Ein kleines Gerät auf der Brust des Schiedsrichters könnte im Kampf gegen Gewalt und Bedrohungen auf deutschen Fußballplätzen eine wichtige Rolle spielen. Rund fünf Wochen nach dem Start des Bodycam-Pilotprojekts in Gelsenkirchen gibt es erste positive Erfahrungen. Ein aktueller Bericht des WDR zeigt, dass bereits die Aktivierung der Kamera ausreichen kann, um eine aufgeheizte Situation zu entschärfen.
Ein Knopfdruck – und plötzlich kehrt Ruhe ein
Es sind Situationen, die viele Amateur-Schiedsrichter kennen: Eine strittige Entscheidung, aufgebrachte Spieler, Zuschauer, die sich einmischen, und plötzlich droht eine zunächst harmlose Auseinandersetzung zu eskalieren.
Genau eine solche Situation erlebte Schiedsrichter Selcuk Göcmen bei einem seiner Einsätze in der Gelsenkirchener Kreisliga B.
Wie der WDR am Mittwoch (21. Oktober) berichtet, gerieten zwei Spieler an der Seitenlinie aneinander. Zuschauer mischten sich ein, die Stimmung wurde zunehmend aufgeheizt.
Göcmen entschied sich, seine Bodycam einzuschalten.
Die Reaktion war bemerkenswert: Nach seiner Schilderung beruhigten sich die Beteiligten unmittelbar, der Tumult löste sich auf. Eine weitere Eskalation blieb aus.
Dabei musste der Unparteiische weder eine besondere Maßnahme ergreifen noch jemanden ausdrücklich mit einer Videoaufzeichnung bedrohen. Offenbar genügte bereits das Wissen, dass das Geschehen nun dokumentiert wurde.
Zwölf Aktivierungen bei mehr als 50 Spielen
Seit Mitte September läuft in Gelsenkirchen das gemeinsame Pilotprojekt von FIFA, DFB und dem Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW).
Schiedsrichter der Kreisliga B können bei ihren Spielleitungen eine kleine Bodycam tragen, die bei kritischen Situationen aktiviert werden kann.
Nach den aktuellen Angaben, die der WDR veröffentlicht hat, wurden die Kameras bei mehr als 50 Spielen insgesamt zwölfmal eingeschaltet.
Auch Schiedsrichter Göcmen, der seine Kamera bislang bei fünf Begegnungen getragen hat, musste sie lediglich einmal aktivieren.
Die ersten Rückmeldungen lassen darauf schließen, dass die Kameras eine deeskalierende Wirkung entfalten könnten.
Allerdings wäre es verfrüht, bereits von einem wissenschaftlich nachgewiesenen Erfolg zu sprechen. Eine belastbare Bewertung soll erst nach der Auswertung der erhobenen Daten möglich sein.
Wie funktioniert die Bodycam?
Die eingesetzte Kamera ist ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel und wird magnetisch an der Kleidung des Schiedsrichters befestigt.
Das System arbeitet mit einer sogenannten Voraufzeichnung. Während des Spiels werden fortlaufend kurze Videosequenzen zwischengespeichert, die nach 30 Sekunden automatisch überschrieben werden.
Erst wenn der Schiedsrichter die Kamera bewusst aktiviert, wird eine Aufnahme dauerhaft gespeichert. Ein akustisches Signal macht auf die Aktivierung aufmerksam.
Besonders interessant ist der kleine Bildschirm auf der Kamera. Beteiligte können erkennen, dass sie gerade aufgenommen werden.
Die Aufzeichnungen werden beim DFB verwahrt und können bei Bedarf als Beweismittel in sportgerichtlichen Verfahren verwendet werden.
Damit dient die Bodycam nicht der Überprüfung von Schiedsrichterentscheidungen, sondern ausschließlich dem Schutz der Unparteiischen und der Dokumentation kritischer Vorfälle.
Gerade in den unteren Spielklassen ein wichtiger Ansatz
Wer selbst einmal ein Kreisliga-Spiel geleitet hat, kennt die besonderen Herausforderungen.
In vielen unteren Spielklassen stehen Schiedsrichter ohne neutrale Assistenten auf dem Platz. Sie müssen Entscheidungen allein treffen, Konflikte schlichten und gleichzeitig das gesamte Spielgeschehen im Blick behalten.
