Gewalt beginnt nicht erst mit dem ersten Schlag
Und wieder endet ein Amateurspiel nicht mit dem Schlusspfiff, sondern mit einem Schiedsrichter in einer verschlossenen Kabine und der Polizei auf dem Sportgelände. Die C-Liga-Partie zwischen der Spvgg. Igstadt II und der SKG 23 Wiesbaden II wurde abgebrochen, nachdem sich Schiedsrichter Yussufcan Elcik nach eigenen Angaben massiv bedroht fühlte. Ordner mussten ihn abschirmen und in seine Kabine begleiten. Doch selbst dort soll die Situation zunächst nicht beendet gewesen sein.
Was sich bei der Partie zwischen den beiden Wiesbadener Reservemannschaften abgespielt haben soll, wird nun das Sportgericht beschäftigen. Die Schilderungen des Unparteiischen zeichnen jedoch schon jetzt das Bild einer Eskalation, die weit über gewöhnliche Proteste gegen Schiedsrichterentscheidungen hinausgeht.
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Nach Angaben von Schiedsrichter Yussufcan Elcik hatte sich die Situation bereits zu Beginn der zweiten Halbzeit zugespitzt. Nach einer Gelb-Roten Karte sei er von Spielern der Gäste bedrängt worden. Die Diskussionen hätten sich derart hingezogen, dass Elcik das Stopp-Konzept anwenden musste.
Damit war die Partie allerdings keineswegs beruhigt.
Im weiteren Verlauf folgten nach Darstellung des Schiedsrichters zwei weitere Platzverweise – einer wegen Nachtretens, ein anderer aufgrund einer Beleidigung.
Eskalation in der Nachspielzeit
Endgültig außer Kontrolle geriet die Situation offenbar nach einer weiteren Gelb-Roten Karte in der Nachspielzeit.
Mehrere Gästespieler seien unmittelbar auf den Schiedsrichter zugelaufen, hätten ihn umringt und beleidigt. Spieler der Spvgg. Igstadt hätten sich dazwischen gestellt.
Für Elcik war damit die Grenze erreicht.
Er brach die Begegnung ab.
Nicht weil es regnete. Nicht weil das Flutlicht ausfiel. Und auch nicht wegen einer Verletzung.
Sondern weil sich der Schiedsrichter auf einem Fußballplatz nicht mehr sicher fühlte.
Ordner des Heimvereins schirmten den Unparteiischen anschließend ab und begleiteten ihn in Richtung seiner Kabine. Nach Elciks Schilderung folgte ihnen ein Großteil der Gästemannschaft.
Noch auf dem Weg bat er einen Verantwortlichen des Heimvereins darum, die Polizei zu verständigen.
Schiedsrichter-Kabine soll belagert worden sein
Doch auch mit dem Rückzug in die Kabine war die Situation offenbar nicht beendet.
Die Ordner hätten sich vor der Schiedsrichterkabine positioniert, während draußen weiter beleidigt und bedroht worden sei. Nach Angaben Elciks wurde auch gegen die Kabinentür geschlagen.
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Dabei sollen unter anderem massive und widerwärtige Beschimpfungen und Drohungen gefallen sein.
Der Schiedsrichter blieb deshalb bis zum Eintreffen der Polizei in seiner Kabine. Erst anschließend wurde er von den Einsatzkräften vom Sportgelände begleitet.
Den Vorfall meldete Elcik unmittelbar an Klassenleiter Philip Hodgkinson.
Igstadt bestätigt Vorfälle vor der Kabine
Auch der sportliche Leiter der Spvgg. Igstadt, Michael Weiß, bestätigte die Belagerung der Schiedsrichterkabine sowie Beleidigungen und Bedrohungen gegenüber den Ordnern.
Der Unparteiische sei nach den Ereignissen „sichtlich mitgenommen“ gewesen.
Kreisschiedsrichterobmann Ingmar Schnurr ist ebenfalls über den Vorfall informiert. Der Fall soll nun vor dem Sportgericht aufgearbeitet werden.
Von Seiten der SKG 23 Wiesbaden gibt es bislang noch keine abschließende Stellungnahme. Der sportliche Leiter Sener Hekim, der selbst nicht vor Ort war, erklärte, zunächst Informationen einholen zu wollen. Zugleich verwies er darauf, dass niemand körperlich angegriffen worden sei. Eine ausführlichere Stellungnahme soll folgen.
