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Schiedsrichter Timo Gerach erklärt den Platzverweis

Schiedsrichter im Mittelpunkt: Auswertung strittiger Szenen – 19. Spieltag | 2. Liga

Der 19. Spieltag in Liga 2 ging zu Ende und es war wieder ein sehr guter Spieltag aus Schiedsrichtersicht. Es gab eine bemerkenswerte Szene bei der Partie Fürth – Braunschweig als Schiedsrichter Patrick Schwengers schon nach wenigen Sekunden vom VAR einen Hinweis bekam, wo er schlussendlich früh eine rote Karte an die Fürther verteilen musste. Zudem war erneut Schiedsrichter Timo Gerach bei der Partie Paderborn – Münster im Mittelpunkt, als er in Hälfte 1 einen Münsteraner nach einem überharten Foul mit Rot vom Platz schickte. Alle weiteren Szenen in der Spieltagsanalyse:

FC Schalke 04 – 1. FC Kaiserslautern 2:2 (SR: Felix Zwayer)

Szene 1: Finn Porath berührte den Ball bei der Annahme leicht mit dem Arm. Schiedsrichter Zwayer ließ weiterspielen. Für mich ist das kein strafbares Handspiel. Bei der Ballannahme sprang die Kugel erst an die Brust, dann an den Oberarm. Das passt genau zur aktuellen IFAB-Regelauslegung beim Handspiel. Es gilt nicht als strafbares Handspiel, wenn der Ball unmittelbar vom eigenen Körper (hier Brust als erster Kontakt) an den Arm/Oberarm springt und der Arm dabei natürlich am Körper anliegt oder in einer normalen Lauf-/Balance-Position ist. Der Arm wird nicht „unnatürlich vergrößert“ oder aktiv zum Ball geführt. Entscheidend ist: Kein bewusster Einsatz des Arms und keine unnatürliche Vergrößerung der Silhouette (z. B. Arm weit abgespreizt oder über Schulterhöhe). [TV-Bilder – ab 0:39 Minuten]

SC Paderborn – Preußen Münster 2:1 (SR: Timo Gerach) 

Szene 2:. Yassine Bouchama fällte den enteilenden Baur per Grätsche. Dabei riß Bouchama seinen Fuß noch hoch, was ausschlaggebend für den Platzverweis ist. Eine unnötige Aktion des Mittelfeldfeldspielers, der den Konter auch anders hätte unterbinden können. Für mich ist der ausgesprochene Platzverweis von Schiedsrichter Gerach vertretbar und korrekt. Es war eine Grätsche von hinten/hinten-seitlich gegen einen enteilenden Konterspieler → klare Chancenverhinderung (DOGSO – denying an obvious goal-scoring opportunity). Entscheidend hier, dass er hier noch seinen Fuß hochzog und ihn damit zu Fall brachte. Bouchama hätte hier auch den Konter durch Positionsspiel oder simplerem Tackling stoppen können – stattdessen volle Grätsche + Hochreißen des Beins = hohe Verletzungsgefahr. Das war also kein umstrittenes Rot wie manches Handspiel, sondern eine klare, vermeidbare Rote Karte. [TV-Bilder – ab 0:55 Minuten]

Szene 3: Santiago Castaneda (Paderborn) köpfte den Ball ins Tor nach einer Flanke/Steckpass-Situation (vorausgegangen war ein Pass von Filip Bilbija). Zunächst Jubel, aber Schiri Timo Gerach pfiff ab – der VAR überprüfte, denn hier stand Filip Bilbija (Paderborner Angreifer) im Abseits und beeinflusste/ behinderte den Münsteraner Torwart Morten Behrens unmittelbar vor ihm, als er die Lauf- oder Sichtbahn des Keepers mit der Fußspitze im Kontakt beeinflusste oder einfach im Sichtfeld stand, was den Torwart am sicheren Fangen oder Reagieren hinderte. Ein abseitsstehender Angreifer darf nicht aktiv den Torwart behindern (auch passiv, wenn er die Silhouette vergrößert oder die Bewegung einschränkt, ohne den Ball zu spielen). Kein Tor die korrekte Entscheidung. [TV-Bilder – ab 01:20 Minuten]

