Der 26. Spieltag in der Bundesliga ging zu Ende und es gab eine Menge Diskussionen rund um Schiedsrichter Christian Dingert bei der Partie Leverkusen – Bayern. Gleich in mehreren Szenen musste er vom VAR korrigiert werden und sorgte insbesondere mit der Gelb-Roten für Luis Diaz zu enormen Gesprächsstoff. Sowohl in Interviews als auch auf Social Media sah man soviel Kritik wie noch nie gegenüber einen Schiedsrichter. Welcher der Dingert Entscheidungen richtig oder falsch waren, seht ihr in der Analyse und hier erstmal die Top 3 des Spieltages:
Platz 🥇 – Deniz Aytekin:
Schiedsrichter Deniz Aytekin aus Oberasbach war am Sonntagabend beim Spiel VfB Stuttgart – RB Leipzig im Einsatz. In seinem vermutlich letzten Einsatz im Neckarstadion lieferte er wie gewohnt eine nahezu perfekte Spielleitung mit gewohnt guter Kommunikation mit den Spielern ab!
Platz 🥈 – Sven Jablonski:
Auf Platz 2 haben wir aus Bremen Sven Jablonski der ebenfalls am Sonntag bei der Partie SC Freiburg – Union Berlin zum Einsatz kam. Wie auch bei Aytekin war Jablonski wie gewohnt mit einer sehr kommunikativen Art auf dem Platz zu sehen, erhielt viel Respekt bei den Spielern und leistete sich kaum bis keine Fehler im Spiel!
Platz 🥉 – Daniel Schlager:
Auf dem dritten Platz haben wir Daniel Schlager aus Gernsbach der den Spieltag bei der Partie Borussia M’Gladbach und dem FC St. Pauli Freitag eröffnen durfte. Schlager, der beim letzten St. Pauli-Spiel im Pokal noch die Note 6,0 vom Kicker erhielt, war diesmal jederzeit sicher unterwegs und lag auch beim Traum Freistoßtor von Stöger im Vorfeld richtig und gab diesen zurecht!
Bayer 04 Leverkusen – FC Bayern München 1:1 (SR: Christian Dingert)
Szene 1: Vor dem Führungstor für Bayer gibt es einen Zweikampf Culbreath gegen Diaz, wo es zu Beginn einen leichten Kontakt am Knie des Münchners bei der Balleroberung gab. Dieser Kontakt ist aber zu wenig. Von einem Profi muss man erwarten können, dass er diesen minimalen Kontakt mit Körperspannung entgegensetzt und sich nicht danach selbst aus dem Spiel nimmt und den Zweikampf herschenkt. [TV-Bilder – ab 0:35 Minuten]
Szene 2: Kimmich Freistoß flog von rechts in den Strafraum, wo Poku nicht richtig hinkam und unfreiwillig mit dem Kopf verlängerte. Der Ball prallte Tah an den Arm, von dort an den Fuß und von dort ins rechte untere Eck. Der Treffer zählt nicht, denn Tah hatte den Ball unmittelbar davor an den Arm bekommen. Hier korrigiere ich meine vorherige genannte Auslegung, es sei nicht unmittelbar, da der Ball vom Arm an den Fuß prallt und von dort aus ins Tor. Die entscheidende Passage lautet sinngemäß:
„Ein Tor darf nicht gegeben werden, wenn der Ball unmittelbar nachdem er die Hand oder den Arm eines Spielers berührt hat, ins Tor gelangt.“
Der Ball ist unmittelbar nach Tahs Kontakt mit dem Arm bzw. Ellenbogen ins Tor gelangt. Genau das, was die IFAB-Regel 12 in solchen Fällen vorschreibt: Ein Tor zählt nicht, wenn der Ball direkt/unmittelbar nach einem (auch unabsichtlichen) Hand-/Armkontakt ins Tor geht, unabhängig davon, ob der Arm angelegt war oder ob Absicht vorlag. Diese unmittelbare-Regel gilt auch dann, wenn der Ball erst an den Fuß prallt und dann erst ins Tor. Die Formulierung „immediately after the ball has touched their hand/arm“ umfasst explizit Szenen, in denen der Ball den Arm berührt und der gleiche Spieler dann direkt damit weitermacht – auch wenn es über einen Abpraller am eigenen Körper (wie hier Arm → Fuß) ins Tor geht. Es gibt keine Unterbrechung durch einen anderen Spieler oder eine neue Balleroberung, daher zählt die gesamte Aktion als direkte Folge des Handkontakts. Das Tor wird aberkannt, unabhängig von Absicht oder ob der Arm angelegt war. [TV-Bilder – ab 03:00 Minuten]
Szene 3: Vor der Pause ein heftiges Foulspiel von Nicholas Jackson. Jackson kam zu spät, traf Terrier mit gestrecktem Bein und offener Sohle und den Stollen voraus am/über dem Knöchel – ein klassischer Stampfer/Tritt, der potenziell gesundheitsgefährdend ist. Schiedsrichter Christian Dingert der den Zweikampf aus einiger Entfernung sah, war nicht gut positioniert, zeigte zunächst nur Gelb, vermutlich weil er aus dem Lauf heraus nicht alles sah. Der VAR griff sofort ein, Dingert schaute sich die Bilder an – und korrigierte auf glatt Rot. Nach IFAB Law 12 gibt’s eine rote Karte, wenn ein Tackling/Foul folgende Kriterien erfüllt:
- Gefährdung der Gesundheit des Gegners (hier: offene Sohle hoch am Bein/Knöchel).
