Kommentierende Analyse: Die UEFA fordert einen Führungswechsel an der Spitze des Weltfußballverbandes FIFA und stellt sich gegen Präsident Gianni Infantino. Gleichzeitig kündigt UEFA-Präsident Aleksander Čeferin entgegen seiner früheren Rückzugsankündigung eine vierte Amtszeit an. Die Ereignisse beim Treffen der europäischen Fußballverbände in Berlin werfen eine grundsätzliche Frage auf: Wie glaubwürdig sind Forderungen nach Veränderung, wenn die eigene Führung auf Kontinuität setzt?
Zwei Präsidenten, zwei Machtinteressen
Im internationalen Fußball bahnt sich ein Machtkampf an, der weit über persönliche Differenzen zwischen zwei Präsidenten hinausgeht. Beim Treffen der 55 UEFA-Mitgliedsverbände am Donnerstag in Berlin stand die Zukunft des Weltfußballverbandes FIFA im Mittelpunkt. Die europäische Fußballführung will eine grundlegende Reform der FIFA und spricht sich mehrheitlich für einen Wechsel an deren Spitze aus.
Gianni Infantino, seit 2016 Präsident des Weltverbandes, hat nach Auffassung zahlreicher europäischer Funktionäre das Vertrauen verspielt. Insbesondere sein Führungsstil und der Umgang mit wichtigen wirtschaftlichen Entscheidungen haben zu erheblichen Spannungen geführt.
Doch ausgerechnet während die UEFA einen personellen Neuanfang bei der FIFA fordert, kündigte ihr eigener Präsident Aleksander Čeferin an, 2027 erneut kandidieren zu wollen.
Eine bemerkenswerte Entwicklung. Schließlich hatte der Slowene noch im Februar 2024 öffentlich erklärt, nach seiner laufenden Amtszeit nicht mehr antreten zu wollen.
Über die erneute Kandidatur Čeferins berichtete die IG Schiedsrichter bereits in einem Nachrichtenbeitrag.
Die eigentliche Brisanz liegt jedoch nicht allein in seiner Entscheidung, sondern in der Frage, welche Maßstäbe die Spitzen des internationalen Fußballs an sich selbst anlegen.
Der DFB stellt sich offen gegen Infantino
Besonders deutlich positioniert sich der Deutsche Fußball-Bund. DFB-Präsident Bernd Neuendorf erklärte, dass der Verband Gianni Infantino bei der kommenden Präsidentenwahl im März 2027 nicht unterstützen werde.
Der DFB-Vorstand habe sich einstimmig gegen eine Wiederwahl ausgesprochen. Neuendorf begründete diese Entscheidung mit einem massiven Vertrauensverlust nach mehreren umstrittenen Vorgängen rund um die FIFA.
Auch Hans-Joachim Watzke, DFB-Vizepräsident und Ligapräsident, bekräftigte in Berlin die kritische Haltung. Er verwies unter anderem auf den FIFA-Friedenspreis, den Fall des US-Nationalspielers Folarin Balogun sowie die gescheiterten Investorenpläne des Weltverbandes.
Insbesondere Letztere haben das Verhältnis zwischen FIFA und UEFA erheblich belastet.
Infantino hatte vorgeschlagen, private Investoren an einer Gesellschaft zu beteiligen, über die kommerzielle Rechte wichtiger FIFA-Wettbewerbe vermarktet werden sollten. Die Pläne stießen auf massiven Widerstand, weil zahlreiche Verbände eine weitere Konzentration wirtschaftlicher Macht und mangelnde Mitsprache befürchteten.
Nach erheblichem internationalen Druck zog der FIFA-Präsident das Vorhaben zurück.
Der Konflikt zeigt allerdings ein grundsätzliches Problem: Wem gehört der Fußball eigentlich? Den Verbänden, die ihn organisieren, den Vereinen und Spielern, die ihn mit Leben erfüllen, oder den Funktionären, die über seine wirtschaftliche Zukunft entscheiden?
54 europäische Verbände verlangen einen Neuanfang
Die Kritik an Infantino beschränkt sich längst nicht mehr auf einzelne Funktionäre. Beim Berliner Treffen unterstützten 54 der 55 UEFA-Mitgliedsverbände einen Reformkurs gegenüber der FIFA. Lediglich Aserbaidschan schloss sich der gemeinsamen Position nicht an.
Die europäischen Verbände fordern unter anderem eine stärkere Gewaltenteilung, transparente Entscheidungsprozesse und eine klarere Abgrenzung zwischen den Aufgaben des Präsidenten und den zuständigen FIFA-Gremien.
Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um strukturelle Veränderungen. Die UEFA hält auch einen personellen Wechsel an der FIFA-Spitze für notwendig.
Allerdings ist die Position der europäischen Verbände differenziert zu betrachten. Die Unterstützung der Reformforderungen bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche europäischen Verbände bei einer Präsidentenwahl geschlossen gegen Infantino stimmen werden.
