Du betrachtest gerade Tor von Jonathan Burkhardt zählt nach VAR-Eingriff nicht
Entscheidende Szene vor dem vermeintlichen 1:0: Tom Bischof bekommt den Ball im Aufbau an den abgespreizten Arm. Nach VAR-Eingriff und On-Field-Review nahm Clément Turpin den Treffer zurück.

Tor von Jonathan Burkhardt zählt nach VAR-Eingriff nicht

Die Nations League-Partie zwischen Griechenland und Deutschland hatte bereits früh einige Arbeit für Schiedsrichter Clément Turpin und sein Team zu bieten. Zunächst wurde ein vermeintlicher deutscher Führungstreffer nach VAR-Eingriff wegen eines Handspiels von Tom Bischof aberkannt. Wenig später zeigte der französische Unparteiische einem griechischen Teamoffiziellen die Rote Karte.

Deutschland glaubte zunächst, durch Jonathan Burkardt mit 1:0 in Führung gegangen zu sein. Doch noch bevor die Partie fortgesetzt werden konnte, meldete sich Video-Assistent Jérôme Brisard bei Schiedsrichter Clément Turpin.

Im Mittelpunkt stand eine Szene, die bereits deutlich früher in der Entstehung des Angriffs stattgefunden hatte. Tom Bischof bekam auf Höhe der Mittellinie den Ball an den rechten Arm. Turpin wurde an den Monitor geschickt, sah sich die Situation noch einmal an und entschied anschließend auf strafbares Handspiel – der Treffer wurde zurückgenommen.[TV-Bilder – ab 01:25 Minuten]

Bischofs Arm vergrößert die Körperfläche

Regeltechnisch ist zunächst eine wichtige Unterscheidung notwendig. Nicht jede Berührung des Balles mit der Hand oder dem Arm ist ein Vergehen. Da Bischof den Treffer nicht selbst erzielt und die Armberührung bereits deutlich zuvor im Spielaufbau erfolgt, reicht eine lediglich unabsichtliche Berührung nicht aus. Die Aktion muss für sich genommen ein strafbares Handspiel darstellen.

Genau hier kommt das entscheidende Kriterium aus Regel 12 zum Tragen. Ein Handspiel liegt unter anderem dann vor, wenn ein Spieler den Ball mit der Hand oder dem Arm berührt und seinen Körper aufgrund der Armhaltung unnatürlich vergrößert. Eine solche Vergrößerung liegt vor, wenn die Armhaltung weder Folge der jeweiligen Körperbewegung ist noch durch diese gerechtfertigt werden kann.

Bei Bischof steht der rechte Arm deutlich vom Körper ab und vergrößert die Körperfläche. Zudem ist der Arm im Zweikampf gegnerorientiert nach außen geführt. Entscheidend ist deshalb die Frage, ob diese Armhaltung durch seinen Bewegungsablauf gerechtfertigt werden kann. Turpin beantwortete diese Frage nach Ansicht der Bilder mit Nein.

Damit geht Bischof mit dieser Armhaltung genau jenes Risiko einer Ballberührung ein, das die Handspielregel beschreibt. Die Entscheidung auf strafbares Handspiel und damit die Aberkennung des anschließend erzielten Tores ist aus unserer Sicht regeltechnisch korrekt.

Warum durfte der VAR eingreifen?

Für einen VAR-Eingriff muss nicht zwingend eine Situation vorliegen, die der Schiedsrichter auf dem Feld gesehen, bewertet und dabei eindeutig falsch entschieden hat. Das VAR-Protokoll kennt daneben auch den sogenannten „serious missed incident“ – also einen schwerwiegenden Vorfall, den das Schiedsrichterteam auf dem Feld nicht wahrgenommen hat.

Sollte Turpin beziehungsweise seine Crew die Berührung des Balles mit Bischofs Arm überhaupt nicht gesehen haben, wäre genau das hier von Bedeutung. Der VAR kann den Schiedsrichter dann darauf hinweisen, dass es einen relevanten Kontakt gegeben hat, den dieser bislang nicht bewerten konnte.

Die eigentliche Bewertung bleibt anschließend beim Schiedsrichter: Turpin sah sich die Szene am Monitor selbst an und musste entscheiden, ob die Armhaltung Bischofs die Kriterien eines strafbaren Handspiels erfüllt.

Deshalb wäre es zu kurz gegriffen, einen VAR-Eingriff ausschließlich daran zu messen, ob die ursprüngliche Entscheidung auf dem Feld eine „100-prozentige Fehlentscheidung“ war. Entscheidend kann ebenso sein, ob das Schiedsrichterteam den relevanten Vorgang überhaupt wahrgenommen und bewertet hatte.

Kurz darauf Rot gegen Griechenlands Sportdirektor

Nur wenig später stand Turpin erneut im Mittelpunkt. Nach einem Zweikampf kam es zu heftigen Beschwerden von der griechischen Bank. Der französische Schiedsrichter reagierte konsequent und zeigte Griechenlands Sportdirektor die Rote Karte. Dieser musste den Innenraum verlassen.

Auch hier lohnt sich der Blick ins Regelwerk. Nicht jede Beschwerde eines Trainers oder anderen Teamoffiziellen führt automatisch zu einem Feldverweis. Regel 12 unterscheidet auch bei Teamoffiziellen nach der Art des Fehlverhaltens.

Protestieren oder deutliches Reklamieren kann zunächst eine Verwarnung nach sich ziehen. Wird das Verhalten gegenüber einem Spieloffiziellen dagegen aggressiv, beleidigend oder konfrontativ, ist ein Feldverweis vorgesehen.

Welche Äußerung beziehungsweise welches konkrete Verhalten Turpin letztlich als feldverweiswürdig bewertete, war anhand der Fernsehbilder zunächst nicht eindeutig festzustellen. Die Rote Karte zeigt jedoch, dass der Franzose das Verhalten nicht mehr als bloßes Reklamieren einstufte.

Turpin früh gefordert

Damit hatte das international erfahrene französische Schiedsrichterteam bereits in der Anfangsphase zwei durchaus unterschiedliche Situationen zu bewältigen. Beim aberkannten Treffer war nach dem Hinweis des VAR eine regeltechnische Bewertung der Armhaltung erforderlich, wenig später musste Turpin an der Seitenlinie eine klare disziplinarische Grenze ziehen.

Gerade beim Handspiel zeigte sich dabei erneut, wie wichtig die genaue Unterscheidung ist: Nicht die Tatsache, dass irgendwann nach einer Handberührung ein Tor fällt, macht die Szene strafbar. Entscheidend ist in diesem Fall, dass Bischofs Armhaltung selbst die Kriterien eines strafbaren Handspiels erfüllt.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Helmut Wittiger

    Dem Handspiel von Bischof ging ein ganz klares Foulspiel des griechischen Verteidigers voraus. Warum hat Turpin dies übersehen? Der deutsche Spieler neben Bischof wird voll mit dem Fuß getroffen. Das sollte in die Bewertung mit einbezogen werden. Deshalb hätte zumindest die Spielfortsetzung direkter Freistoß für Deutschland heißen müssen. Inwieweit die Regeländerung, dass nach einer falsch ausgeführten Spielfortsetzung das Spiel unter Anwendung der Vorteilsbestimmung weiterläuft lasse ich offen.
    Wenn das Anspringen des Gegners nicht als Foul gewertet wird, dann hat Turpin hier einen Fehler gemacht. Das muss in einem Beobachtungsbogen vermerkt werden.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.