- Übermäßige Härte / reckless with excessive force.
- Keine Ballberührung oder nur marginal – Jackson traf fast nur den Mann.
Hier sind alle Vorraussetzungen für ein grobes Foul erfüllt. Gestrecktes Bein + offene Sohle + Treffer am Knöchel = hohes Verletzungsrisiko, auch wenn’s mitten im Feld war und nicht im Strafraum. Das DFB-Sportgericht hat Jackson danach für zwei Spiele gesperrt (wegen „rohen Spiels“), was die Schwere unterstreicht. [TV-Bilder – ab 04:10 Minuten]
Szene 4: Díaz drang in den Strafraum ein, schießt sich erst selbst an, kommt dann zum Abschluss, ehe er von Robert Andrich mit einem Tackling umgegrätscht wird. Díaz ging zu Boden – aber Schiedsrichter Christian Dingert pfeift kein Foul, kein Elfmeter. Der entscheidende Punkt: Díaz schießt sich quasi selbst an, bevor oder während Andrichs Tackling kommt. In solchen Fällen gilt nach Regel 12:
- Ein Foulelfmeter gibt’s nur, wenn der Gegner den Spieler trifft und dadurch den Angriff behindert – nicht, wenn der Angreifer den Ball zuerst trifft und sich dann selbst behindert oder ins Tackling reinläuft.
- Wenn der Kontakt sekundär ist (z.B. Díaz‘ Schuss trifft Andrichs Bein, Díaz stolpert über den eigenen Schwung oder den Ball) → kein strafbares Foul, auch bei Körperkontakt.
- Andrichs Tackling war hart/reckless, aber nicht careless with excessive force in dem Maß, dass es unabhängig vom Ballkontakt Elfmeter wäre – vor allem, weil Díaz den Abschluss schon initiiert hatte und der Ball im Spiel blieb oder Díaz selbst involviert war.
Demnach ist kein Elfmeter korrekt, weil Díaz sich (zumindest teilweise) selbst anschießt / den Kontakt mitverursacht. Regeltechnisch hart, aber korrekt – typischer Fall, wo „careless vs. reckless“ und Ballberührung den Ausschlag geben. [TV-Bilder – ab 05:20 Minuten]
Szene 5: Leverkusens Torhüter Janis Blaswich versuchte im eigenen Strafraum zu klären und schießt den Ball Kane an. Der Ball prallte von Kanes angelegten Arm ab, aber in den Bildern ist eine leichte Bewegung erkennbar – er vergrößert quasi seine Kontaktfläche. Der Ball geht nach links zu Luis Díaz, der nach ein paar Metern quer nach innen passt – Kane schob aus kurzer Distanz ins leere Tor. Schiedsrichter Christian Dingert ließ zunächst laufen, der VAR prüft → Dingert ging zum Monitor, entschied auf Handspiel und erkannte das Tor ab.
Regeltechnisch und nach aktueller IFAB-Regeln ist ein Tor als ungültig, wenn der Ball unmittelbar nachdem („immediately after“) er von Hand/Arm berührt wurde, ins Tor gelangt – auch unabsichtlich, auch bei angelegtem Arm. Der Schlüssel ist „immediately after“:
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Hier war die Kette Arm (Kane) → Díaz → kurzer Pass → Kane → Tor extrem kurz und direkt (keine echte Unterbrechung, kein neuer Ballgewinn durch einen anderen Spieler, der den Ball kontrolliert).
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Die leichte Armbewegung zum Ball (die in den Bildern sichtbar ist) wird als „increasing the contact area“ gewertet – Kane legt sich den Ball vor, auch wenn’s minimal ist.
