Der Sportplatz des 1. FC 04 Oberursel war derart beschädigt, dass Unparteiische Spiele wegen der Verletzungsgefahr nicht mehr anpfiffen. Nun investiert die Stadt 870.000 Euro in einen neuen Kunstrasen. Der Fall zeigt auch: Bei der Sicherheit endet das Verständnis.
Ein holpriger Untergrund, Löcher und gefährliche Stolperstellen: Der Sportplatz des 1. FC 04 Oberursel war zuletzt in einem Zustand, bei dem Fußballspiele offenbar kaum noch verantwortbar waren. Die Konsequenz bekamen Verein und Mannschaften deutlich zu spüren: Schiedsrichter weigerten sich aufgrund der Verletzungsgefahr, Begegnungen auf dem Platz anzupfeifen.

Nun wird gehandelt. Für insgesamt 870.000 Euro lässt die Stadt Oberursel die Anlage an der Königsteiner Straße grundlegend erneuern und einen neuen Kunstrasenplatz errichten. Weitere 50.000 Euro steuert das Land Hessen über das Förderprogramm „Sportland Hessen“ bei.
Die Arbeiten haben bereits begonnen. Der alte Untergrund wird vollständig abgetragen, anschließend werden unter anderem Unterbau und Drainage erneuert. Bis Weihnachten sollen diese Arbeiten abgeschlossen sein. Zwischen Anfang März und Ende April soll schließlich der neue Kunstrasen ausgerollt werden.
Wenn Heimspiele plötzlich zu Auswärtsspielen werden
Wie dringend die Sanierung geworden war, zeigt die ungewöhnliche Situation, mit der der 1. FC 04 seit Saisonbeginn umgehen muss.
Der bisherige Platz war nach Angaben der Verantwortlichen derart strapaziert und beschädigt, dass eine normale Pflege längst nicht mehr ausreichte. Löcher und Unebenheiten machten einen sicheren Trainings- und Spielbetrieb zunehmend unmöglich.
FC-Vorstandsmitglied Björn Urban brachte die Situation beim Baustart auf den Punkt. Verständnis für den Zustand habe es bei Kindern, Jugendlichen und Eltern gegeben – „aber nicht bei den Schiedsrichtern“.
Das klingt zunächst wie Kritik an den Unparteiischen. Tatsächlich ist es aber ein ziemlich gutes Beispiel dafür, weshalb Schiedsrichter bei der Beurteilung eines Spielfeldes eben gerade kein Verständnis für organisatorische oder finanzielle Schwierigkeiten eines Vereins haben dürfen.
Denn entscheidend ist eine andere Frage: Kann auf diesem Platz ein Fußballspiel ohne vermeidbare Gefährdung der Beteiligten durchgeführt werden?
Ist die Antwort darauf Nein, darf aus Rücksicht auf einen Verein nicht einfach trotzdem angepfiffen werden.
Der Schiedsrichter trägt Verantwortung
Vor einem Spiel gehört die Kontrolle des Spielfeldes zu den Aufgaben des Schiedsrichters. Dabei geht es nicht darum, ob ein Platz schön aussieht oder ob der Ball auf jedem Quadratmeter perfekt rollt.
Amateurfußball findet schließlich nicht ausschließlich auf Bundesliga-Rasen statt. Unebenheiten, abgekämpfte Strafräume oder schwierige Bodenverhältnisse gehören insbesondere im Herbst und Winter vielerorts dazu.
Es gibt jedoch eine Grenze.
Entstehen durch Löcher, massive Unebenheiten oder andere Schäden konkrete Gefahren für Spieler und Schiedsrichter, kann und muss ein Unparteiischer Konsequenzen ziehen. Lassen sich Gefahrenstellen nicht beseitigen und ist ein sicherer Spielbetrieb nicht gewährleistet, kann das im äußersten Fall bedeuten: Kein Anpfiff.
