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Wenn selbst korrekte Entscheidungen keine Akzeptanz haben…

In der englischen Woche lieferten die DFB-Schiedsrichter in der 1. Bundesliga unauffällige Auftritte ab. In nur zwei der neun Partien mussten sich die Videoassistenten aus dem VAC in Köln melden. Während der Eingriff in München die volle Akzeptanz hatte, geriet Schiedsrichter Daniel Schlager in Bochum trotz seiner korrekten Entscheidung in Verruf.

VfL Bochum – Borussia Mönchengladbach 2:1 (SR: Daniel Schlager)

Acht Minuten vor dem Schluss schlug Hofmann eine Ecke der Gladbacher in den Bochumer Strafraum. Die kam über den Kopfball von Friedrich und eine Berührung dazwischen des Bochumer Verteidigers Lampropoulos wieder zurück zum Eckenschützen Hofmann, der allerdings deutlich im Abseits stand. Seine zweite Flanke erreichte am langen Pfosten Bensebaini, der zum zunächst geglaubten 2:2 einköpfte. Doch Vorbereiter Hofmann stand beim Kopfball von Friedrich im Abseits. Entscheidend ist hier, ob die Berührung des Bochumers im Zentrum eine neue Spielsituation auslöst oder nicht. [TV-Bilder ab Minute 7:14]

Die ist seit dieser Saison nicht mehr nur der Fall, wenn ein Spieler den Ball absichtlich spielen will. Er muss dabei nun unbedrängt agieren (d.h. nicht in höchster Not oder in einem Zweikampf mit engem Körperkontakt) und den Ball im Anschluss kontrolliert spielen. Diese Änderung der Auslegung geht aus dem Zirkular Nr. 26 des IFABs hervor und wurde vor Saisonbeginn in der DFB-Schiedsrichterzeitung und den Bundesligavereinen nochmal extra kommuniziert. Ein schönes Beispiel, um den Unterschied zwischen diesem beiden Auslegungen zu zeigen, ist das Pokalviertelfinale 2021 zwischen dem BVB und dem SC Paderborn. Damals zählte das entscheidende Treffer, weil der Paderborner Spieler absichtlich zum Ball ging und diesem dann wohl auch minimal berührte (zu hundert Prozent auflösen ließ es sich nie). Seit dieser Saison hätte der Treffer nicht gezählt, da es sich deutlich um kein kontrolliertes Spielen des Balles handelte. [TV-Bilder ab Minute 2:19]

Doch diese Szene ist nicht ganz so eindeutig, denn der Bochumer Lampropoulos ging nicht nur zweifelsfrei absichtlich zum Ball, er spielte ihn auch so, dass der Ball durchaus eine deutliche Richtungsänderung vorwies. Allerdings befand er sich zu diesem Zeitpunkt auch in einem Zweikampf mit dem Gladbacher Nico Elvedi, der den Bochumer (im Rahmen des Toleranzbereichs bei einem Eckball) sogar leicht hielt und mit dem Fuß ebenfalls zum Ball ging. Elvedi bedrängte folglich Lampropoulos in dieser Szene. Dazu ist durchaus diskutabel, ob das Spielen des Balles mit dem langen Bein in der Luft ein kontrolliertes Spielen des Balles darstellt. Meiner Meinung nach sind beide Kriterien in dieser Szene nicht erfüllt, sodass die Entscheidung auf Abseits von Videoassistent Pfeifer und Schiedsrichter Schlager vollkommend korrekt war. Ähnlich schätzte die Szene auch der Sportlicher Leiter der Schiedsrichter der 1. Bundesliga, Peter Sippel in einem Beitrag auf der Website des DFBs ein.

FC Bayern München – SV Werder Bremen 6:1 (SR: Robert Hartmann)

In der 14. Minute dribbelte sich Serge Gnabry mit viel Tempo in den Bremer Strafraum und verlor letztlich den Ball gegen zu viele Gegenspieler von der Weser. Doch der Bremer Verteidiger Pieper stellte das Bein klar raus und brachte so den Münchner Angreifer zu Fall. Ein Beinstellen und damit klares Foulspiel, welches Schiedsrichter Robert Hartmann auf dem Feld zunächst nicht so bewertete, dann aber den Hinweis vom Videoassistenten Pascal Müller bekam. Am Monitor entschied der Spitzenschiedsrichter aus Wangen im Allgäu korrekt auf Elfmeter für die Bayern. In der Führungskamera noch nicht optimal erkennbar, wird das Foulspiel in der Hintertorkamera eindeutig. Hier zeigt sich sehr gut der Nutzen des Videoassistenten besonders in der 1. Bundesliga, wo sehr viele verschiedene Perspektiven für den Schiedsrichter und VA zur Verfügung stehen. [TV-Bilder ab Minute 2:05]

RB Leipzig – SC Freiburg 3:1 (SR: Harm Osmers)

Zum Strafstoß kurz noch kommentiert:

Fazit: Kurz vor der Winterpause haben sich die DFB-Schiedsrichter in der englischer Woche wieder gefangen und liefern insgesamt einen wirklich guten Spieltag ab. In den wenigsten Spielen hat es überhaupt einen Eingriff aus Köln die benötigt. Die beiden Eingriffe in Gladbach und München saßen und führten zu den eindeutig korrekten Entscheidungen. Weiter so! Daniel Schlager kann einem nach den Angriffen vor allem der Gladbacher Fans am Dienstagabend ein bisschen Leid tun. Er traf die korrekte Entscheidung und wurde dennoch bei den Angriffen auf den sozialen Medien gegen ihn Opfer der spielentscheidenden Umstände.

