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René Hüttl (hinten, dritter von rechts) und die Jungschiedsrichter der BSG Chemie Leipzig beim Treffen im Alfred-Kunze-Sportpark. (Foto: privat)

Während andere Schiris suchen: So macht es Chemie Leipzig

Schiedsrichter gesucht – diesen Hilferuf kennt man inzwischen von vielen Vereinen. Wer sein Schiedsrichter-Soll nicht erfüllt, muss mit empfindlichen Sanktionen rechnen. Doch während andernorts händeringend nach Unparteiischen gesucht wird, hat die BSG Chemie Leipzig ein echtes Luxusproblem: 13 Schiris werden gefordert, 22 hat der Verein aktuell am Start. Was läuft im Leutzscher Holz anders?

Schiedsrichter zu finden, ist das eine. Sie dauerhaft an einen Verein zu binden, inzwischen vielleicht die noch größere Herausforderung.

Das Image des Schiedsrichters hat gelitten. Beleidigungen und Anfeindungen gehören gerade im Amateurfußball vielerorts zum Alltag, hinzu kommen immer wieder Bedrohungen oder sogar körperliche Angriffe. Nicht gerade die besten Argumente, wenn ein Verein neue Menschen für die Pfeife begeistern möchte.

Gleichzeitig müssen die Clubs ihr vorgeschriebenes Schiedsrichter-Soll erfüllen. Gelingt das nicht, können Geldstrafen und im Extremfall sogar sportliche Sanktionen drohen.

Bei der BSG Chemie Leipzig kennt man dieses Problem derzeit nur aus der Ferne. 13 Schiedsrichter werden vom Verband gefordert – 22 stehen für die Leutzscher zur Verfügung.

Eine bemerkenswerte Zahl. Und die Frage liegt auf der Hand: Wie schafft Chemie das, während andere Vereine verzweifelt nach Schiedsrichtern suchen?

13 gefordert – 22 Schiedsrichter vorhanden

Einen großen Anteil daran hat René Hüttl. Der 26-Jährige übernahm vor rund zweieinhalb Jahren die Verantwortung für die Schiedsrichterabteilung und führte die Arbeit seines Vorgängers Leon Philipp Dastych weiter.

Dabei setzt Hüttl nicht auf große finanzielle Anreize oder teure Prämien. Im Mittelpunkt steht vielmehr etwas, das gerade im Amateur-Schiedsrichterwesen manchmal unterschätzt wird: Gemeinschaft.

„Als erstes verfolgen wir ein klares Ziel, das da heißt: jeder soll sich hier wohlfühlen. Die Harmonie stimmt, wir unternehmen als Schiri-Gruppe viel zusammen, stehen im intensiven Austausch und werden auch vom Verein jederzeit toll unterstützt“, erklärt Hüttl.

Und dieses Konzept scheint aufzugehen.

Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe zum gemeinsamen Lauftraining. Das Angebot kommt offenbar so gut an, dass inzwischen sogar Schiedsrichter anderer Vereine daran teilnehmen.

Doch damit ist es nicht getan.

Gemeinsame Hallenkicks, Stadionbesuche oder eine Runde FIFA an der Konsole gehören genauso dazu wie Hausregeltrainings und Schulungen. Dabei geht es nicht nur um die Fußballregeln, sondern beispielsweise auch um Persönlichkeit, Vertragsfragen oder die richtige Pfiffgestaltung.

Kurz gesagt: Die Schiedsrichter sollen nicht nur für Chemie pfeifen – sie sollen sich bei Chemie auch als Teil einer Mannschaft fühlen.

Nachwuchs soll nicht nur kommen, sondern bleiben

Besonderes Augenmerk legt Chemie auf junge Unparteiische und deren Entwicklung. Nachwuchsschiedsrichter sollen regelmäßig für Förderkader vorgeschlagen werden.

Dort erhalten sie Unterstützung durch Coaches des Verbandes, können sich mit anderen Talenten austauschen und sollen gezielt auf ihrem weiteren Weg begleitet werden. Gerade junge Schiedsrichter sollen dadurch schneller an höhere Aufgaben herangeführt werden.

Doch auch der Verein selbst unterstützt seine Unparteiischen. Gerade jungen Schiedsrichtern soll durch ein eigenes Coaching der Einstieg erleichtert werden. Bei Fragen rund um das Schiedsrichterwesen steht die Abteilung als Ansprechpartner zur Verfügung.