Gerade dieser Punkt verdient allerdings eine grundsätzliche Einordnung.
Gewalt beginnt nicht erst mit dem ersten Schlag
Dass es nach bisherigem Kenntnisstand keinen körperlichen Angriff gegeben haben soll, ist selbstverständlich positiv.
Es darf aber nicht zum Maßstab dafür werden, ob ein Vorfall als schwerwiegend betrachtet wird.
Ein Schiedsrichter muss nicht erst geschlagen, getreten oder zu Boden gebracht werden, bevor im Amateurfußball eine rote Linie überschritten ist.
Wenn ein Unparteiischer von Spielern umringt wird, ein Spiel aus Angst um seine Sicherheit abbrechen muss, von Ordnern abgeschirmt werden muss, sich anschließend in seiner Kabine einschließt und dort weiter bedroht wird, während die Polizei gerufen werden muss, dann ist die Situation bereits vollständig eskaliert.
Psychische Gewalt, Einschüchterung und Bedrohungen verschwinden nicht deshalb, weil am Ende niemand zugeschlagen hat.
Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Wieder müssen andere den Schiedsrichter schützen
Positiv hervorzuheben ist dagegen das Verhalten der Igstadter Spieler und Ordner.
Nach den bisherigen Schilderungen stellten sich Spieler zwischen die Beteiligten und den Schiedsrichter. Die Ordner schirmten Elcik ab, begleiteten ihn zur Kabine und sicherten anschließend den Bereich bis zum Eintreffen der Polizei.
Genau dafür sind Schutzmechanismen im Amateurfußball da.
Gleichzeitig ist es erschreckend, dass sie überhaupt in diesem Ausmaß benötigt wurden.
Ein Schiedsrichter sollte nach einem C-Liga-Spiel seine Tasche packen, vielleicht noch ein paar Worte mit den Mannschaften wechseln und anschließend nach Hause fahren können.
Er sollte nicht überlegen müssen, ob der Weg zur Kabine sicher ist.
Er sollte keine Ordner als Schutzschild benötigen.
Und erst recht sollte er nicht darauf warten müssen, dass Polizeibeamte ihn von einem Sportgelände begleiten.
Fazit der IG Schiedsrichter: Wie oft eigentlich noch?
Man könnte auch diesen Vorfall wieder als bedauerlichen Einzelfall behandeln.
Spielabbruch. Sonderbericht. Sportgericht. Sperren. Geldstrafe. Nächstes Wochenende geht es weiter.
Doch genau dieses Denken greift inzwischen zu kurz.
Seit Jahren diskutiert der Amateurfußball darüber, warum Schiedsrichter fehlen. Es werden Neulingslehrgänge organisiert, Werbekampagnen gestartet und Vereine aufgefordert, neue Unparteiische zu gewinnen.
Gleichzeitig erleben Schiedsrichter auf den Plätzen, dass aus Reklamationen Beleidigungen werden, aus Beleidigungen Bedrohungen und aus Bedrohungen im schlimmsten Fall körperliche Gewalt.
Und dann wundert man sich darüber, dass gerade junge Unparteiische nach wenigen Monaten oder Jahren wieder aufhören.
Der Fall in Wiesbaden zeigt dabei noch etwas anderes: Schiedsrichterschutz beginnt nicht erst dort, wo jemand zuschlägt.
Die Grenze ist viel früher erreicht.
Wer einen Schiedsrichter verfolgt, umringt, massiv beleidigt oder bedroht, wer vor seiner Kabine auftaucht und gegen die Tür schlägt, der hat mit emotionalem Fußball nichts mehr zu tun.
Fußball darf laut sein. Fußball darf emotional sein. Spieler dürfen sich über Entscheidungen ärgern und sie dürfen auch einmal mit dem Schiedsrichter diskutieren.
Aber ein Schiedsrichter muss jederzeit sicher sein.
Auf dem Platz.
Auf dem Weg zur Kabine.
In der Kabine.
Und auf dem Weg nach Hause.
Dass man diesen eigentlich selbstverständlichen Satz im Jahr 2026 immer wieder schreiben muss, sagt leider schon genug.