Szene 4: Jonas Hoyers (Münster) Handspiel war ebenso nicht strafbar (kurze Distanz, natürliche Armhaltung). Bei kurzer Distanz (Ball sprang plötzlich an Arm/Hand aus Nahdistanz-Schuss, Abpraller) → kein strafbares Handspiel, wenn der Arm in natürlicher Haltung ist (nicht abgespreizt, nicht über Schulterhöhe, keine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche). Keine Absicht nötig für Strafe, aber bei kurzer Distanz + natürliche Position → weiterspielen, kein Pfiff, kein Elfer, kein aberkanntes Tor (außer wenn unmittelbar daraus ein Tor fällt – dann aber nur aberkannt, kein Foul mit Karte). [TV-Bilder – ab 03:30 Minuten]

SV Darmstadt 98 – 1. FC Nürnberg  2:0 (SR: Jarno Wienefeld)

Szene 5: Infolge eines abgewehrten Eckballs und der Hereingabe fiel das 1:0 durch Daichi Akiyama. Voraus ging ein Kopfball von Matej Maglica (Darmstadt), den Nürnbergs Fabio Gruber vor der Linie klärte – der Abpraller landete bei Akiyama, der einschob. Der VAR-Check lief wegen möglicher Abseitsstellung von Isac Lidberg (Darmstädter Stürmer) beim Kopfball von Maglica. Lidberg stand sehr nah dran am Torwart (Reichert) – quasi vorm Torwart oder direkt davor im Strafraum-Bereich. Aber: Der VAR bestätigte kein Abseits – Lidberg war haarscharf nicht im Abseits. Er war also entweder auf gleicher Höhe oder minimal zurück, und selbst wenn passiv nah am Torwart, zählte das nicht als Behinderung, solange er den Torwart nicht aktiv blockiert oder berührt (IFAB-Regel 11 + 12: Abseits gilt nur bei Beteiligung am Spiel; reine Präsenz vorm Keeper ohne Kontakt ist ok, wenn nicht abseits). [TV-Bilder – ab 03:26 Minuten]

Arminia Bielefeld – Holstein Kiel 2:2 (SR: Lars Erbst)

Szene 6: Kiels Verteidiger Ivan Nekic (bereits mit Gelb vorbelastet) grätschte im eigenen Strafraum gegen den eingewechselten Bielefelder Marius Wörl, der aus dem Halbfeld abschließen wollte. Nekic traf Wörl am Fuß/Bein mit einem vermeidbaren Foulspiel und verhindert so den Abschluss – klassisches Foul im Strafraum und die richtige Entscheidung von Schiedsrichter Erbst auf Elfmeter zu entscheiden und zeigte Nekic für sein wiederholtes Foulspiel die Ampelkarte. Beide Entscheidungen sind korrekt. Das Foul im Strafraum (Bein getroffen, Abschluss verhindert). Kein Kontakt mit dem Ball, reine Grätsche gegen den Mann → Strafstoß. Da Nekic bereits verwarnt war (Gelb für ein früheres Foul). Das zweite Vergehen (hier das Foul) führte zur korrekten Gelb/Roten Karte. Es war kein glatt Rot nötig (keine Notbremse/DOGSO außerhalb des Strafraums oder violent conduct), sondern zweites Gelb → Platzverweis. Typischer Fall von zweitem Gelb im Strafraum (keine Dreifachbestrafung mehr seit 2016/17, aber hier passte es). Kein VAR-Eingriff nötig, da klar. Gute Leistung von Erbst in dieser Szene. [TV-Bilder – ab 04:40 Minuten]

Hannover 96 – Fortuna Düsseldorf 2:1 (SR: Patrick Ittrich)

