Sven Jablonski hat sein erstes Spiel in der Nations League A ohne größere Schwierigkeiten absolviert. Beim historischen 7:0-Auswärtssieg Englands in Kroatien geriet der deutsche Elite-Schiedsrichter kaum in den Mittelpunkt. Interessant war allerdings, wer seine Leistung für die UEFA genau unter die Lupe nahm.
Viel deutlicher hätte das Debüt von Sven Jablonski in der höchsten Spielklasse der Nations League kaum ausfallen können. England setzte sich in Kroatien mit 7:0 durch und fügte den Gastgebern damit die höchste Heimniederlage ihrer Geschichte zu.
Harry Kane brachte die Engländer bereits in der achten Minute in Führung und erhöhte später auf 4:0 (53.). Zuvor hatte Jude Bellingham in der 21. Minute getroffen, Anthony Gordon erhöhte auf 3:0 (39.). Bukayo Saka war unmittelbar vor der Pause erfolgreich (45.) und erzielte in der zweiten Hälfte einen weiteren Treffer (68.). Morgan Rogers setzte in der 87. Minute den Schlusspunkt.
Jablonski kaum gefordert
Für Jablonski entwickelte sich damit eine vergleichsweise unkomplizierte Partie. England bestimmte das Geschehen deutlich, während der deutsche Unparteiische mit seiner ruhigen Spielleitung kaum Anlass für Diskussionen bot.
Ganz ohne potenziell interessante Situationen blieb die Begegnung allerdings nicht. Nach rund einer halben Stunde ging Gordon nach einem Kontakt zu Boden. Jablonski entschied auf Weiterspielen. Bellingham eroberte anschließend den Ball und England konnte seinen Angriff fortsetzen.
Kurz vor der Pause gab es zudem nach einer Hereingabe von Sučić eine mögliche Handspiel-Situation mit Hall. Auch hier ließ Jablonski weiterspielen, ein Eingreifen des Video-Assistenten erfolgte nicht.
Beide Szenen passten letztlich zu der von Jablonski gewählten großzügigen Linie. Der deutsche Unparteiische ließ viel laufen und griff bei leichten beziehungsweise nicht eindeutigen Kontakten nicht sofort ein. Gemessen an seinem Maßstab waren beide Situationen für einen Pfiff zu wenig. Entscheidend war dabei vor allem die Konsequenz: Jablonski behielt seine Linie über die gesamte Partie bei.
Größere Diskussionen entstanden aus beiden Situationen ohnehin nicht.
Auch die persönliche Strafbilanz unterstreicht den ruhigen Verlauf. Lediglich Mateo Kovačić sah wegen Reklamierens die Gelbe Karte. England beendete die Partie vollständig ohne persönliche Strafe. Platzverweise, Strafstöße oder größere VAR-Eingriffe gab es nicht.
Jablonski wurde von Eduard Beitinger und Robert Kempter an den Seitenlinien unterstützt. Tobias Reichel fungierte als Vierter Offizieller, Christian Dingert und Johann Pfeifer waren als Video-Assistenten eingesetzt.
Ein besonderer Beobachter schaut genau hin
Interessant für Jablonskis weiteren internationalen Weg ist jedoch ein Name, der bei solchen Ansetzungen normalerweise kaum Beachtung findet: Vladimir Šajn beobachtete die Leistung des deutschen Schiedsrichters für die UEFA.
Und Šajn ist keineswegs lediglich einer von zahlreichen UEFA-Schiedsrichterbeobachtern.
Der Slowene gehört als UEFA Refereeing Officer der UEFA-Schiedsrichterkommission an und damit zu jenem Kreis, der unmittelbar an der Entwicklung des europäischen Spitzen-Schiedsrichterwesens beteiligt ist. Zu den Aufgaben der Kommission gehören unter anderem die Ansetzungen und Leistungsüberwachung der internationalen Schiedsrichter sowie deren Einordnung in die verschiedenen UEFA-Kategorien.
Šajn gehört der UEFA-Schiedsrichterkommission bereits seit vielen Jahren an und beschäftigt sich insbesondere mit der Beobachtung und Weiterentwicklung internationaler Unparteiischer. In seiner langen Funktionärslaufbahn hat er zahlreiche hochklassige internationale Spielleitungen beobachtet.
Dass ein derart erfahrener und hochrangiger UEFA-Funktionär Jablonskis ersten Einsatz in der Nations League A persönlich bewertete, macht die Begegnung deshalb auch abseits des deutlichen Ergebnisses interessant.
Siebert bei der UEFA – Zwayer bei der FIFA
Eine unmittelbar bevorstehende Beförderung lässt sich aus Šajns Ansetzung natürlich nicht ableiten. Jablonski gehört inzwischen ohnehin zur UEFA-Elite. Viel interessanter ist deshalb die Frage, welchen Stellenwert er sich innerhalb dieser Spitzengruppe erarbeiten kann.
