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Unterschiedliche Meinungen sind kein Zeichen mangelnder Kompetenz

Ob Patrick Ittrich, Manuel Gräfe, Thorsten Kinhöfer, Babak Rafati oder die Experten der IG Schiedsrichter: In Radio, Fernsehen und den digitalen Medien werden Schiedsrichterleistungen regelmäßig analysiert und bewertet. Dabei kommt es immer wieder vor, dass erfahrene Fachleute dieselbe Szene unterschiedlich beurteilen.

Das ist weder ungewöhnlich noch verwerflich. Denn am Ende bewerten Menschen die Entscheidungen anderer Menschen.

Ein klassisches Beispiel ist ein Zweikampf, bei dem sowohl der Ball als auch der Gegenspieler getroffen werden. Während der eine Experte argumentiert, der Spieler habe zunächst den Ball gespielt und deshalb liege kein feldverweiswürdiges Vergehen vor, bewertet ein anderer die Intensität des Einsteigens, das harte Trefferbild und die mögliche Gefährdung des Gegners. Er kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass eine Rote Karte erforderlich gewesen wäre.

Beide Betrachtungsweisen können unterschiedliche Aspekte derselben Szene in den Vordergrund stellen. Ob eine Bewertung regeltechnisch haltbar ist, muss allerdings anhand des gesamten Bewegungsablaufs und der geltenden Regeln beurteilt werden. Das bloße Spielen des Balles schließt ein grobes Foulspiel keineswegs aus.

Unterschiedliche Meinungen sind deshalb nicht automatisch ein Zeichen fehlender Fachkompetenz. Entscheidend ist, ob sie nachvollziehbar begründet werden.

Fehler eingestehen ist keine Schwäche

Niemand erwartet von einem Schiedsrichter, dass er jede Entscheidung richtig trifft. Auch Experten, Beobachter und wir selbst bei der IG Schiedsrichter können bei der Einschätzung einer Spielsituation zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das ist völlig normal und gehört zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Fußball dazu.

Niemand sollte für sich in Anspruch nehmen, die alleinige Deutungshoheit über Schiedsrichterentscheidungen zu besitzen. Weder ein ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter noch ein offizieller Beobachter, ein TV-Experte oder die IG Schiedsrichter.

Entscheidend ist nicht, wer eine Bewertung abgibt, sondern wie nachvollziehbar und regeltechnisch fundiert sie begründet wird. Unterschiedliche Auffassungen müssen erlaubt sein. Und wer sich nach erneuter Betrachtung einer Szene korrigiert, verliert dadurch nicht an Glaubwürdigkeit, sondern gewinnt sie.

Denn Fachkompetenz zeigt sich nicht darin, immer recht haben zu wollen, sondern darin, auch andere fachlich vertretbare Meinungen zu respektieren.

Es ist keine Schande, einen Fehler einzugestehen. Im Gegenteil: Wer eine falsche Entscheidung offen anspricht, erklärt und gegebenenfalls korrigiert, beweist Verantwortungsbewusstsein.

Problematisch wird es dagegen, wenn offensichtliche Fehler nicht aufgearbeitet werden, berechtigte Fragen unbeantwortet bleiben oder Entscheidungen ausschließlich hinter verschlossenen Türen besprochen werden.

Damit erweist man auch den Schiedsrichtern selbst keinen Gefallen. Denn wo nachvollziehbare Erklärungen fehlen, entstehen Spekulationen, Misstrauen und nicht selten berechtigte Kritik.

Natürlich muss nicht jede interne Beobachtung oder jede vertrauliche Leistungsbewertung veröffentlicht werden. Aber gerade bei öffentlich diskutierten, spielentscheidenden Situationen sollte es möglich sein, Entscheidungen und deren regeltechnische Hintergründe verständlich einzuordnen.

Transparenz schafft Vertrauen

Die IG Schiedsrichter setzt sich seit Jahren für einen fairen und sachlichen Umgang mit Unparteiischen ein. Dazu gehört, gute Leistungen ausdrücklich anzuerkennen, Fehler sachlich zu kritisieren und auch die eigenen Bewertungen hinterfragen zu lassen. Anfangs sind wir da zu emotional und unsachlich herangegangen. Das wurde seit einiger Zeit geändert. Der Mensch sollte immer im Mittelpunkt bleiben.

