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Sie hatten zum Käfer eingeladen: Alexander Feuerherdt sowie die Ex-Schiris Knut Kircher, Dr. Felix Brych, Marco Fritz, Peter Sippel und Dr. Jochen Drees (v.l.)

Schiri-Gipfel in München: Weniger VAR, mehr Fußball – Experten begrüßen neue Linie

Ungewöhnliche Runde, klares Ziel: Die DFB Schiedsrichter GmbH hat am Dienstag zahlreiche TV-Experten, Kommentatoren und Fußball-Journalisten zu einem gemeinsamen Austausch nach München eingeladen. Beim Treffen unter dem Motto „Let’s talk about Refs“ ging es vor allem um die neue Linie beim Video-Assistenten. Und die Botschaft war deutlich: Weniger Eingriffe, schnellere Entscheidungen und wieder mehr Verantwortung für die Schiedsrichter auf dem Platz.

Mit Lothar Matthäus, Dietmar Hamann und Stefan Effenberg saßen gleich drei ehemalige Nationalspieler mit am Tisch. Dazu kamen bekannte Kommentatoren und Moderatoren wie Tom Bartels, Michael Leopold, Wolff-Christoph Fuss, Jan Platte, Jonas Friedrich, Esther Sedlaczek und Valentina Maceri.

Auf Seiten der DFB Schiedsrichter GmbH war ebenfalls einiges an Erfahrung vertreten. Neben Geschäftsführer Knut Kircher nahmen VAR-Chef Dr. Jochen Drees, Peter Sippel, Dr. Felix Brych, Marco Fritz und Alexander Feuerherdt an dem rund zweieinhalbstündigen Austausch teil.

„Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir zu ihnen“

Eigentlich wollte die DFB Schiedsrichter GmbH die Medienvertreter schon länger direkt ins Video-Assist-Center einladen. Doch volle Terminkalender machten dies bislang schwierig. Also wurde die Sache kurzerhand umgedreht.

„Wenn sie nicht zu uns kommen, kommen wir zu ihnen“, erklärte Kircher die Entscheidung für das Treffen in München während der Länderspielpause.

Dabei ging es ausdrücklich nicht darum, dass Schiedsrichter und Experten künftig jede Szene gleich bewerten müssen. Vielmehr sollen alle Beteiligten wissen, nach welchen Maßstäben Entscheidungen auf dem Platz und im Video-Assist-Center getroffen werden.

Genau daran mangelt es in öffentlichen Diskussionen schließlich nicht selten.

Der VAR soll wieder das sein, wofür er gedacht ist

Im Mittelpunkt stand deshalb wenig überraschend der Video-Assistent. Besprochen wurden unter anderem die neuen Einsatzmöglichkeiten bei falschen Gelb-Roten Karten sowie bei Vergehen der angreifenden Mannschaft vor Eckbällen und Freistößen, wenn daraus anschließend ein Tor, ein Strafstoß oder ein Platzverweis entsteht.

Noch wichtiger war allerdings die grundsätzliche Linie.

Der VAR soll nicht jede strittige Entscheidung auflösen und schon gar nicht nach dem berühmten Haar in der Suppe suchen. Entscheidend bleibt, ob eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung vorliegt.

Und genau hier hat sich in dieser Saison bereits einiges verändert.

Nach Angaben aus der Runde gab es in den ersten vier Spieltagen der vergangenen Saison zehn VAR-Eingriffe bei nicht-faktischen, also interpretierbaren Entscheidungen. In dieser Saison waren es im gleichen Zeitraum lediglich vier.

Auch die Dauer der Überprüfungen ist deutlich zurückgegangen. Dietmar Hamann verwies darauf, dass die durchschnittliche Eingriffszeit von 92 auf rund 60 Sekunden gesunken sei.

Kircher: „Mehr Freiräume für Schiedsrichter“

Knut Kircher machte deutlich, wohin die Reise gehen soll.

„Wir lassen viel weg, wir lassen viel mehr zu“, erklärte der Schiedsrichter-Chef. Ziel sei es, den Unparteiischen wieder „mehr Freiräume“ zu geben.

Damit verfolgt die DFB Schiedsrichter GmbH eine Linie, die sich bereits an den ersten Bundesliga-Spieltagen erkennen ließ: Nicht jeder Kontakt ist ein Foul, nicht jede strittige Wahrnehmung des Schiedsrichters muss vom VAR zerlegt werden und nicht jede andere mögliche Bewertung macht die ursprüngliche Entscheidung falsch.

