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Klare Ansage zum VAR: Schiedsrichter-Chef Knut Kircher will den Video-Assistenten wieder stärker auf klare und offensichtliche Fehlentscheidungen beschränken. Entscheidungen im Graubereich sollen häufiger auf dem Platz bleiben.

„Auch 90:10 müssen wir aushalten“: Kircher erklärt die neue VAR-Linie

Mehr Emotionen, mehr Diskussionen und vor allem mehr Entscheidungshoheit für die Schiedsrichter: DFB-Schiedsrichter-Chef Knut Kircher hat nach dem Medientreffen „Let’s talk about Refs“ in München noch einmal erklärt, wohin sich der Umgang mit dem Video-Assistenten entwickeln soll. Seine bemerkenswerteste Aussage: Selbst 70:30-, 80:20- und möglicherweise sogar 90:10-Situationen müsse man aushalten. Der VAR soll wieder stärker das sein, wofür er ursprünglich gedacht war – ein Sicherheitsnetz für wirklich klare Fehler.

Unter der Woche hatte die DFB Schiedsrichter GmbH TV-Experten und Fußball-Journalisten zum Austausch nach München eingeladen. Bei „Let’s talk about Refs“ ging es vor allem darum, mehr Verständnis für die Arbeit der Unparteiischen und insbesondere für den Umgang mit dem Video-Assistenten zu schaffen.

Im Anschluss machte Knut Kircher deutlich, dass es dabei nicht nur um einzelne Entscheidungen ging. Vielmehr verfolgt die Schiedsrichterführung eine grundsätzliche Linie: Der Fußball soll wieder ein Stück weit weg von der Suche nach der vermeintlich perfekten Entscheidung.

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„Zurück zur Originalität des Fußballs“, formulierte Kircher das Ziel. Fußball sei schließlich „Diskussion, Emotion“ und „nicht nur schwarz oder weiß“.

Genau darin liegt der Kern der neuen Linie.

Diskussionen und Emotionen ausdrücklich erwünscht

Seit Einführung des Video-Assistenten hat sich die Wahrnehmung von Schiedsrichterentscheidungen verändert. Eine strittige Szene wird nicht mehr nur danach beurteilt, ob die Entscheidung auf dem Platz nachvollziehbar war. Schnell folgt die nächste Frage: Warum hat der VAR nicht eingegriffen?

Kircher möchte davon offenbar wieder ein Stück weg.

Zum Fußball gehörten Diskussionen und Emotionen, erklärte der Schiedsrichter-Chef. Und es gehöre auch eine „lange Leine“ dazu.

Gerade beim VAR sei dies derzeit ein Punkt, bei dem man bewusst „sehr viel Luft heranlassen“ wolle. Kircher sieht darin auch einen Vorteil für die Unparteiischen selbst: Sie fühlten sich mit dieser Linie wohl, weil sie das Spielmanagement wieder stärker bei sich haben.

Der Schiedsrichter auf dem Platz soll also wieder derjenige sein, der ein Spiel führt und Entscheidungen trifft – und nicht nur derjenige, dessen Entscheidungen anschließend in Köln darauf untersucht werden, ob man sie anhand verschiedener Kameraperspektiven vielleicht doch noch etwas besser treffen könnte.

Kircher nennt 70:30, 80:20 – und sogar 90:10

Besonders interessant wird Kirchers Aussage bei der Frage, wie weit diese „lange Leine“ tatsächlich reichen soll.

Denn nach seiner Vorstellung muss der VAR nicht nur bei klassischen 50:50-Entscheidungen draußen bleiben.

Kircher spricht ausdrücklich davon, dass man Situationen „aushalten“ müsse, die eben nicht mehr 50:50 seien. Dabei nennt er 70:30, 80:20 und sogar 90:10 als mögliche Größenordnungen.

Erst bei einer Situation, die letztlich in Richtung 100:0 geht, müsse der Video-Assistent eingreifen.

Damit setzt Kircher die Schwelle bemerkenswert hoch.

Und gleichzeitig beschreibt er ziemlich anschaulich, was mit der seit Jahren verwendeten Formulierung von der „klaren und offensichtlichen Fehlentscheidung“ eigentlich gemeint sein soll.

Nicht jede falsche Entscheidung ist ein Fall für den VAR

Genau hier liegt ein wichtiger Unterschied, der in der öffentlichen Diskussion häufig verloren geht.

Eine Entscheidung kann möglicherweise falsch sein, ohne deshalb automatisch eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung im Sinne des VAR-Protokolls zu sein.

Oder anders formuliert: Nur weil die Fernsehbilder Argumente für eine andere Entscheidung liefern, muss der Video-Assistent nicht eingreifen.

Das gilt insbesondere für Situationen, in denen der Schiedsrichter einen Ermessens- oder Bewertungsspielraum besitzt: Zweikämpfe, Handspiele, die Intensität eines Foulspiels oder die Frage, ob ein Vergehen Gelb oder Rot verdient.

Wenn zehn Schiedsrichter dieselbe Szene betrachten und acht davon Rot zeigen würden, zwei aber nachvollziehbar bei Gelb bleiben, wäre das vereinfacht eine 80:20-Situation. Nach der von Kircher beschriebenen Philosophie wäre die bloße Mehrheit für Rot noch kein ausreichender Grund, die Entscheidung auf dem Platz zu verändern.

