Zwei deutsche Schiedsrichter waren am Donnerstagabend in der Nations League im Einsatz. Während Daniel Siebert beim 0:2 zwischen Italien und Belgien einen weitgehend geräuschlosen Abend erlebte, wurde es für Felix Zwayer beim 0:1 der Türkei gegen Frankreich kurz vor Schluss doch noch brisant. Nach einem VAR-Eingriff zeigte er Torhüter Uğurcan Çakır Rot. Die Entscheidung auf Handspiel lässt sich begründen – die größere Frage ist inzwischen jedoch, ob der VAR bei einer derart engen Szene überhaupt eingreifen musste.


Siebert in Rom angenehm unauffällig
Daniel Siebert brachte die Begegnung zwischen Italien und Belgien im Stadio Olimpico ohne größere Probleme über die Bühne. Belgien gewann durch die Treffer von Mika Godts in der 20. und Dodi Lukebakio in der 69. Minute mit 2:0.
Siebert wurde von Jan Seidel und Rafael Foltyn unterstützt, Sascha Stegemann fungierte als Vierter Offizieller. Am Monitor saßen Bastian Dankert und Pascal Müller.
Insgesamt zeigte Siebert während der Partie sechs Gelbe Karten – zwei gegen Italien und vier gegen Belgien. Größere strittige Strafraumszenen, mögliche Platzverweise oder spielentscheidende VAR-Eingriffe gab es nicht.
Erst nach dem Schlusspfiff musste der Berliner noch einmal energischer eingreifen. Gianluigi Donnarumma und Romelu Lukaku gerieten aneinander. Siebert war schnell zur Stelle und verwarnte beide Spieler.
Ansonsten blieb der deutsche Schiedsrichter dort, wo ein Unparteiischer am liebsten bleibt: außerhalb der Schlagzeilen. Die Aufmerksamkeit richtete sich nach dem Spiel vor allem auf die schwache italienische Vorstellung und die Pfiffe der eigenen Fans.
Auch Felix Zwayer hatte beim Nations-League-Spiel zwischen der Türkei und Frankreich lange Zeit einen vergleichsweise ruhigen Abend. Beim Debüt von Zinédine Zidane als französischem Nationaltrainer erzielte Kylian Mbappé in der 54. Minute nach Vorarbeit von Michael Olise das entscheidende 1:0. Mbappé verletzte sich allerdings bei seinem Treffer und musste wenig später ausgewechselt werden.
Zwayer führte die Partie zurückhaltend und ohne größere Probleme. Verwarnungen gab es unter anderem für Arda Güler und Salih Özcan sowie auf französischer Seite für Dayot Upamecano, Manu Koné und Esteban Lepaul.
Dann kam die 87. Minute.
Der türkische Torhüter Uğurcan Çakır eilte aus seinem Strafraum und ging gegen Bradley Barcola zum Ball. Zwayer ließ zunächst weiterspielen. Anschließend meldete sich jedoch Video-Assistent Christian Dingert und empfahl dem Schiedsrichter eine Überprüfung am Monitor.

Nach dem On-Field-Review entschied Zwayer auf Handspiel außerhalb des Strafraums und zeigte Çakır wegen der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance die Rote Karte.
War das überhaupt ein strafbares Handspiel?
Die Rote Karte gegen Uğurcan Çakır ist die entscheidende Szene des Spiels – und bei genauer Betrachtung beginnt die Diskussion noch vor der Frage nach der Verhinderung einer offensichtlichen Torchance.
Denn zunächst muss überhaupt ein strafbares Handspiel vorliegen.
Çakır kommt außerhalb seines Strafraums gegen Bradley Barcola zum Ball. Aus der vorliegenden Perspektive wirkt der Kontakt äußerst grenzwertig. Der Ball befindet sich eng am Körper des türkischen Torhüters und trifft ihn im Übergangsbereich zwischen Brust, Schulter und Oberarm.
Entscheidend ist dabei nicht, ob man umgangssprachlich von „Schulter“, „Oberarm“ oder einer vermeintlichen „T-Shirt-Linie“ spricht. Regeltechnisch ist die Grenze klar definiert: Für die Beurteilung eines Handspiels gilt der Arm ab der Unterseite der Achselhöhle. Damit kann auch ein Kontakt am Bizeps noch zum strafbaren Hand-/Armbereich gehören.
Genau deshalb lässt sich die Entscheidung auf Handspiel durchaus begründen. Çakırs Arm war bereits vor dem Kontakt abgespreizt und vergrößerte damit seine Körperfläche. Auch ein möglicher vorheriger Kontakt mit dem Oberkörper macht einen anschließenden Armkontakt nicht automatisch straffrei. Entscheidend ist unter anderem, ob sich die Flugrichtung des Balles durch diesen ersten Kontakt grundlegend und signifikant verändert.