Kircher spricht in diesem Zusammenhang von einer „Originalität des Fußballs“, die wieder stärker zurückkehren soll.

„Fußball ist Diskussion, Fußball ist Emotion, Fußball ist nicht nur schwarz und weiß“, sagte Kircher.

Ein bemerkenswerter Satz – gerade mit Blick auf den VAR. Denn über Jahre entstand teilweise der Eindruck, Videobilder müssten zwangsläufig zu einer einzigen, objektiv richtigen Bewertung führen. Bei Abseits oder der Frage, ob ein Ball die Torlinie überschritten hat, funktioniert das. Bei Zweikämpfen, Handspielen oder der Intensität eines Kontakts eben nicht immer.

Hamann: „Besser geht es fast nicht“

Ausgerechnet Dietmar Hamann, der Entscheidungen der Unparteiischen in der Vergangenheit durchaus deutlich kritisiert hat, stellte der bisherigen Linie ein sehr gutes Zeugnis aus.

„So wie sie die ersten Spieltage in der Bundesliga gepfiffen haben, besser geht es fast nicht“, sagte der Sky-Experte.

Besonders gefällt ihm, dass die Schiedsrichter mehr laufen lassen und die Zahl der VAR-Eingriffe reduziert wurde. Genau das hatte Hamann in der Vergangenheit immer wieder gefordert.

Sein Wunsch für die kommenden Wochen ist entsprechend einfach: „Ich hoffe, das bleibt so!“

Matthäus: Kritisch – aber respektvoll

Auch Lothar Matthäus zog ein positives Fazit. Dabei wurde während des Treffens keineswegs jede Situation einheitlich bewertet.

„Es ist kritisch zugegangen“, berichtete Matthäus. Gerade bei Strafraumszenen habe es unterschiedliche Meinungen gegeben – teilweise auch unter den Experten selbst.

Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Treffens.

Denn wenn selbst ehemalige Nationalspieler, Kommentatoren und Schiedsrichter nach mehreren Wiederholungen zu unterschiedlichen Bewertungen kommen, kann nicht jede abweichende Entscheidung auf dem Platz automatisch eine klare Fehlentscheidung sein.

Matthäus betonte zugleich, dass ihm die aktuelle Regelauslegung und die Veränderungen deutlich vermittelt worden seien. Für die künftige Bewertung von Szenen im Fernsehen könne das hilfreich sein.

Gleiche Grundlage statt gleiche Meinung

Genau darin dürfte der größte Wert dieses ungewöhnlichen Gipfels liegen.

TV-Experten und Kommentatoren prägen die öffentliche Wahrnehmung von Schiedsrichterentscheidungen enorm. Ein Satz wie „Da muss der VAR eingreifen“ verbreitet sich innerhalb weniger Minuten über soziale Netzwerke und wird schnell zur vermeintlichen Gewissheit.

Dabei lautet die entscheidende Frage häufig nicht: Kann man die Szene anders entscheiden?

Sondern: War die Entscheidung des Schiedsrichters klar und offensichtlich falsch?

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Kircher brachte es zum Abschluss entsprechend auf den Punkt: Man könne diskutieren und selbstverständlich unterschiedlicher Meinung sein. Entscheidend sei, „dass man vom gleichen Standpunkt aus startet“.

Die Einladung ins Video-Assist-Center steht deshalb weiterhin. Künftig sogar am DFB-Campus in Frankfurt.

Unser Fazit

Der Austausch war überfällig – und die eingeschlagene Linie ist aus unserer Sicht genau der richtige Weg.

Der VAR wurde nicht eingeführt, um Fußballspiele aus dem Keller heraus neu zu pfeifen. Er soll bei klaren und offensichtlichen Fehlern helfen. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn vier oder fünf Experten eine Szene betrachten und anschließend drei unterschiedliche Meinungen vertreten, sollte das häufig bereits ein ziemlich guter Hinweis darauf sein, dass wir uns eben nicht im Bereich einer eindeutigen Fehlentscheidung bewegen.

Weniger Eingriffe, kürzere Überprüfungen und mehr Vertrauen in die Entscheidung auf dem Platz tun dem Fußball gut.

Dass DFB-Schiedsrichter und diejenigen, die ihre Entscheidungen Woche für Woche vor einem Millionenpublikum bewerten, miteinander statt nur übereinander sprechen, kann dabei ebenfalls nicht schaden.

Denn unterschiedliche Meinungen wird es im Fußball immer geben. Entscheidend ist, dass alle wissen, nach welcher Linie bewertet wird.

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