Außerhalb Europas verfügt der FIFA-Präsident weiterhin über erheblichen Rückhalt. Insbesondere in Afrika und Südamerika kann er auf starke Unterstützung zählen. Auch mehrere asiatische Verbände stehen hinter ihm.
Hinzu kommt ein entscheidender Punkt: Wer Infantino ablösen möchte, benötigt einen geeigneten Gegenkandidaten, der auch außerhalb Europas Mehrheiten gewinnen kann.
Der frühere Schweizer Nationalspieler Ramon Vega hat zwar erklärt, kandidieren zu wollen. Ob er die notwendigen Unterstützer findet und tatsächlich zur Wahl zugelassen wird, ist jedoch offen.
Damit besteht die Gefahr, dass die europäische Opposition zwar deutliche Kritik formuliert, am Ende aber keine ausreichende Mehrheit für einen Führungswechsel organisiert.
Čeferin und die umstrittene Amtszeitbegrenzung
Während die UEFA die Machtstrukturen der FIFA kritisiert, lohnt sich ein genauerer Blick auf die eigene Verbandsspitze.
Aleksander Čeferin wurde 2016 erstmals zum UEFA-Präsidenten gewählt. Damals trat er mit dem Anspruch an, die Führung des europäischen Fußballs transparenter zu gestalten und Machtkonzentrationen zu begrenzen.
Unter seiner Präsidentschaft wurden Amtszeitbegrenzungen eingeführt, die verhindern sollten, dass Funktionäre über Jahrzehnte dieselben Spitzenpositionen besetzen.
Gerade deshalb sorgte eine Statutenänderung beim UEFA-Kongress 2024 für erhebliche Diskussionen.
Die Änderung führte dazu, dass Čeferins erste Amtsperiode von 2016 bis 2019 nicht auf die Begrenzung von drei Amtszeiten angerechnet wird. Formal kann er deshalb erneut kandidieren und bei einer Wiederwahl bis 2031 im Amt bleiben.
Die UEFA begründete die Anpassung mit rechtlichen Erfordernissen und der Vereinbarkeit ihrer Statuten mit Schweizer Recht.
Kritiker sahen darin hingegen eine Aufweichung jener Begrenzung, die ursprünglich gerade eine übermäßige Konzentration von Macht verhindern sollte.
Der damalige UEFA-Fußballdirektor Zvonimir Boban trat Anfang 2024 im Streit über die Entwicklung zurück. Auch innerhalb der UEFA hatte es Widerstand gegen die Änderung gegeben.
Bemerkenswert ist zudem, dass der DFB die Statutenänderung seinerzeit unterstützte.
Die juristische Zulässigkeit einer weiteren Kandidatur ist damit von der politischen Frage zu unterscheiden, ob sie dem ursprünglichen Gedanken einer Amtszeitbegrenzung entspricht.
Aus dem angekündigten Rückzug wird eine vierte Amtszeit
Nach den Diskussionen um die Statutenänderung erklärte Čeferin im Februar 2024, dass er 2027 nicht erneut kandidieren werde.
Diese Aussage wurde damals als Signal verstanden, dass er trotz der geschaffenen rechtlichen Möglichkeit auf eine weitere Amtszeit verzichten wolle.
Nun folgt die Kehrtwende.
Nach Angaben der UEFA hatten ihn sämtliche 55 Mitgliedsverbände in den vergangenen Monaten gebeten, seine Entscheidung zu überdenken. Diesem Wunsch sei er nachgekommen.
Čeferin verweist auf die Herausforderungen der vergangenen Jahre und die Notwendigkeit, den europäischen Fußball weiterhin geschlossen zu führen.
Dass er innerhalb der UEFA über großen Rückhalt verfügt, steht außer Frage. Eine einstimmige Aufforderung zur Kandidatur ist ein deutliches politisches Signal.
Dennoch bleibt die Frage, weshalb eine Organisation, die selbst Amtszeitbegrenzungen eingeführt hat, nun auf eine Auslegung ihrer Regeln zurückgreift, die ihrem Präsidenten eine vierte Amtsperiode ermöglicht.
Denn eine Amtszeitbegrenzung soll nicht erst dann Bedeutung bekommen, wenn der amtierende Präsident keine Unterstützung mehr besitzt.
Ihr eigentlicher Zweck besteht gerade darin, unabhängig von persönlichen Beliebtheitswerten regelmäßige Veränderungen an der Führungsspitze zu ermöglichen.
Ein Widerspruch, der Fragen aufwirft
Natürlich wäre es zu einfach, Aleksander Čeferin und Gianni Infantino allein wegen ihrer angestrebten vierten Amtszeiten gleichzusetzen.
Die Vorwürfe gegen Infantino betreffen insbesondere seinen Führungsstil, die Entscheidungsprozesse innerhalb der FIFA und den Umgang mit wirtschaftlichen Interessen. Eine erneute Kandidatur Čeferins ist dagegen nach den derzeit geltenden UEFA-Statuten zulässig.