Simon Schmidt

Sportjournalist Simon Schmidt aus Bayern stieg 2020 bei IG Schiedsrichter ein und übernimmt dort die wöchentliche Kolumne zur 1. Bundesliga und den Video-Assistenten. Seither ist er Mitglied des Kompetenzteams. In seiner Freizeit engagiert er sich als Fußball-Schiedsrichter und ist leidenschaftlicher Fußball-, Formel 1- sowie Technik-Fan.

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Andreas Guffart

    Aus meiner Sicht ist die Entscheidung von Schlager, im Sinne des Sports, falsch. Wer glaubt das ein Profifußballer dieses Ballspielen nicht absichtlich macht, hat keine Ahnung. Er geht klar zum Ball und das Ziel ist den Ball aus der Gefahrenzone zu bringen. Dies gelingt. Dass ein Gegenspieler da steht und den Ball wieder scharf macht ist Pech. Da in der Bundesliga kaum ein Spieler unbedrängt agieren kann, wird in solchen Situationen immer Abseits entschieden werden müssen. Wer glaubt ein Profi könne in Bedrängnis keine bewußte Aktion ausführen, lebt hinterm Mond. Das Tor war korrekt

  2. Björn Winkels

    Eindeutig korrekte Entscheidung? Das sehen ausgewiesene Experten anders (z. B. Manuel Graefe)! Ich vermisse hier jegliche Form der kritischen Auseinandersetzung.
    Es wird ein Narrativ bedient und es werden Formulierungen genutzt die so nicht in den Regeln bzw. deren Auslegungs-Erläuterungen stehen. Sehr enttäuschend!

    1. Simon Schmidt

      Hallo Björn,

      Manuel Gräfe ist bei dieser Szene schon der einzige Experte, der da eine neue Spielsituation sieht. Es handelt sich hier um Auslegungen, die nicht direkt in Regel 11, sondern in den im Beitrag zitierten Quellen stehen. Die Einschätzung des DFBs dazu ist ebenfalls verlinkt.

      Die Schiedsrichter wurden am Anfand der Saison mit genau diesen Kriterien gebrieft. Die Mannschaften und Medien ebenfalls darüber informiert.

      IG-Schiedsrichter setzt sich immer kritisch mit den Leistungen und Entscheidung auseinander. Wenn Sie unsere letzten Analysen lesen, werden Sie das auch merken. Kritisch sein bedeutet halt auch korrekte Entscheidung als korrekt zu bezeichnen und die Schiedsrichter für einen guten Spieltag auch mal zu loben.

      1. Andreas

        Hallo Simon,

        Deine Aussage das es nur Gräfe so sieht stimmt ja nicht. Die Ifab hat dazu Beispielvideos veröffentlicht und da ist der Spieler bei Inter gegen Barca viel mehr im Zweikampf als hier der Bochumer. Farke hatte direkt nach dem Spiel vollumfänglich recht. Gräfe untermauert seine Kritik mit einem Video der obersten Regelhüter, während die deutsche SR Führung nur sagt, haja war bedrängt also kein kontrolliertes Spiel. Für mich ne ganz gravierende Fehlentscheidung, wenn ein Fifa Sr nicht weiss wie die Regeln umzusetzen sind, stattdessen wird hier die Entscheidung bejubelt. Schade, da du sonst immer recht neutral und objektiv bist.

  3. Helmut Wittiger

    Wenn das kein kontrolliertes Ballspielen war, was ist dann kontrolliertes Spielen. Im Fußball wird der ballführende Spieler immer angegriffen. Deshalb muss der betreffende Spieler den Ball auch abspielen.
    Tut er es nicht bekommt er den Ball abgenommen oder auf die Füße getreten.
    In diesem Fall war so eine Spielsituation gegeben. Es war ganz anders als im Fall Dortmund – Paderborn. Diese Entscheidung gilt nach der Regeländerung nicht mehr. Hier Schlager Recht geben hieße gleiches mit gleichem zu vergleichen. Die Situation war jedoch nicht vergleichbar. Die Regeländerung bedeutet keine Gleichsetzung.
    Jeder der aktiv Fußball spielt sieht, dass hier keine Bedrängnis sondern ein normaler Fußballangriff vorlag und der Verteidiger den Ball vor dem Stürmer spielte. Dieses normale Fußballspielen halte ich für regelkonform. Deshalb ist die Entscheidung vpn Schlager falsch, da der Ball im Sinne des Spieles unbedrängt fortgeschlagen werden konnte.

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