Genau diese Grenze war in Oberursel offenbar erreicht.
Weil Schiedsrichter Spiele auf dem Platz wegen der Verletzungsgefahr nicht mehr durchführen wollten, musste der FC trotz eigentlichen Heimrechts Begegnungen nach Absprache auswärts austragen.
Nicht der Schiedsrichter verursacht das Problem
Gerade solche Fälle führen im Amateurfußball schnell zu Diskussionen. Schließlich stehen zwei Mannschaften bereit, Zuschauer sind gekommen und der Verein möchte spielen. Wird eine Partie dann wegen des Platzes nicht angepfiffen, richtet sich der erste Ärger nicht selten gegen den Schiedsrichter.
Dabei wird Ursache und Wirkung vertauscht.
Nicht der Schiedsrichter macht einen Platz unbespielbar. Er stellt lediglich fest, dass er es ist.
Und spätestens bei einer konkreten Verletzungsgefahr darf die Frage, ob ein Spiel organisatorisch irgendwie doch noch durchgezogen werden könnte, keine Rolle mehr spielen.
Man stelle sich nur den umgekehrten Fall vor: Ein Schiedsrichter erkennt erhebliche Gefahrenstellen, lässt trotzdem spielen und ein Spieler verletzt sich genau dort schwer. Dieselben Menschen, die zuvor unbedingt den Anpfiff verlangt haben, würden anschließend vermutlich fragen, weshalb auf einem solchen Platz überhaupt gespielt werden durfte.
Investition in einen wachsenden Verein
Für den 1. FC 04 Oberursel soll dieses Problem künftig der Vergangenheit angehören.
Der Verein zählt inzwischen 385 Mitglieder, stellt neun Jugendmannschaften und drei Seniorenteams. Die Stadt bezeichnet die Erneuerung deshalb als wichtige Investition in die weitere Entwicklung des Vereins.
Die neue Spielfläche wird 96 mal 62 Meter groß, einschließlich der Sicherheitsbereiche umfasst die Anlage 100 mal 65 Meter. Ursprünglich hatte der Verein gehofft, bereits im November wieder reguläre Heimspiele austragen zu können. Verzögerungen durch gestiegene Kosten, Planänderungen und die Verfügbarkeit geeigneter Fachunternehmen machten diesen Zeitplan jedoch unmöglich.
Wenn alles planmäßig läuft, soll die neue Anlage im kommenden Frühjahr bespielbar sein.
Für den Verein ist das zweifellos ein großer Schritt. Und vielleicht steckt in der Geschichte auch eine kleine Botschaft für andere Sportstätten.
Sicherheit ist keine Frage des „Verständnisses“
Vereine können wenig dafür, wenn kommunale Sportanlagen über Jahre verschleißen oder notwendige Sanierungen aufgrund leerer Kassen immer wieder verschoben werden. Gerade im Amateurfußball wird vielerorts mit großem ehrenamtlichem Einsatz versucht, schwierige Bedingungen irgendwie aufzufangen.
Doch irgendwann endet das Improvisieren.
Ein Schiedsrichter kann Verständnis für die Probleme eines Vereins haben. Er kann Verständnis für knappe kommunale Haushalte haben. Und er kann verstehen, wie bitter es ist, ein Heimspiel nicht auf dem eigenen Platz austragen zu können.
Nur eines darf dieses Verständnis nicht beeinflussen: die Sicherheit der Spieler.
Wenn ein Platz so beschädigt ist, dass ein Fußballspiel zur Verletzungsgefahr wird, ist die Weigerung anzupfeifen keine übertriebene Pedanterie.
Dann macht der Schiedsrichter schlicht seinen Job.
In Oberursel kostet die nachhaltige Lösung nun 870.000 Euro. Dafür dürfte künftig zumindest eine Diskussion endgültig erledigt sein: ob auf diesem Platz überhaupt noch angepfiffen werden kann.
