganz einfachen Nenner: Es mache ihm Spaß und er wolle sich bewegen.
Vielleicht ist die Pfeife deshalb längst mehr als ein Sportgerät für ihn geworden.
Sie gehört zu seinem Leben.
Mehr als sechs Jahrzehnte – und noch immer mittendrin
Ob Kurt „Poldi“ Müller tatsächlich der älteste noch aktive Fußball-Schiedsrichter Deutschlands ist, lässt sich kaum zweifelsfrei feststellen. Eine vollständige bundesweite Altersstatistik aller aktiven Unparteiischen gibt es nicht.
Aber eigentlich braucht diese Geschichte auch keinen Rekord.
92 Jahre alt. Seit 1964 Schiedsrichter. 4.550 geleitete Spiele. Und noch immer aktiv.
Diese Zahlen reichen völlig.
Während der deutsche Amateurfußball heute vielerorts darum kämpft, neue Schiedsrichter zu gewinnen und vor allem dauerhaft an die Pfeife zu binden, ist Poldi seit mehr als sechs Jahrzehnten dabei.
Als er seine Schiedsrichterprüfung ablegte, war die Bundesliga gerade einmal ein Jahr alt.
Seitdem hat Müller auf Schlackeplätzen gepfiffen, Frauenfußball in seinen frühen Jahren erlebt, Fußball in der DDR begleitet, die Wende miterlebt und Tausende Spieler kommen und gehen sehen.
Und alles fein säuberlich festgehalten.
In vier Schuhkartons.
IG-Fazit: Die Pfeife hält offenbar jung
Werner Ziebold hat mit seinem Karriereende im Alter von 90 Jahren eindrucksvoll gezeigt, dass eine Schiedsrichterpfeife offenbar kein gewöhnliches Verfallsdatum kennt.
Kurt „Poldi“ Müller setzt mit 92 noch einen drauf.
Doch es geht nicht darum, wer ein paar Jahre länger durchgehalten oder ein paar Spiele mehr gepfiffen hat. Wer wie Ziebold 61 Jahre als Schiedsrichter aktiv war und erst mit 90 aufhört, muss niemandem mehr etwas beweisen.
Bei Poldi liegt das Besondere im Jetzt.
Er erzählt nicht nur von früher.
Er macht noch immer weiter.
Und irgendwo in Zwickau stehen diese vier Schuhkartons. Darin liegen Tausende kleine Karten, auf denen ein Mann praktisch sein gesamtes Schiedsrichterleben festgehalten hat.
Spiel für Spiel.
Jahr für Jahr.
Jahrzehnt für Jahrzehnt.
Inzwischen sind es 4.550 Spiele, für die Kurt Müller auf einen Fußballplatz gegangen ist, damit andere ihrem Hobby nachgehen können.
Und der Zähler steht noch immer nicht still.
Vielleicht steckt deshalb in der drastischen Aussage seines Arztes tatsächlich ein kleines Stück Wahrheit:
Manche Menschen hören mit dem Pfeifen auf, weil sie alt werden. Und manche werden vielleicht gerade deshalb so alt, weil sie niemals aufgehört haben zu pfeifen.
