Zwei Wochen nach seinem Platzverweis gegen den Hombrucher SV erhebt Kevin Großkreutz schwere Vorwürfe gegen Schiedsrichter Claas Steenebrügge. Der ehemalige Weltmeister unterstellt dem Unparteiischen Absicht und kündigt an, dafür sorgen zu wollen, dass dieser seine Spiele künftig nicht mehr leitet. Für die IG Schiedsrichter ist damit eine Grenze erreicht.
Kritik ja – persönliche Unterstellungen nein!
Kevin Großkreutz ist bekannt dafür, dass er auf dem Fußballplatz emotional auftritt. Das gehört zu seinem Spiel und war bereits während seiner Profikarriere so. Doch was der Weltmeister von 2014 nun über Schiedsrichter Claas Steenebrügge äußert, geht über gewöhnliche Kritik an einer Schiedsrichterentscheidung hinaus.
In seinem Podcast „Viertelstunde Fußball“ behauptet Großkreutz, die Gelb-Rote Karte bei der 2:3-Niederlage seines TuS Eichlinghofen gegen den Hombrucher SV sei bewusst gegen ihn ausgesprochen worden.
„Das war wirklich extra“, erklärt der ehemalige Dortmunder Profi. Noch bemerkenswerter ist seine anschließende Ankündigung: „Wir werden jetzt einen Antrag stellen, dass er uns nicht mehr pfeift.“ Und schließlich: „Der pfeift mich nicht mehr. Das weiß ich aber.“
Seit wann bestimmen Spieler ihre Schiedsrichter?
Diese Aussage sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Ein Spieler, der mit einer Entscheidung nicht einverstanden ist, möchte offenbar Einfluss darauf nehmen, welcher Unparteiische künftig seine Mannschaft leitet.
Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Verein oder Spieler nach einem umstrittenen Platzverweis beantragen würde, einen bestimmten Schiedsrichter nicht mehr zu bekommen?
Gerade die Unabhängigkeit der Schiedsrichteransetzung ist ein wesentlicher Bestandteil eines fairen Wettbewerbs.
Nicht die Spieler bestimmen, wer ihre Spiele pfeift. Nicht die Trainer. Und auch nicht ehemalige Weltmeister.
Diese Verantwortung liegt bei den zuständigen Schiedsrichteransetzern und Verbänden.
Selbstverständlich können Vereine sachliche Beschwerden einreichen. Ob und welche Konsequenzen daraus entstehen, entscheiden jedoch die zuständigen Stellen – und nicht diejenigen, die mit einer Entscheidung unzufrieden sind.
Der Vorwurf der Absicht wiegt schwer
Noch schwerer als die angekündigte Beschwerde wiegt der Vorwurf, Schiedsrichter Steenebrügge habe bewusst gegen Großkreutz entschieden. Damit wird nicht nur eine einzelne Entscheidung kritisiert, sondern die Unparteilichkeit des Schiedsrichters infrage gestellt. Für einen solchen Vorwurf braucht es nachvollziehbare Belege.
Dass ein Spieler einen Elfmeter oder eine Verwarnung anders bewertet, ist im Fußball völlig normal. Unterschiedliche Wahrnehmungen gehören dazu. Aber aus einer vermeintlichen Fehlentscheidung gleich eine bewusste Benachteiligung abzuleiten, ist ein erheblicher Schritt.
Eine falsche Entscheidung ist noch lange keine absichtliche Entscheidung.
Auch die Erinnerung scheint Großkreutz zu täuschen
Besonders interessant ist ein weiterer Punkt.
Großkreutz behauptete, der betreffende Schiedsrichter habe ihn bereits früher vom Platz gestellt. Tatsächlich bestätigte der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen gegenüber den Ruhr Nachrichten, dass Claas Steenebrügge vor der Begegnung gegen Hombruch noch keinen Platzverweis gegen Großkreutz ausgesprochen hatte.
Auch die Behauptung, es habe sich um einen seiner lediglich zwei Platzverweise im Amateurfußball gehandelt, stimmt nach den recherchierten Zahlen nicht.
Seit seinem Wechsel in den Amateurbereich im Jahr 2021 wurde Großkreutz bereits fünfmal des Feldes verwiesen. Alle fünf Platzverweise wurden von unterschiedlichen Schiedsrichtern ausgesprochen.
Das beweist selbstverständlich nicht, dass jede einzelne Entscheidung richtig war. Es zeigt aber, wie vorsichtig man mit persönlichen Anschuldigungen umgehen sollte.
Ein Weltmeister trägt besondere Verantwortung
Kevin Großkreutz ist kein gewöhnlicher Landesligaspieler. Er ist Weltmeister, ehemaliger Bundesligaprofi und besitzt eine enorme Bekanntheit. Seine Aussagen erreichen deshalb wesentlich mehr Menschen als die Beschwerden eines durchschnittlichen Amateurfußballers. Gerade deshalb sollte ihm bewusst sein, welche Wirkung solche öffentlichen Vorwürfe entfalten können.
Während Großkreutz seine Sichtweise vor einem großen Publikum verbreiten kann, steht der betroffene Amateur-Schiedsrichter im Mittelpunkt einer öffentlichen Diskussion, ohne über vergleichbare Möglichkeiten zur Darstellung seiner Sicht zu verfügen. Das ist ein erhebliches Ungleichgewicht.
Kommentar der IG Schiedsrichter: Respekt ist keine Einbahnstraße
Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass Schiedsrichter respektiert und vor persönlichen Angriffen geschützt werden. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Unparteiische unfehlbar sind oder ihre Entscheidungen nicht kritisiert werden dürfen.
Auch Schiedsrichter machen Fehler. Darüber darf und muss gesprochen werden. Doch zwischen sachlicher Kritik und dem öffentlichen Vorwurf einer absichtlichen Benachteiligung besteht ein gewaltiger Unterschied.
Besonders bedenklich wird es, wenn ein prominenter Spieler den Eindruck vermittelt, er könne mitbestimmen, welcher Schiedsrichter künftig für seine Begegnungen angesetzt wird.
Was wäre das für ein Signal an unsere jungen Schiedsrichter, wenn ein Spieler nach einem Platzverweis öffentlich erklären könnte: „Der pfeift mich nicht mehr“ – und damit tatsächlich Erfolg hätte?
Wir erwarten vom Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen, dass die Unabhängigkeit seiner Schiedsrichter und Ansetzer gewahrt bleibt. Ob die Äußerungen darüber hinaus verbandsrechtlich zu prüfen sind, müssen die zuständigen Stellen beurteilen.
Unser Fazit
Kevin Großkreutz darf sich über seine Gelb-Rote Karte ärgern. Er darf Entscheidungen hinterfragen und auch eine Beschwerde einreichen. Was er nicht darf, ist aus seiner Bekanntheit einen Anspruch darauf abzuleiten, künftig von einem bestimmten Schiedsrichter verschont zu bleiben.
Denn auf dem Fußballplatz gelten für einen Weltmeister dieselben Regeln wie für jeden anderen Spieler in der Kreisliga.
Und das gilt nicht nur für die Spielregeln, sondern auch für den respektvollen Umgang mit den Menschen, die Woche für Woche dafür sorgen, dass überhaupt Fußball gespielt werden kann.

Der war doch noch nie der Hellste