Szene 7: Ein Hannoveraner Spieler grätscht in den Strafraum gegen Muslija (Düsseldorf), der abschließen wollte. Der Verteidiger traf durch ein ballorientiertes Tackling zuerst den Ball, danach kam es zu einem leichten Kontakt am Fuß/Bein von Muslija, der dadurch zu Fall kam. Schiedsrichter Patrick Ittrich pfiff nicht – ließ es aber durch den VAR checken. Wenn ein Spieler zuerst den Ball klar trifft (sauberes Tackling, kein reines „Bein wegnehmen“), und der Kontakt danach unvermeidbar/leicht ist (Gegner fällt mehr über das ausgestreckte Bein, ohne dass es rücksichtslos oder gefährlich ist), → kein Foul, weiterspielen. Es muss unnötig oder rücksichtslos sein, um zu pfeifen – hier war’s ein normales Zweikampf-Timing: Ball zuerst, dann minimaler Nachkontakt. Kein Bein hochreißen, keine offene Sohle, keine hohe Intensität. [TV-Bilder – ab 0:40 Minuten]

Szene 8: Wenig später nach dem zurecht nicht gegebenen Elfer-Anspruch in der frühen Phase gab’s den klaren Elfmeter für Hannover. Nach einer Düsseldorfer Ecke konterten die Hausherren blitzschnell: Daisuke Yokota dribbelte von der eigenen Hälfte bis vor den Strafraum und legte quer/halbrechts in den Lauf von Noël Aseko Nkili. Elias Egouli (Fortuna-Verteidiger, bereits mit Gelb vorbelastet aus der 18. Minute) rannte von hinten in die Beine von Aséko, traf abseits des Balls (kein Ballkontakt, reine Bein-Attacke) und brachte ihn auf der Linie zu Fall. Schiedsrichter Patrick Ittrich zeigte sofort auf den Punkt (Elfmeter für Hannover) und zog die Gelb-Rote Karte für Egouli (zweites Gelb → Platzverweis). Das war  ein klares Foul – von hinten in die Beine rennen, ohne Ball zu spielen, im Strafraum → Strafstoß + zweites Gelb (da Egouli schon verwarnt war). Keine Notbremse/DOGSO (da Aséko noch nicht im klaren Torabschluss war, Ball war nah, aber nicht die offensichtliche Torchance außerhalb Strafraum), sondern normales Foul + wiederholtes Vergehen → Ampelkarte richtig. [TV-Bilder – ab 02:00 Minuten]

SpVgg Greuther Fürth – Eintracht Braunschweig 0:0 (SR: Patrick Schwengers)

Szene 9: Kaum angepfiffen verlor Fürths Maximilian Dietz den Ball im Mittelfeld. Beim Nachsetzen trat er Erencan Yardimci (Braunschweigs Stürmer) von hinten mit offener Sohle in die Wade/Achillesferse – ein klassischer Tritt mit hoher Verletzungsgefahr (offene Sohle = Spikes direkt in empfindliche Stelle). Schiedsrichter Patrick Schwengers pfiff zunächst nur Foul und ließ die Karte noch stecken, weil’s aus seiner Perspektive vielleicht etwas harmlos wirkte. Der VAR griff ein, rief Schwengers in die Review-Area – nach Bildern (aus mehreren Winkeln) entschied er sich doch zur glatt Roten Karte. Die letztlich korrekte Entscheidung. Offene Sohle von hinten → gefährliches Spiel und hohes Risiko für schwere Verletzung an Wade/Achillesferse. Kein „nur“ Gelb: Das Kriterium für glatt Rot ist hier durch die Gefahr für Gesundheit des Gegners durch offene Sohle + hohe Intensität erfüllt, auch wenn’s „unglücklich“ war. [TV-Bilder – ab 0:03 Minuten]

AnmerkungIch bin auf die Szenen der Zusammenfassungen der „Sportschau“ angewiesen. Solltet ihr weiteres, aussagekräftiges Material besitzen, dann reichen wir eine Einschätzung gerne nach. Eventuelle Spielerverwechslungen im Artikel führen zum Videobeweis. In diesem Fall bitte ich um eine kleine Rückmeldung. Vielen Dank!

