Ausgerechnet vor dem Bundesliga-Klassiker zwischen Bayern München und Borussia Dortmund richtet BVB-Trainer Niko Kovac einen deutlichen Appell an die Schiedsrichter. Er kritisiert die Zurückhaltung des Video-Assistenten und fordert eine Top-Leistung. Doch genau hier beginnt das Problem: Wie viel Eigenverantwortung wollen wir den Unparteiischen tatsächlich zugestehen?
Nach dem umstrittenen Strafstoß im DFB-Pokal gegen Werder Bremen ist der Ärger bei Niko Kovac offenbar noch nicht verflogen. „Das war kein Elfmeter meines Erachtens“, erklärte der Dortmunder Trainer und kritisierte zugleich die aktuelle Linie des Video-Assistenten.
„Ich merke im Moment, dass der VAR in den letzten Wochen sehr zurückhaltend ist. Das ist falsch“, sagte Kovac.
Eine bemerkenswerte Aussage. Denn genau diese Zurückhaltung ist Teil der Philosophie, die DFB und UEFA verfolgen.
Nicht jede strittige Entscheidung ist eine Fehlentscheidung
DFB-Schiedsrichterchef Knut Kircher hat mehrfach deutlich gemacht, dass der VAR wieder stärker zu seinem ursprünglichen Auftrag zurückkehren soll. Nur klare und offensichtliche Fehlentscheidungen sollen korrigiert werden.
Das bedeutet aber auch, dass Entscheidungen akzeptiert werden müssen, bei denen unterschiedliche Bewertungen möglich sind. Eine 70:30- oder 80:20-Entscheidung ist nicht automatisch ein Fall für den Video-Assistenten.
Genau das scheint in der öffentlichen Diskussion immer wieder vergessen zu werden.
Ein Trainer darf selbstverständlich eine Strafstoßentscheidung kritisieren. Doch aus der eigenen Überzeugung, dass ein Elfmeter falsch gewesen sei, folgt noch lange nicht, dass der VAR hätte eingreifen müssen.
Stieler steht ohnehin unter besonderer Beobachtung
Mit Tobias Stieler wurde ein erfahrener Bundesliga-Schiedsrichter für das Spitzenspiel angesetzt. Ausgerechnet vor diesem prestigeträchtigen Duell richtet Kovac nun seine Erwartungen öffentlich an das Schiedsrichterteam.
Natürlich darf ein Trainer eine gute Leistung erwarten. Das gilt allerdings für jedes Bundesligaspiel und nicht erst für den Klassiker.
Entscheidend wird sein, dass Stieler seine eigene Linie findet, Entscheidungen unabhängig vom öffentlichen Druck trifft und sich nicht von der Bedeutung der Begegnung beeinflussen lässt.
Auch der Video-Assistent muss seiner Aufgabe nachkommen – aber eben innerhalb der vorgesehenen Eingriffsschwelle.
Unser Kommentar: Vertrauen lässt sich nicht nach Bedarf einfordern
Wir haben lange darüber diskutiert, dass der VAR zu häufig eingreift und den Schiedsrichtern auf dem Platz zunehmend die Entscheidungsgewalt nimmt.
Jetzt soll sich das ändern. Doch sobald eine umstrittene Entscheidung stehen bleibt, wird wieder nach Köln gerufen.
Beides gleichzeitig funktioniert nicht.
Wer mehr Eigenverantwortung für die Schiedsrichter fordert, muss auch bereit sein, unterschiedliche Wahrnehmungen und vertretbare Entscheidungen zu akzeptieren.
Der VAR ist keine zweite Schiedsrichterinstanz, die jede Entscheidung so lange überprüfen soll, bis sie dem betroffenen Trainer gefällt.
Für Tobias Stieler und sein Team sollte deshalb am Samstag nur eines gelten: das Spiel nach den Regeln leiten, eine klare Linie verfolgen und sich weder von Kovacs Aussagen noch vom Druck eines Bundesliga-Klassikers beeinflussen lassen.
Denn eine Top-Leistung darf man von Schiedsrichtern erwarten. Dass jede Entscheidung den eigenen Vorstellungen entspricht, dagegen nicht.
