Mit gerade einmal 18 Jahren hat Lucas Uldry einen ganz besonderen Schritt gewagt: Der Waadtländer, der mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) lebt, hat seine Schiedsrichterausbildung erfolgreich abgeschlossen und inzwischen sein erstes offizielles Fußballspiel geleitet. Nach Angaben seines Mentors Jean-Marie Perret ist Uldry damit der erste bekannte Schiedsrichter mit ASS in der Romandie. Doch Lucas selbst möchte vor allem eines sein: Schiedsrichter.

Es war ein C-Juniorenspiel wie viele andere. Am 12. September standen sich Pully und Echandens gegenüber. Für die jungen Spieler ging es um Punkte, für Lucas Uldry um sehr viel mehr: Der 18-Jährige leitete erstmals offiziell ein Fußballspiel.
„Am Anfang war ich etwas nervös, aber es lief richtig gut! Ich hatte sehr viel Spaß“, sagte Lucas anschließend.
Sein Mentor Jean-Marie Perret verfolgte die Premiere vor Ort – und zeigte sich beeindruckt. Lucas sei souverän und sicher aufgetreten. Dabei könnte ihm ausgerechnet eine Eigenschaft helfen, die mit seiner Autismus-Spektrum-Störung zusammenhängt: Regeln geben ihm Orientierung und Sicherheit.
„Menschen mit einer ASS finden durch Regeln viel Sicherheit. Sie geben einen klaren Rahmen vor. Wenn also ein Spieler gegen eine Regel verstößt, pfeift Lucas und ist sich stets sehr sicher in seiner Entscheidung.“
Regeln beherrschen – Spielgefühl entwickeln
Was zunächst nach einer idealen Voraussetzung für einen Schiedsrichter klingt, zeigt zugleich eine der Herausforderungen des neuen Hobbys. Denn ein guter Unparteiischer muss die Fußballregeln nicht nur kennen und anwenden. Er muss ein Spiel lesen, Situationen einschätzen und manchmal auch erkennen, wann eine Ansprache wirkungsvoller ist als eine Karte.
Genau dort sieht Perret bei seinem Schützling noch Entwicklungsmöglichkeiten. Bei einer Verwarnung während Lucas‘ erster Partie hätte aus Sicht des Mentors möglicherweise auch ein deutliches Gespräch mit dem Spieler ausgereicht.
Das allerdings ist etwas, das nahezu jeder junge Schiedsrichter erst lernen muss: Nicht jeder Regelverstoß muss mit maximaler Konsequenz beantwortet werden. Spielmanagement, Kommunikation und Fingerspitzengefühl wachsen mit der Erfahrung.
Perret ist überzeugt, dass Lucas genau diese Erfahrung sammeln wird.
Keine Sonderprüfung, kein Freifahrtschein
Geschenkt wurde Lucas auf seinem Weg zur Pfeife nichts. Beim Waadtländischen Fußballverband absolvierte er die Schiedsrichterausbildung und musste dabei dieselben Anforderungen bewältigen wie andere Anwärter.
Neben der Regelprüfung gehörten dazu auch körperliche Tests. Selbst den Zwölf-Minuten-Lauf bestand der 18-Jährige – obwohl eine motorische Beeinträchtigung seinen Gang beeinflusst.
Als er schließlich seine offizielle Ausrüstung, Karten und Pfeife erhielt, sei das für ihn „eine riesige Freude und ein großer Moment des Stolzes“ gewesen.
Dass Lucas keine Sonderbehandlung bekam, war auch seinem Mentor wichtig.
„Lucas muss wie jeder andere Schiedsrichter behandelt werden. Das ist auch für ihn wichtig.“
Dazu gehört für Perret ebenfalls, Lucas‘ ASS vor einem Spiel nicht eigens gegenüber Spielern oder Mannschaften zu thematisieren.
Seine Haltung ist bemerkenswert einfach: „Ein Schiedsrichter ist ein Schiedsrichter. Punkt.“
Die ganze Familie steht an der Seitenlinie
Bei Lucas‘ Premiere war dennoch einiges anders als bei einem gewöhnlichen ersten Schiedsrichtereinsatz. Fast die gesamte Familie war gekommen. Eltern, Großeltern, Cousins und Cousinen standen am Spielfeldrand und erlebten seinen ersten Einsatz mit.
Für Vater Nicolas Uldry war der Tag entsprechend emotional. Familien von Menschen mit ASS stünden bei der Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe noch immer vor vielen Hürden. Umso bedeutender sei es gewesen zu erleben, dass sein Sohn seinen eigenen Traum verwirklichen könne.
Die Leidenschaft für den Fußball teilen Vater und Sohn schon lange. Gemeinsam besuchen sie regelmäßig Spiele von Lausanne-Sport. Lucas steht zudem selbst auf dem Platz und spielt bei LS4ALL, der Behindertenmannschaft des Klubs.
Dort lernte er Jean-Marie Perret kennen.
Als Lucas‘ Vater seinem Trainer erzählte, dass sein Sohn gerne Schiedsrichter werden wolle, fand er genau den richtigen Ansprechpartner. Perret ist Sonderpädagoge und Gründer des Inklusionsprojekts „On s’en foot“, das sich rund um den Fußball engagiert.
Er begleitete Lucas durch die Ausbildung und stellte den Kontakt zum Waadtländischen Fußballverband her. Dort stieß die Idee auf offene Türen.
Warum ausgerechnet Schiedsrichter?
Während viele 18-Jährige davon träumen, selbst irgendwann im großen Stadion Tore zu schießen, zieht es Lucas in eine andere Richtung.
Seine Motivation könnte kaum besser zum Schiedsrichterwesen passen:
„Ich pfeife gerne Spiele, weil mir Gerechtigkeit wichtig ist. Die Regeln zu respektieren, ist für mich essenziell.“
Als Vorbilder nennt er den ehemaligen Schweizer Spitzenschiedsrichter Adrien Jaccottet und den international erfolgreichen Sandro Schärer. Besonders Jaccottets faire und klare Kommunikation habe ihm gefallen.
Und Lucas denkt groß.
Sein Berufswunsch lautet Profi-Schiedsrichter. Eines Tages möchte er dort stehen, wo sonst die ganz Großen des internationalen Fußballs auflaufen: im Camp Nou beim FC Barcelona.
Ob es tatsächlich einmal so weit kommt, weiß heute niemand. Sein erstes großes Ziel hat Lucas jedenfalls bereits erreicht.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft seiner Geschichte. Lucas möchte mit seinem Weg anderen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung Mut machen.
„Ich will beweisen, dass auch Menschen mit einer ASS Schiedsrichter werden können. Und dass im Leben grundsätzlich alles möglich ist, wenn man bereit ist, dafür zu kämpfen.“
Seine erste Spielleitung war deshalb mehr als nur ein gewöhnliches C-Juniorenspiel. Sie war ein kleiner Schritt auf Lucas‘ persönlichem Weg – und zugleich ein starkes Beispiel dafür, wie Inklusion im Fußball aussehen kann.
Denn am Ende gilt tatsächlich der vielleicht wichtigste Satz dieser Geschichte:
Ein Schiedsrichter ist ein Schiedsrichter. Punkt.