Handspiel ist deshalb eine vertretbare Bewertung dieser Szene.
Und wenn man auf strafbares Handspiel entscheidet, ist die weitere Konsequenz ziemlich eindeutig: Barcola befand sich auf dem Weg zum Tor und Çakır verhinderte außerhalb seines Strafraums eine offensichtliche Torchance. Dann ist Rot wegen DOGSO die folgerichtige persönliche Strafe.
Die entscheidende Kette lautet also:
Handspiel → DOGSO → Rot.
Bewertet man den Kontakt dagegen als nicht strafbar, entfällt bereits die Grundlage für alles Weitere:
Kein Handspiel → kein Vergehen → keine Rote Karte.
Handspiel vertretbar – aber musste der VAR eingreifen?
Und damit kommen wir zum eigentlich interessanten Punkt dieser Szene.
Zwayer hatte die Situation auf dem Platz gesehen und zunächst weiterspielen lassen. Erst Video-Assistent Christian Dingert empfahl die Überprüfung am Monitor. Nach Ansicht der Bilder änderte Zwayer seine ursprüngliche Entscheidung und zeigte Çakır Rot.
Genau hier liegt aus unserer Sicht der entscheidende Diskussionspunkt: Der VAR ist kein zweiter Schiedsrichter.
Seine Aufgabe besteht nicht darin, eine Szene noch einmal völlig neu zu bewerten und bei zwei vertretbaren Möglichkeiten die aus seiner Sicht bessere Entscheidung an die Stelle der Entscheidung auf dem Platz zu setzen. Die ursprüngliche Entscheidung des Schiedsrichters soll grundsätzlich Bestand haben, solange keine klare und offensichtliche Fehlentscheidung vorliegt.
Und genau deshalb bleibt diese Szene diskussionswürdig.
Bewertet man den Kontakt als strafbares Handspiel, sind Handspiel, DOGSO und die daraus resultierende Rote Karte nachvollziehbar. Sieht man den ersten beziehungsweise entscheidenden Kontakt dagegen im Grenzbereich von Brust und Schulter oder bewertet den anschließenden Armkontakt als nicht strafbar, ist auch Zwayers ursprüngliches Weiterspielen nachvollziehbar.
Man kann deshalb die Rote Karte nach dem On-Field-Review für vertretbar halten und gleichzeitig den VAR-Eingriff kritisch hinterfragen.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur:
Kann man hier Handspiel und Rot geben?
Sondern vor allem:
War Zwayers ursprüngliche Entscheidung auf Weiterspielen tatsächlich klar und offensichtlich falsch?
Wenn eine Szene unterschiedliche vertretbare Bewertungen zulässt, sollte der VAR nicht zum zweiten Schiedsrichter werden und lediglich eine vertretbare Entscheidung durch eine andere vertretbare Entscheidung ersetzen.
Und genau hier liegt für uns das Fragezeichen hinter dieser Szene.
Dingert schon vor dem Spiel im Fokus
Zusätzliche Brisanz erhält die Szene dadurch, dass die Ansetzung Christian Dingerts bereits vor der Partie in der Türkei kritisch diskutiert worden war. Hintergrund waren frühere Äußerungen von Galatasaray-Trainer Okan Buruk. Nach der Roten Karte griffen türkische Medien und Spieler, darunter Merih Demiral, diese Vorgeschichte erneut auf.
Für die regeltechnische Bewertung darf das selbstverständlich keine Rolle spielen. Entscheidend sind ausschließlich die Bilder und die Wahrnehmung des Schiedsrichterteams.
Gerade deshalb sollte man die Kritik auch nicht an Dingerts Person festmachen. Die sachliche Frage lautet vielmehr, ob die Bilder genügend Evidenz geliefert haben, um Zwayers ursprüngliche Entscheidung als klar und offensichtlich falsch einzustufen.
Denn genau dafür ist der VAR da – und nicht dafür, eine ohnehin enge Szene ein zweites Mal zu pfeifen.
Siebert derzeit die deutsche Nummer eins
Die beiden Nations-League-Einsätze liefern zugleich eine interessante Momentaufnahme mit Blick auf die internationale Hierarchie der deutschen Schiedsrichter.
Daniel Siebert ist zum jetzigen Zeitpunkt aus unserer Sicht die klare deutsche Nummer eins. Der 42-Jährige wirkt international gefestigt, liefert konstant unaufgeregte Leistungen ab und bleibt auch bei größeren Aufgaben regelmäßig aus negativen Schlagzeilen heraus.