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Helmut Wittiger

    Zur Szene 6 habe ich eine ganz andere Meinung. Der Kieler Spieler erwischt den Ball ganz leicht und danach kommt es zum Zusammenstoß mit dem Gegenspieler. Wenn der Schiedsrichter hier ein Foulspiel erkennt und auf Strafstoß entscheidet, dann mildert sich die persönliche Strafe von der Verwarnung in keine Karte. Die gelb-rote Karte war überzogen bzw. falsch.

    1. IG Schiedsrichter

      Nein, bei Szene 6 kann man die Gelbe Karte nicht einfach „abmildern“ oder weglassen, nur weil ein Elfmeter gegeben wurde.Hier die entscheidenden Regel-Gründe (basierend auf den aktuellen IFAB-Regeln 2025/26, die in DFB/DFL identisch gelten):

      – Ein Foul im Strafraum, das einen Elfmeter nach sich zieht, wird nicht automatisch mit einer persönlichen Strafe (Gelb/Rot) geahndet.
      – Die Farbe der Karte hängt ausschließlich vom Charakter des Fouls ab – nicht davon, ob es im Strafraum passiert oder ob dadurch ein Tor verhindert wird.

      In den meisten Fällen, ich als „korrekt Elfmeter + Gelb“ einstufe (wie bei Szene 6), liegt genau ein Foul mit unnötiger Härte oder ein taktisches Foul vor – also Gelb nach Regel 12. Das Weglassen der Karte wäre dann eine Fehlentscheidung, nicht umgekehrt.

      Kurz gesagt: Elfmeter + Gelb ist in der 2. Liga 2025/26 bei vielen Szenen die Standard-Kombination und kein Widerspruch. Nur bei sehr leichten, minimalen Fouls („leichter Kontakt, den der Angreifer nutzt“) gibt es oft Elfmeter ohne Karte – hier wird auch die gelbe Karte erwartet, sonst hätte ich es nicht als „korrekt + Gelb“ bewertet.

      1. Thomas Bierl

        Sie zitieren: „… Ein Foul im Strafraum, das einen Elfmeter nach sich zieht, wird nicht automatisch mit einer persönlichen Strafe (Gelb/Rot) geahndet…“. Die Betonung liegt doch hierbei auf „NICHT automatisch“, also liegt doch Herr Wittiger richtig mit seiner Annahme. Ein Vergehen im Strafraum mit einem taktischen Foul zu umschreiben bedeutet, dass jedes Vergehen im Strafraum dann auch auomatisch ein taktisches Vergehen wird – und dann wäre es auch immer eine persönliche Strafe. Aber genau das soll ja schließlich mit dieser zitierten Anweisung vermieden werden.

        1. IG Schiedsrichter

          Nein, eine Reduzierung von Gel auf keine Karte findet hier nicht statt, da es sich um ein rücksichtsloses Foul, welches aufgrund der Schwere sanktioniert wird.

  2. Thomas B.

    Ich habe mir gerade die Szene mehrmals angeschaut. Ich bleibe dabei und stimme weiterhin Herrn Wittiger zu. Das ist doch kein rücksichtsloses Foul. Das Tackling geht bewusst zum Ball – und misslingt am Ende. Strafstoß ok, aber persönliche Strafe muss hier nicht sein. Das ist die klassiche Szenerie einer Doppelbestrafung. Wenn er wirklich rücksichtslos in dieser Aktion agiert, haut er ihm die Knochen aber mal so richtig weg. Das kann ich hier beim besten Willen nicht erkennen.
    Aber es gibt sicherlich schlimmere sprich diskutablere Szenen als diese.

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