Gerade junge oder unerfahrene Unparteiische können dabei schnell an ihre Grenzen geraten.
Der WDR berichtet auch über den ehemaligen Schiedsrichter Gentian Maska, der seine Tätigkeit unter anderem wegen erlebter Gewaltausbrüche aufgegeben hat. Er begrüßt den Einsatz der Kameras ausdrücklich.
Seine Erfahrungen verdeutlichen ein grundsätzliches Problem: Schiedsrichter verlassen ihr Hobby nicht ausschließlich wegen fehlender Zeit oder mangelnder sportlicher Perspektiven. Auch negative Erlebnisse und das Gefühl fehlender Sicherheit können eine entscheidende Rolle spielen.
Wenn Bodycams dazu beitragen, dass sich Unparteiische sicherer fühlen und länger ihrem Hobby treu bleiben, wäre dies ein zusätzlicher Gewinn für das gesamte Schiedsrichterwesen.
Die Kamera ersetzt keinen funktionierenden Ordnungsdienst
Bei aller berechtigten Hoffnung darf allerdings eines nicht vergessen werden: Eine Bodycam kann Gewalt möglicherweise verhindern oder dokumentieren. Sie kann einen körperlichen Angriff aber nicht zuverlässig abwehren.
Deshalb dürfen die Vereine und Verbände durch den Einsatz moderner Technik nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden.
Ein funktionierender Ordnungsdienst, klar erkennbare Ordner, ein verantwortlicher Ansprechpartner des Heimvereins und konsequente sportrechtliche Sanktionen bleiben unverzichtbar.
Die Bodycam kann eine zusätzliche Schutzmaßnahme sein. Sie darf jedoch niemals als Ersatz für bestehende Sicherheitsvorkehrungen verstanden werden.
Gerade deshalb wäre es wünschenswert, wenn die Erkenntnisse aus Gelsenkirchen künftig mit weiteren Maßnahmen zum Schutz der Schiedsrichter verknüpft würden.
IG Schiedsrichter: Ein vielversprechender Ansatz, der weiterverfolgt werden sollte
Aus Sicht der IG Schiedsrichter sind die ersten Erfahrungen aus Gelsenkirchen ein ermutigendes Signal.
Seit Jahren wird über Gewalt, Bedrohungen und Beleidigungen gegenüber Unparteiischen diskutiert. Immer wieder werden neue Konzepte vorgestellt, doch entscheidend ist letztlich, welche Maßnahmen auf den Sportplätzen tatsächlich Wirkung entfalten.
Die Bodycam könnte eine davon sein.
Besonders bemerkenswert ist, dass sie offenbar nicht erst nach einem Übergriff als Beweismittel hilfreich sein kann. Ihr größter Nutzen könnte vielmehr darin liegen, eine Eskalation bereits im Ansatz zu verhindern.
Dabei sollte die Freiwilligkeit für die Schiedsrichter ebenso berücksichtigt werden wie ein klar geregelter Datenschutz und der verantwortungsvolle Umgang mit den Aufzeichnungen.
Die wissenschaftliche Auswertung des Pilotprojekts wird zeigen müssen, ob sich die positiven Einzelerfahrungen bestätigen.
Fazit: Am besten bleibt die Kamera ausgeschaltet
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Erfolg dieses Projekts: Eine Bodycam muss nicht ständig filmen, um eine Wirkung zu entfalten.
Schon ihre sichtbare Präsenz könnte dazu beitragen, dass Spieler, Trainer und Zuschauer ihr Verhalten überdenken.
Schiedsrichter Selcuk Göcmen würde nach eigener Aussage am liebsten ganz ohne Bodycam auskommen.
Ein Wunsch, den wohl jeder Unparteiische unterschreiben würde.
Solange aber Schiedsrichter auf deutschen Fußballplätzen beleidigt, bedroht oder sogar körperlich angegriffen werden, sollte jede verhältnismäßige Maßnahme geprüft werden, die ihre Sicherheit verbessern kann.
Gelsenkirchen liefert dafür erste ermutigende Hinweise. Ob daraus ein Modell für den gesamten deutschen Amateurfußball werden kann, müssen die kommenden Monate zeigen.
Quelle: WDR, Johannes Hoppe, 21. Oktober 2026: „Ein Zivilisierungstool zeigt Wirkung – Bodycam-Projekt in Gelsenkirchen“.