Auch die ersten Kosten müssen Neueinsteiger nicht allein tragen: Die BSG Chemie Leipzig übernimmt die Kosten für den Schiedsrichter-Anfängerlehrgang und stellt ihren Unparteiischen Schiedsrichterbekleidung und entsprechendes Zubehör zur Verfügung.

Auch das dürfte ein entscheidender Punkt sein. Denn neue Schiedsrichter zu gewinnen, ist nur die halbe Aufgabe. Mindestens genauso wichtig ist es, sie nach den ersten Spielen nicht wieder zu verlieren.

Wer nach einem schwierigen Wochenende jemanden hat, mit dem er über sein Spiel sprechen kann, wer gemeinsam trainiert und sich innerhalb einer Gruppe aufgehoben fühlt, dürfte manches negative Erlebnis leichter verarbeiten können.

Gerade für junge Schiedsrichter kann eine solche Begleitung entscheidend sein. Denn nach dem Lehrgang beginnt die eigentliche Herausforderung häufig erst: das erste Spiel, die erste schwierige Entscheidung, die erste lautstarke Kritik von außen. Wer dabei nicht allein gelassen wird, hat gute Voraussetzungen, langfristig an der Pfeife zu bleiben.

Keine großen Prämien – dafür ein starkes Miteinander

Dass Chemie seine Schiedsrichter einfach mit Geld lockt, kann ebenfalls ausgeschlossen werden.

Zwar gibt es eine Saisonprämie für diejenigen, die Termine und Anforderungen erfüllen. Die bewegt sich laut Hüttl allerdings lediglich im zweistelligen Bereich. Handgelder, die andernorts durchaus gezahlt werden, gibt es nicht.

„Wir setzen auf die Attraktivität unseres Vereines und auf die familiäre Atmosphäre“, sagt Hüttl.

Mit derzeit 22 Schiedsrichtern verfügt die BSG damit über eine der größten Schiedsrichtergruppen Leipzigs.

Und vielleicht steckt genau darin eine Botschaft, die auch für andere Vereine interessant sein könnte: Ein Schiedsrichter-Soll erfüllt man langfristig nicht allein dadurch, dass man neue Leute für einen Lehrgang findet. Man muss ihnen anschließend auch einen Grund geben, zu bleiben.

„Teilweise unfassbar, wie frech da viele sind“

Dass trotz aller positiven Entwicklung auch in Leutzsch nicht alles rosig ist, erlebt Hüttl selbst regelmäßig. Er pfeift in der Stadtliga und ist als Assistent in der Landesklasse unterwegs.

Besonders im Jugendfußball beobachtet er eine Entwicklung, die nachdenklich macht.

„Es ist teilweise unfassbar, wie frech da viele sind, wie empathielos. Was man sich da alles anhören muss, und nicht nur von außen, ist echt krass.“

Eine Aussage, die leider zu vielen Berichten der vergangenen Monate passt. Gerade junge Schiedsrichter müssen lernen, mit Kritik, Beschimpfungen und teilweise völlig überzogenen Reaktionen umzugehen.

Umso wichtiger ist ein Umfeld, das sie danach auffängt.

Chemie zeigt: Schiedsrichter sind keine Einzelkämpfer

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Erfolgsgeheimnis der BSG Chemie Leipzig.

Auf dem Platz steht der Schiedsrichter häufig allein im Mittelpunkt. Im Verein sollte er es nicht sein.

22 Schiedsrichter bei einem Soll von 13 kommen jedenfalls nicht von ungefähr. Chemie Leipzig zeigt, dass Wertschätzung, Förderung und Gemeinschaft mindestens genauso wichtig sein können wie finanzielle Anreize.

Während andernorts über Strafzahlungen wegen fehlender Schiedsrichter diskutiert werden muss, hat man im Leutzscher Holz ein ganz anderes Problem.

Man hat mehr Schiris, als man eigentlich braucht. Und von diesem Problem dürften derzeit ziemlich viele Vereine träumen.

Du willst für Chemie pfeifen?

Trotz der starken Zahlen sucht die BSG Chemie Leipzig weiterhin Männer und Frauen sowie Jungen und Mädchen, die bereits als Schiedsrichter aktiv sind oder sich vorstellen können, künftig selbst zur Pfeife zu greifen.

Wer Interesse hat, für Chemie zu pfeifen, kann sich direkt an René Hüttl, Schiedsrichterobmann der BSG Chemie Leipzig, wenden. Er ist Ansprechpartner für organisatorische Fragen und begleitet die Schiedsrichter bei ihrer Aus- und Weiterbildung sowie ihrer weiteren Entwicklung.

Kontakt: schiedsrichter@chemie-leipzig.de

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