Beide Vorgänge sind deshalb rechtlich und inhaltlich unterschiedlich zu bewerten.
Trotzdem entsteht ein politischer Widerspruch.
Die UEFA verlangt vom Weltverband Reformen, mehr Transparenz, eine stärkere Kontrolle der Führung und einen personellen Neuanfang. Gleichzeitig setzt sie an ihrer eigenen Spitze auf die Fortsetzung einer Präsidentschaft, die bereits seit 2016 besteht.
Das muss nicht zwangsläufig falsch sein. Kontinuität kann gerade in schwierigen Zeiten sinnvoll sein. Erfahrung, internationale Beziehungen und Rückhalt innerhalb der Mitgliedsverbände sind durchaus Argumente für eine weitere Amtszeit.
Doch wer einen Führungswechsel bei einer anderen Organisation als notwendig bezeichnet, muss sich auch kritischen Fragen zur eigenen Führung stellen.
Warum ist eine lange Amtszeit bei der FIFA problematisch, während sie bei der UEFA als Garant für Stabilität angesehen wird?
Und wie überzeugend ist eine Amtszeitbegrenzung, wenn ihre Anwendung nachträglich so verändert wird, dass der amtierende Präsident länger bleiben kann?
Diese Fragen sind legitim und sollten nicht allein mit dem Hinweis auf die Zustimmung der Mitgliedsverbände beantwortet werden.
Was hat das mit dem Fußball an der Basis zu tun?
Auf den ersten Blick scheint der Machtkampf zwischen UEFA und FIFA weit entfernt vom Alltag auf den Fußballplätzen.
Doch die Entscheidungen der internationalen Verbände wirken bis in die unteren Spielklassen hinein.
Ob es um die Verteilung finanzieller Mittel, die Organisation von Wettbewerben, die Förderung des Nachwuchses oder die Weiterentwicklung des Schiedsrichterwesens geht: Die großen Verbände setzen Rahmenbedingungen, die letztlich den gesamten organisierten Fußball beeinflussen.
Gerade im Schiedsrichterwesen wird immer wieder deutlich, wie wichtig nachvollziehbare Entscheidungen, klare Zuständigkeiten und Vertrauen in die verantwortlichen Personen sind.
Von Schiedsrichtern wird erwartet, dass sie ihre Entscheidungen unabhängig treffen, Regeln konsequent anwenden und sich nicht von persönlichen Interessen beeinflussen lassen.
Dieser Anspruch sollte auch für jene Funktionäre gelten, die an der Spitze des internationalen Fußballs stehen.
Es wäre widersprüchlich, auf dem Spielfeld konsequente Regelauslegung einzufordern, während bei der Gestaltung von Verbandsstrukturen der Eindruck entsteht, dass Regeln vor allem den jeweiligen Machtverhältnissen angepasst werden.
Dabei geht es nicht darum, eine zulässige Statutenänderung mit einem Regelverstoß auf dem Fußballplatz gleichzusetzen. Entscheidend ist vielmehr das gemeinsame Prinzip: Regeln müssen nachvollziehbar, verlässlich und für alle Beteiligten glaubwürdig sein.
Fazit: Glaubwürdige Reformen müssen bei den eigenen Strukturen beginnen
Der internationale Fußball braucht starke Verbände und verantwortungsbewusste Führungspersönlichkeiten. Er braucht aber ebenso Transparenz, unabhängige Kontrollmechanismen und Regeln, die eine übermäßige Konzentration von Macht verhindern.
Die Forderungen der UEFA nach einer Reform der FIFA sind deshalb grundsätzlich nachvollziehbar. Wenn wichtige Entscheidungen ohne ausreichende Beteiligung der Mitgliedsverbände getroffen werden, muss darüber diskutiert werden.
Ebenso nachvollziehbar ist allerdings die Kritik an der Entwicklung innerhalb der UEFA selbst.
Aleksander Čeferin darf nach den geltenden Statuten erneut kandidieren. Dass er seine frühere Rückzugsankündigung zurücknimmt, ist seine Entscheidung. Sie muss jedoch genauso kritisch hinterfragt werden dürfen wie die erneute Kandidatur Gianni Infantinos.
Eine breite Unterstützung innerhalb der Mitgliedsverbände ersetzt nicht die grundsätzliche Diskussion über Amtszeitbegrenzungen und Machtkontrolle.
Wer beim Weltverband einen personellen Neuanfang fordert, muss überzeugend erklären können, weshalb in den eigenen Reihen eine vierte Amtszeit notwendig sein soll.
Am Ende sollte nicht entscheidend sein, ob ein Präsident Infantino oder Čeferin heißt. Entscheidend muss sein, ob die Strukturen eines Verbandes Macht begrenzen, Kontrolle ermöglichen und das Vertrauen in seine Führung stärken.
Denn Reformen sind nur dann glaubwürdig, wenn ihre Grundsätze nicht allein für andere gelten.
Und genau daran müssen sich FIFA und UEFA gleichermaßen messen lassen.