Das IFAB will keine Tore, die direkt/unmittelbar durch einen (auch unabsichtlichen) Armkontakt entstehen – die Regel priorisiert hier „saubere“ Tore ohne Hand-/Armeinfluss, selbst wenn’s frustrierend wirkt. Sinn des Fußballs ist Tore zu erzielen. Hier werden Torchancen getötet und mutige Aktionen werden nicht belohnt. [TV-Bilder – ab 06:55 Minuten]
Szene 6:Luis Díaz geht mit hohem Bein zum Ball, Aleix García kommt mit dem Kopf ran – und Díaz trifft den Leverkusener frontal mit der Sohle/Stollen am Kopf. García musste behandelt werden, blutete leicht oder war benommen (je nach Bericht), und das war eine extrem gefährliche Aktion. Nach Regel 12 gibt es eine rote Karte, wenn ein Spieler:
- Gefährlich spielt (high boot, excessive force, risk of injury).
- Den Gegner am Kopf/Gesicht trifft, besonders mit offener Sohle/Stollen.
- Das Bein/Fuß auf Kopfhöhe hat – da gehört es schlicht nicht hin, egal ob Ball im Spiel ist.
In der Regelinterpretation zählt so ein Treffer am Kopf mit hohem Bein fast immer als „endangering the safety of an opponent“ – vor allem, wenn der Spieler den Gegner sieht (Díaz hatte Blickkontakt, hielt das Bein lang drauf und zog es nicht zurück, obwohl er García spät sah, aber früh genug, um abzubrechen). Das ist kein „unglückliches Duell“, sondern reckless with excessive force → glatt Rot in 9 von 10 Fällen.
Schiedsrichter Christian Dingert zeigte nur Gelb. Der Video-Assistent hätte hier zwingend eingreifen und nach Ansicht der Bilder auf Rot entscheiden müssen.
Szene 7: Und nun die am heißesten diskutierte Szene! Luis Díaz steckte in den Lauf durch, legt sich den Ball am herausstürmenden Torhüter Janis Blaswich vorbei. Erst im Fallen gab es einen leichten Kontakt am Bein/Fuß von Blaswich – Díaz ging zu Boden, die Kugel rollte ins Toraus. Schiedsrichter Christian Dingert pfiff sofort kein Foul/Elfmeter, sondern wertete es als Schwalbe → zweite Gelbe Karte und er musste vom Platz. Nach Regel 12 gibt’s eine gelbe Karte für Simulation (Versuch, den Schiedsrichter zu täuschen, z.B. durch übertriebenes Fallen oder simuliertes Foul, um Vorteil zu erlangen – hier: einen Elfmeter zu provozieren). Bei wiederholtem Vergehen (zweite Gelbe) folgt Gelb-Rot. In den TV-Bildern und Slow-Motion-Analysen sieht man tatsächlich, dass Díaz mit dem rechten Fuß aktiv einhakt/fädelt – er sucht den Kontakt zum Bein des Keepers, um zu fallen. Es wirkt nicht wie ein reiner, unvermeidbarer Zusammenprall, sondern wie ein bewusster Versuch, den Elfmeter rauszuholen (langer Schritt, Bein ausstrecken, dann abheben). Dingert sah das aus seiner Position sofort so und entschied konsequent auf Täuschung. Für mich ist der Platzverweis daher nachvollziehbar und vertretbar. Díaz wolle nichts anderes als den Elfmeter ziehen. Der Spieler sucht den Kontakt zum Torhüter und mache mit dem langen Schritt und dem Einhaken ein klares Täuschungsmanöver. [TV-Bilder – ab 08:50 Minuten]
Díaz hatte sogar Glück, weil er schon in der 74. Minute (hohes Bein gegen García, Stollen am Kopf) Rot hätte sehen müssen und mit viel Glück, nicht da schon runterflog. Die Schwalbe war dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Szene 8: In der Nachspielzeit ging Bayer in Führung – und wieder war Dingert der Spaßverderber. Exequiel Palacios spielte einen Lupfer/Pass in den Lauf von Jonas Hofmann. Hofmann nahm die Kugel ab, lupft sie über den herausstürmenden Sven Ulreich. Jonathan Tah fälscht den Ball unglücklich ab – dadurch fliegt die Kugel höher und senkt sich hinter Ulreich ins Tor. Jubel bei Leverkusen – aber VAR prüft sofort → Tor aberkannt wegen knappem Abseits von Hofmann (oder der Passempfänger-Position in der Entstehung). Dingert bestätigt nach Monitor-Check: Abseits. Ein Spieler befindet sich im Abseits, wenn: [TV-Bilder – ab 09:30 Minuten]
- Er sich näher zur gegnerischen Torlinie befindet als Ball und vorletzter Gegner;
- Der Ball von einem Mitspieler kommt und er aktiv ins Spiel eingreift;
- Die Linien-Technik zeigte: Hofmanns Schulter/Körperteil war knapp vor der Abseitslinie.