Der VAR soll nicht die bessere von zwei möglichen Entscheidungen suchen. Er soll die eindeutig falsche korrigieren.

Eine Linie, die Konsequenzen hat

Das klingt zunächst nach „weniger VAR“. Tatsächlich steckt aber mehr dahinter.

Denn eine solche Linie funktioniert nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, die daraus entstehenden Graubereiche tatsächlich auszuhalten.

Wenn Kircher sagt, selbst 80:20 oder 90:10 könne noch unterhalb der Eingriffsschwelle liegen, werden zwangsläufig Situationen entstehen, bei denen ein großer Teil der Zuschauer, Experten oder sogar Schiedsrichter eine andere Entscheidung bevorzugen würde – der VAR aber trotzdem draußen bleibt.

Genau das wäre dann kein Versagen des Systems, sondern möglicherweise sogar die gewollte Anwendung dieser Linie.

Wer weniger Eingriffe fordert, muss deshalb akzeptieren, dass nicht jede strittige Entscheidung anschließend technisch „repariert“ wird.

Was bedeutet das für aktuelle VAR-Diskussionen?

Kirchers Aussagen bezogen sich auf das Medientreffen in München. Die später entstandene Diskussion um Felix Zwayer und dessen Rot-Entscheidung nach einem VAR-Eingriff war dort kein Thema. Beides sollte deshalb klar voneinander getrennt werden.

Dennoch liefert Kirchers grundsätzliche Beschreibung der Eingriffsschwelle einen interessanten Maßstab, anhand dessen sich aktuelle und künftige VAR-Szenen betrachten lassen.

Gerade die jüngste Szene bei Zwayer zeigt, wie wichtig diese Unterscheidung ist.

Nach dem Eingriff des Video-Assistenten änderte der Unparteiische seine ursprüngliche Entscheidung und zeigte Rot. In der anschließenden Diskussion wurde vielfach darüber gestritten, ob der Platzverweis richtig war. Auch bei uns gingen die Meinungen auseinander.

Überträgt man Kirchers allgemeine VAR-Philosophie auf eine solche Situation, stellt sich allerdings noch eine andere Frage:

Reicht es aus, dass Rot die überzeugendere Entscheidung ist – oder war die ursprüngliche Bewertung derart eindeutig falsch, dass der VAR eingreifen musste?

Das sind zwei verschiedene Dinge.

Zwayer zeigt, wie schwierig die Grenze bleibt

Gerade deshalb ist die Zwayer-Szene ein gutes Beispiel dafür, welche Diskussionen die von Kircher gewünschte Linie künftig mit sich bringen wird – ohne dass Kircher selbst diesen konkreten Fall bewertet hätte.

Wenn selbst eine 80:20- oder möglicherweise 90:10-Situation auf dem Platz bleiben soll, reicht es nicht aus, nach Betrachtung der Zeitlupe zu sagen: „Ich hätte Rot gegeben.“

Die entscheidende Frage für den VAR müsste vielmehr lauten:

Kann man die ursprüngliche Entscheidung überhaupt noch ernsthaft vertreten?

Erst wenn diese Frage eindeutig mit Nein beantwortet werden kann, nähert man sich jener 100:0-Situation, bei der Kircher einen Eingriff erwartet.

Das bedeutet umgekehrt natürlich nicht, dass jeder VAR-Eingriff bei einer diskutablen Szene automatisch falsch ist. Entscheidend bleibt die konkrete Bewertung. Kirchers Aussagen zeigen aber, wie hoch die Hürde sein soll, bevor aus einer anderen Meinung eine Intervention des Video-Assistenten wird.

Zurück zur „Originalität des Fußballs“

Am Ende geht es Kircher deshalb um mehr als die reine Statistik der VAR-Eingriffe.

Der Fußball soll wieder stärker akzeptieren, dass nicht jede Situation schwarz oder weiß ist. Dass zwei Menschen dieselbe Szene sehen und unterschiedlich bewerten können. Und dass darüber anschließend diskutiert wird.

Das war jahrzehntelang ein Teil des Spiels – und soll es offenbar wieder stärker werden.

Natürlich bleibt der Video-Assistent unverzichtbar, wenn ein wirklich klarer Fehler passiert. Ein übersehenes eindeutiges Foulspiel, eine zweifelsfreie Notbremse oder eine andere klar falsche spielentscheidende Wahrnehmung soll weiterhin korrigiert werden.

Aber der VAR soll wieder Sicherheitsnetz statt zweiter Schiedsrichter sein.

Kirchers Worte aus München sind deshalb durchaus bemerkenswert: 70:30 aushalten. 80:20 aushalten. Vielleicht sogar 90:10 aushalten.

Wenn diese Linie konsequent umgesetzt wird, dürfte es tatsächlich weniger Eingriffe geben. Sie wird aber gleichzeitig etwas verlangen, was im modernen Fußball beinahe schwieriger geworden ist als die Suche nach der perfekten Zeitlupe:

Eine strittige Entscheidung einfach einmal stehen zu lassen. [Video]

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