Deutschland ist international derzeit ausgesprochen stark vertreten. Dabei zeichnet sich durchaus ein Unterschied zwischen der Hierarchie bei UEFA und FIFA ab.
Auf UEFA-Ebene dürfte Daniel Siebert derzeit die deutsche Nummer eins sein. Wie groß das Vertrauen der UEFA-Schiedsrichterführung um Roberto Rosetti in den Berliner ist, zeigte sich eindrucksvoll in der vergangenen Champions-League-Saison.
Siebert wurde im Achtelfinale, Viertelfinale und Halbfinale eingesetzt und erhielt schließlich sogar die Leitung des Champions-League-Endspiels. Eine derartige Serie von Spitzenansetzungen in der entscheidenden Phase des wichtigsten europäischen Vereinswettbewerbs ist außergewöhnlich und ein deutliches Zeichen des Vertrauens.
Bei der FIFA stellt sich die Situation dagegen anders dar.
Für die Weltmeisterschaft 2026 wurde Felix Zwayer als einziger deutscher Hauptschiedsrichter nominiert, während Siebert nicht berücksichtigt wurde. Zwayer scheint damit derzeit insbesondere beim Weltverband das stärkere Standing zu besitzen.
Welche Überlegungen hinter diesen unterschiedlichen Bewertungen stehen, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen. Auffällig bleibt der Gegensatz dennoch: Während die FIFA bei ihrem wichtigsten Turnier auf Zwayer setzt, betraute die UEFA Siebert mit dem wichtigsten Spiel des europäischen Vereinsfußballs.
Für die kommenden Jahre wird deshalb interessant sein, wie sich diese Konstellation entwickelt. Bei Zwayer stellt sich aufgrund seines Alters zudem die Frage, ob er 2028 noch einmal den Sprung zu einer Europameisterschaft schafft.
Jablonski auf dem Weg nach oben
Und genau hier kommt Sven Jablonski ins Spiel.
Der Bremer hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach oben gearbeitet und gehört inzwischen zur UEFA-Elite. Aus unserer Sicht ist Jablonski auf UEFA-Ebene hinter Siebert aktuell bereits die deutsche Nummer zwei.
Das bedeutet nicht, dass er Zwayer bei der Bedeutung einzelner internationaler Ansetzungen bereits grundsätzlich überholt hätte. Dafür verfügt Zwayer über eine enorme Erfahrung und insbesondere bei der FIFA über ein entsprechend hohes Standing.
Für Jablonski geht es inzwischen jedoch längst nicht mehr darum, überhaupt im europäischen Spitzenbereich anzukommen. Diesen Schritt hat er geschafft.
Jetzt beginnt die wesentlich schwierigere Phase: sich innerhalb der Elite-Gruppe für die wirklich großen Spiele zu empfehlen.
Gerade deshalb ist auch die Beobachtung durch Vladimir Šajn interessant. Aus einem einzelnen Beobachter lässt sich keine zukünftige Ansetzung ableiten. Aber Jablonski befindet sich inzwischen auf einem Niveau, auf dem seine Leistungen von jenen Personen bewertet werden, die über die weitere Entwicklung der europäischen Spitzenschiedsrichter mitentscheiden.
Die entscheidende Frage für die nächsten Jahre lautet daher:
Kann Sven Jablonski mittelfristig in jene Rolle hineinwachsen, die Daniel Siebert derzeit innerhalb der UEFA einnimmt?
Fazit
Viel besser hätte Jablonskis erster Einsatz in der Nations League A kaum verlaufen können. Die Partie war aufgrund der englischen Überlegenheit für den Schiedsrichter nicht besonders schwierig, dennoch musste auch ein solches Spiel erst einmal sauber über die Bühne gebracht werden.
Jablonski wählte eine großzügige Linie, blieb dieser konsequent treu und hatte bei den wenigen potenziell diskussionswürdigen Situationen keinen Anlass, seinen Maßstab zu verändern. Mit nur einer Gelben Karte, keinen Platzverweisen, keinem Strafstoß und ohne größeren VAR-Eingriff blieb das deutsche Team nahezu unsichtbar.
Für einen Schiedsrichter ist das häufig das größte Kompliment.
Und so könnte für Jablonski gerade dieser unspektakuläre Abend von Rijeka ein weiterer kleiner Schritt auf einem inzwischen sehr interessanten internationalen Weg gewesen sein.
Denn die Frage ist längst nicht mehr, ob Sven Jablonski auf europäischer Ebene angekommen ist.
Spannend ist vielmehr, wie weit sein Weg innerhalb der europäischen Elite noch führen kann.