Fazit zur Spielleitung: Wenn man vier VAR-Eingriffe auf seiner Seite hat, Rot direkt sehen muss und und bei Luis Diaz sogar noch ein Platzverweis fehlt, kann man als Schiedsrichter nicht zu frieden sei. Vielleicht war es für Dingert auch das falsche Spiel. Wo sind die Top-Schiedsrichter wie Felix Zwayer und Daniel Siebert? Klar, die waren eine Woche erst in der Bundesliga im Einsatz und im Normallfall wechselt man die Klassen. Aber zu einem Topspiel gehört ein Top-Schiedsrichter und da sollte das Prilileg gelten, dass die Top-Schiedsrichter auch die besten und meisten Spiele bekommen. International würde Dingert bei 4 bzw. 5 VAR-Eingriffen kein Spiel mehr bekommen oder zumindest für sehr lange Zeit pausieren müssen. Würde das jetzt in der 3. Liga passieren, hätte man 5 Fehlentscheidungen…
Hamburger SV – 1. FC Köln 1:1 (SR: Tobias Welz)
Szene 9: Es war so um die 28. Minute: Köln im Konter, Kristoffer Lund bricht links durch, sprintete bis zur Grundlinie. William Mikelbrencis kommt von hinten, steigt Lund mit offener Sohle auf die Achillessehne des linken Fußes – ohne echte Chance auf den Ball. Schiedsrichter Tobias Welz, der bis dahin völlig indisponiert wirkte, pfeift nicht mal Foul → Ball geht ins Aus → nur Ecke für Köln. VAR Benjamin Brand prüfte sah aber keine Veranlassung zur Intervention: Kein Foul, keine Karte für Mikelbrencis. Nach Regel 12 wäre das Foul mindestens Gelb, bei offener Sohle von hinten + Treffer am Knöchel/Achillessehne + keine Ballchance sogar glatt Rot (endangering the safety of an opponent). Es war ein gefährliches Einsteigen, das in dieser Saison schon mehrmals mit Rot geahndet wurde (z.B. Jahmai Simpson-Pusey vor einer Woche für ein ähnliches Trefferbild – offene Sohle hoch am Bein → Rot nach VAR-Korrektur).
Solche Aktionen sind gefährlich und vermeidbar → bei offener Sohle von hinten ohne Ballkontakt gehört Rot drauf, um Verletzungen zu verhindern. Er kritisiert regelmäßig, wenn VAR bei „serious foul play“ nicht eingreift, obwohl die Bilder eindeutig sind. Für mich daher eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung, nicht auf Rot zu entscheiden bzw. die Entscheidung zu intervenieren. [TV-Bilder – ab 01:40 Minuten]
TSG Hoffenheim – VfL Wolfsburg 1:1 (SR: Tobias Reichel)
Szene 10: Bazoumana Touré sprintet aus dem Strafraum, Jesper Lindstrøm kam im Laufduell von der Seite/heran. Beide setzen die Arme ein schauen primär auf den Ball, Touré ging zu Boden. In den Slow-Motion-Bildern sieht man zusätzlich: Lindstrøm trifft Touré leicht an der Hacke, aber Touré fädelt aktiv ein – er streckt das Bein etwas, sucht den Kontakt und nutzt den minimalen Touch, um zu fallen. Nach Regel 12 ist ein Elfmeter nur fällig, wenn ein careless/reckless/excessive Foul vorliegt – z.B. klares Wegdrücken, Ziehen oder Bein stellen. Bei symmetrischem Arm-Einsatz + beidseitigem Blick auf den Ball + gegenseitigem Einfädeln (Touré hackt quasi mit) gilt’s meist als normaler Körperkontakt im Zweikampf, kein strafbares Foul. Der Hacken-Touch von Lindstrøm war minimal und nicht dominant – Touré initiierte den Fall mit. Weiterspielen die bessere Entscheidung, auch wenns grenzwertig war. [TV-Bilder – ab 02:10 Minuten]
Eintracht Frankfurt – 1. FC Heidenheim 1:0 (SR: Harm Osmers)
Während Harm Osmers bei der wohl knappsten Milimeterentscheidung noch dem VAR vertrauen musste, lag er beim wiederholten Foulspiel von Robin Koch zweifelsfrei korrekt. [Highlights]