Wir verlangen keine Fehlerfreiheit. Wir erwarten aber einen offenen Umgang mit Fehlern.

Denn nicht jede Fehlentscheidung beschädigt das Vertrauen in die Schiedsrichter. Ein fehlender oder nicht nachvollziehbarer Umgang mit solchen Fehlern kann es dagegen sehr wohl tun.

Am Ende geht es nicht darum, wer mit seiner Bewertung recht behält. Es geht darum, Entscheidungen verständlich zu machen, unterschiedliche fachliche Auffassungen zu respektieren und aus Fehlern zu lernen.

Transparenz schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist eine der wichtigsten Grundlagen für die Akzeptanz unserer Schiedsrichter.

Auch wir haben dazugelernt – der Mensch muss im Mittelpunkt stehen

Die IG Schiedsrichter setzt sich seit Jahren für einen fairen und sachlichen Umgang mit Unparteiischen ein. Dazu gehört, gute Leistungen ausdrücklich anzuerkennen, Fehler sachlich zu kritisieren und auch die eigenen Bewertungen hinterfragen zu lassen.

Dabei wollen wir auch selbstkritisch sein: Gerade in unseren Anfangsjahren sind wir manche Bewertungen zu emotional und mitunter auch unsachlich angegangen. Nicht jede Formulierung war glücklich, nicht jede Kritik angemessen. Das gehört zu unserer eigenen Geschichte, und davor wollen wir uns nicht verstecken.

Inzwischen haben wir unsere Herangehensweise bewusst verändert. Wir legen größeren Wert auf sachliche Analysen, nachvollziehbare Begründungen und einen respektvollen Umgang mit den Menschen, deren Leistungen wir beurteilen.

Denn bei aller Diskussion über Noten, Fehlentscheidungen und strittige Spielszenen darf eines niemals vergessen werden: Hinter jeder Schiedsrichterentscheidung steht ein Mensch.

Ein Mensch, der innerhalb von Sekunden entscheiden muss, der Fehler machen darf und der ebenso Anerkennung verdient, wenn er eine schwierige Partie souverän leitet.

Kritik muss möglich sein, auch deutliche Kritik. Aber sie sollte sich immer auf die Leistung und niemals auf die persönliche Würde des Unparteiischen beziehen.

Das gilt selbstverständlich auch für uns selbst. Wer andere bewertet, muss bereit sein, sich ebenfalls bewerten und kritisieren zu lassen.

Unser Anspruch ist nicht, immer recht zu haben. Unser Anspruch ist, fair zu bleiben.

Denn am Ende sollte nicht die Note, nicht die Schlagzeile und auch nicht die persönliche Meinung eines Experten im Mittelpunkt stehen, sondern immer der Mensch, der auf dem Fußballplatz Verantwortung übernimmt.

Fazit: Unterschiedliche Meinungen zulassen – den Menschen nicht vergessen

Schiedsrichterbewertungen werden niemals vollkommen einheitlich sein. Dafür sind Spielsituationen zu komplex, Ermessensspielräume zu groß und menschliche Wahrnehmungen zu unterschiedlich. Das ist kein Makel, sondern gehört zum Fußball dazu.

Entscheidend ist nicht, ob alle Experten zur gleichen Bewertung kommen. Entscheidend ist, dass ihre Einschätzungen sachlich begründet, andere fachlich vertretbare Meinungen respektiert und eigene Fehler offen eingestanden werden.

Niemand besitzt die alleinige Deutungshoheit über eine Schiedsrichterleistung. Auch wir als IG Schiedsrichter nicht.

Kritik ist notwendig, Lob ebenso. Beides muss fair bleiben. Denn hinter jeder Entscheidung, jeder Bewertung und jeder Note steht ein Mensch, der Respekt verdient.

Wir brauchen keine Kultur der Unfehlbarkeit, sondern eine Kultur der Offenheit, der gegenseitigen Wertschätzung und des Lernens aus Fehlern.

Denn eines sollte für alle Beteiligten gelten:

Transparenz schafft Vertrauen. Und der Mensch muss immer im Mittelpunkt stehen.

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