Felix Zwayer zeigte allerdings auch in İzmit über weite Strecken einen guten Auftritt. Ihm die umstrittene Szene allein anzulasten, wäre zu einfach. Zwayer hatte zunächst weiterspielen lassen. Erst der Hinweis von VAR Christian Dingert brachte ihn zum Monitor. Nach Ansicht der Bilder traf Zwayer dann allerdings selbst die Entscheidung auf Handspiel und Rot.
Für Zwayer dürfte besonders spannend werden, ob er seine internationale Karriere noch mit einer Teilnahme an der Europameisterschaft 2028 krönen kann. Für den dann 47-Jährigen wäre dies wohl die letzte realistische Gelegenheit für ein großes Nationalmannschaftsturnier.
Damit entsteht durchaus ein sportlicher Konkurrenzkampf. Stand heute sehen wir Siebert im Rennen um einen deutschen EM-Platz klar vor Zwayer. Nicht wegen dieser einen Szene in İzmit, sondern aufgrund des Gesamtbildes. Siebert vermittelt derzeit international den stabileren und konstanteren Eindruck.
Der Donnerstagabend passte letztlich genau in dieses Bild: Siebert leitete Italien gegen Belgien nahezu geräuschlos. Zwayer machte gegen Frankreich ebenfalls vieles richtig – bei der entscheidenden Szene bleibt weniger die Rote Karte selbst als vielmehr der vorausgegangene VAR-Eingriff diskussionswürdig.
Fazit
Bei der Szene in İzmit gibt es am Ende durchaus zwei vertretbare Sichtweisen. Wer den Kontakt am abgespreizten Arm als strafbares Handspiel bewertet, kommt folgerichtig zu DOGSO und Rot. Wer den entscheidenden Kontakt dagegen im erlaubten Schulter-/Brustbereich sieht beziehungsweise den anschließenden Armkontakt nicht als strafbar bewertet, kommt zu Weiterspielen.
Genau für solche Grenzfälle ist jedoch die ursprüngliche Entscheidung auf dem Platz von besonderer Bedeutung. Der VAR soll klare und offensichtliche Fehler korrigieren – nicht als zweiter Schiedsrichter zwischen zwei vertretbaren Entscheidungen auswählen.
Deshalb bleibt für uns nach diesem Abend vor allem eine Frage:
War Zwayers Weiterspielen wirklich eindeutig falsch – oder hätte der VAR die Entscheidung auf dem Platz einfach stehen lassen müssen?

Ich habe das Spiel und damit auch die betreffende Situation nicht gesehen. Es scheint strittig, ob der türkische Torhüter den Ball überhaupt und wenn ja, außerhalb des Strafraums, den Ball absichtlich mit der Hand gespielt hat, um die Torchance für Frankreich zu verhindern. Zwayer hat sich für weiterspielen entschieden. Durch Dingerts Hinweis hat er nach Ansicht der Bilder seine Meinung geändert und „Rot“ gezeigt. Ein Fehlverhalten ist Christian Dingert nicht anzulasten. Zu seiner Nominierung als VAR, gerade für dieses Spiel habe ich mich bereits geäußert. Felix Zwayer hätte auch bei seiner ursprünglich getroffenen Entscheidung bleiben können.
Zur Rangliste habe ich bereits alles gesagt. Was die abgelaufene Saison betrifft, ist Daniel Siebert die deutsche Nummer eins, durch konstant sehr gute Leistungen über das gesamte Spieljahr. Die beiden Berliner hätten es verdient gehabt, gemeinsam an der WM 2026 teilzunehmen. Die FIFA (Collina) hat anders entschieden. IG-Chefredakteur Reiner Kuhn hat meine Einschätzung noch einmal dargestellt.
Für Zwayer wird es die einzige WM bleiben. Siebert könnte 2030 mit dann 46 Jahren,durchaus noch an seiner zweiten WM teilnehmen. In der UEFA (Rosetti) war er eindeutig ganz vorn, was zehn Einsätze, einschließlich Finale in der CL, eindeutig unterstreichen.. Collina konnte sich offensichtlich nicht dazu durchringen, vergleichsweise mit England und Frankreich, zwei Deutsche zu nominieren.
Bemerkenswert ist: In der Nations League sind gleich alle deutschen Spitzenschiedsrichter mit Siebert, Zwayer, Stieler, Osmers und Schlager berücksichtigt worden. Das zeigt einmal mehr deutlich auf, dass unsere Schiedsrichter international besser sind als ihr Ruf im eigenen Land, wo sogenannte „Fachexperten“aus dem heimischen Stubensessel bei nahezu jeder Kleinigkeit Kritik üben und zugleich auch das gesamte deutsche Schiedsrichterwesen in Frage stellen. Aber das gehört hierzulande zum allgemeinen Trend, vor allem bei denen, die selbst nie ein Spiel geleitet haben.