Die neue DFB-Schiedsrichter-Zeitung widmet sich einem ungewöhnlichen Vergleich: Was haben Verkehrspiloten und Fußball-Schiedsrichter gemeinsam? Mehr als man zunächst vermuten würde. Während der DFB auf bessere Kommunikation und standardisierte Abläufe setzt, wird im Amateurfußball mit der RefCam ein weiterer Ansatz zur Unterstützung und zum Schutz der Unparteiischen erprobt.
Entscheidungen unter Druck – im Cockpit und auf dem Fußballplatz
Auf den ersten Blick könnten die Arbeitswelten kaum unterschiedlicher sein: Hier das Cockpit eines Verkehrsflugzeugs in mehreren Tausend Metern Höhe, dort ein Fußballplatz mit 22 Spielern, Tausenden Zuschauern und großen Emotionen.
Doch beide Tätigkeiten haben entscheidende Gemeinsamkeiten. Sowohl Piloten als auch Schiedsrichter müssen innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und sich auf ihre Teamkollegen verlassen können.
Genau diesen Parallelen widmet sich die neue Ausgabe 06/2026 der DFB-Schiedsrichter-Zeitung unter dem Titel „Erfahrungen aus dem Cockpit“.
Im Mittelpunkt stehen die Verkehrspiloten Patrick Nahstoll und Christoph Bohl, die gemeinsam mit Bundesliga-Schiedsrichter Daniel Siebert und weiteren Unparteiischen an der Übertragung bewährter Kommunikations- und Entscheidungsprozesse aus der Luftfahrt auf den Fußball arbeiten.
Klare Kommunikation verhindert Fehler
Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit im Cockpit ist die eindeutige Kommunikation. Informationen müssen nicht nur weitergegeben, sondern vom Empfänger auch richtig verstanden werden.
In der Luftfahrt wird deshalb mit standardisierten Begriffen, klaren Zuständigkeiten und Rückmeldungen gearbeitet.
Dieses Prinzip lässt sich unmittelbar auf ein Schiedsrichterteam übertragen.
Ein Beispiel: Der Schiedsrichterassistent erkennt ein Vergehen, während der Schiedsrichter seine Aufmerksamkeit auf eine andere Spielsituation richtet. Eine kurze, eindeutige Mitteilung kann helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.
Dabei geht es nicht nur darum, Informationen zu übermitteln. Entscheidend ist auch, dass der Empfänger bestätigt, sie verstanden zu haben.
Die Botschaft: Gute Kommunikation ist kein Zufall, sondern das Ergebnis klarer Abläufe und regelmäßigen Trainings.
Auch Schiedsrichter müssen unter Stress funktionieren
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels beschäftigt sich mit Entscheidungen unter Zeitdruck.
Piloten trainieren regelmäßig Situationen, in denen innerhalb weniger Sekunden gehandelt werden muss. Dabei greifen sie auf festgelegte Verfahren zurück, die auch unter hoher Belastung Sicherheit geben.
Schiedsrichter kennen vergleichbare Situationen: Ein schweres Foulspiel, eine Rudelbildung oder eine Verletzung verlangen sofortiges Handeln.
Gerade in solchen Momenten können klare Abläufe helfen, Fehler zu vermeiden.
Die Autoren beschreiben unter anderem das sogenannte „Go-Around“-Prinzip aus der Luftfahrt. Gemeint ist die Möglichkeit, einen begonnenen Ablauf abzubrechen und neu zu bewerten, wenn die Situation es erfordert.
Übertragen auf den Fußball bedeutet das: Nicht jede Entscheidung muss unter allen Umständen sofort endgültig sein. Wenn die Spielregeln es zulassen, kann eine kurze Abstimmung innerhalb des Schiedsrichterteams sinnvoller sein als eine überhastete Entscheidung.
RefCam: Ein anderer Ansatz im Amateurfußball
Während die DFB-Schiedsrichter-Zeitung die Verbesserung der Entscheidungsprozesse in den Mittelpunkt stellt, wird im Amateurfußball an anderer Stelle mit einer technischen Unterstützung experimentiert.
Im Fußballkreis Gelsenkirchen läuft ein Pilotprojekt mit Bodycams für Schiedsrichter. Insgesamt 27 Unparteiische wurden dafür mit entsprechender Technik ausgestattet.
Die Kameras sollen insbesondere bei Konfliktsituationen eine präventive Wirkung entfalten und zur Deeskalation beitragen.
Das System verfügt über eine Voraufzeichnung von rund 30 Sekunden. Bei Aktivierung signalisiert ein rotes Licht die laufende Aufnahme.
Der Unterschied zum Cockpit-Projekt ist allerdings wesentlich: Während es bei der Übertragung von Luftfahrtverfahren vor allem um Kommunikation, Entscheidungsqualität und Fehlervermeidung geht, steht beim Bodycam-Projekt der Schutz der Schiedsrichter vor Übergriffen im Vordergrund.
Beide Ansätze verfolgen dennoch ein gemeinsames Ziel: Schiedsrichter sollen in schwierigen Situationen besser unterstützt werden.
Was davon kommt im Amateurfußball an?
Für die IG Schiedsrichter stellt sich vor allem eine Frage: Wie lassen sich solche Erkenntnisse auch dort nutzen, wo Schiedsrichter häufig allein auf dem Platz stehen?
Denn während im Profifußball Assistenten, Vierter Offizieller und teilweise Video-Assistenten zur Verfügung stehen, müssen Unparteiische in den unteren Spielklassen viele Entscheidungen ohne Unterstützung treffen.
Gerade deshalb könnten standardisierte Abläufe einen wichtigen Beitrag leisten.
Eine klare Ansprache gegenüber Spielern, eine bewusste Unterbrechung bei Konflikten oder ein strukturiertes Vorgehen nach Tätlichkeiten sind Beispiele, die sich auch ohne technische Hilfsmittel umsetzen lassen.
Allerdings dürfen die Grenzen nicht übersehen werden: Eine bessere Kommunikation allein verhindert keine Gewalt gegen Schiedsrichter. Dafür braucht es zusätzlich konsequente Sportgerichtsurteile, funktionierende Ordnungsdienste und Vereine, die ihrer Verantwortung nachkommen.
Fazit der IG Schiedsrichter
Der Blick ins Cockpit zeigt, dass der Fußball auch von anderen Berufsgruppen lernen kann. Besonders die klare Kommunikation, das gegenseitige Vertrauen und das strukturierte Handeln unter Druck bieten interessante Ansätze für die Schiedsrichterausbildung.
Die RefCam wiederum kann einen zusätzlichen Beitrag zur Sicherheit leisten. Sie ersetzt aber weder eine gute Ausbildung noch einen funktionierenden Ordnungsdienst.
Entscheidend wird sein, dass solche Projekte nicht auf den Profifußball oder einzelne Pilotregionen beschränkt bleiben, sondern ihre Erkenntnisse auch den Schiedsrichtern an der Basis zugutekommen.
Denn gerade dort, wo ein Unparteiischer ohne Assistenten vor wenigen Zuschauern ein Kreisligaspiel leitet, sind Sicherheit, Handlungssicherheit und Rückhalt besonders wichtig.
