Nach dem nächsten Spielabbruch wächst der Frust an der Basis – warum Vereine und Verbände beim Schiedsrichterschutz endlich gemeinsam handeln müssen
Hier weiterlesen: „Schiri in Kabine bedroht – Polizei muss ihn vom Sportplatz begleiten„
Podiumsdiskussionen, Präventionskampagnen und Appelle gibt es seit Jahren. Gleichzeitig wird ein Schiedsrichter nach einem C-Liga-Spiel bedroht, muss sich in seine Kabine zurückziehen und schließlich von der Polizei vom Sportgelände begleitet werden. Die zahlreichen Reaktionen auf unseren Bericht zeigen: An der Basis wächst der Frust. Vereine und Verbände müssen Schiedsrichterschutz endlich gemeinsam als Aufgabe begreifen – und aus Worten konkrete Maßnahmen machen.
„Wir dürfen nicht müde werden, präventiv zu wirken.“
Diesen Satz äußerte Michael Madre, Leiter der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, erst am Montag bei einer Podiumsdiskussion der Daniel-Nivel-Stiftung im Deutschen Fußballmuseum.
Unter dem Titel „Spielfeld der Aggressionen? – Gewalt in Stadion und Gesellschaft“ diskutierten Experten über Aggression, Gewalt und mögliche Gegenmaßnahmen. Mit dabei war auch FIFA-Schiedsrichter Harm Osmers. Er verwies ausdrücklich darauf, dass Gewalt gegen Unparteiische auch Auswirkungen auf das Nachwuchsproblem im Schiedsrichterwesen hat.
Gewaltforscherin Dr. Thaya Vester beschrieb einen Mechanismus, der nachdenklich machen sollte: Gewaltaffine Menschen könnten vom Fußball angezogen werden, während friedliche Menschen durch die Bilder von Gewalt abgeschreckt würden.
Alles richtig.
Doch der Amateurfußball hat inzwischen kein Erkenntnisproblem mehr.
Er hat ein Umsetzungsproblem.
Einen Tag später kommt die Realität
Nur kurze Zeit nach dieser Diskussion beschäftigt der nächste Vorfall den Amateurfußball.
Die C-Liga-Partie zwischen der Spvgg. Igstadt II und der SKG 23 Wiesbaden II musste abgebrochen werden. Schiedsrichter Yussufcan Elcik schilderte massive Beleidigungen und Bedrohungen. Ordner des Heimvereins schirmten ihn ab und begleiteten ihn in seine Kabine.
Doch selbst dort soll die Situation weitergegangen sein. Gegen die Tür sei geschlagen worden, draußen seien weitere Drohungen und Beleidigungen gefallen.
Am Ende kam die Polizei.
Sie begleitete den Schiedsrichter vom Sportgelände.
Unser Bericht darüber löste zahlreiche Reaktionen aus. Darunter auffallend viele von Menschen, die selbst Schiedsrichter sind oder waren.
Der Tenor ist bemerkenswert eindeutig:
Es muss endlich etwas passieren.
Neue Schiedsrichter gewinnen – und die vorhandenen verlieren?
Seit Jahren investieren Verbände viel Arbeit in die Gewinnung neuer Schiedsrichter. Es gibt Kampagnen, Aktionstage, Werbevideos, Plakate und Neulingslehrgänge.
Das alles ist richtig und notwendig.
Aber die entscheidende Frage lautet inzwischen:
Was nützt es, vorne neue Schiedsrichter zu gewinnen, wenn hinten andere wieder aufhören, weil sie keine Lust mehr auf Beleidigungen, Bedrohungen und ein zunehmend aggressives Umfeld haben?
Schiedsrichtergewinnung ohne Schiedsrichterbindung ist keine nachhaltige Strategie.
Und Schiedsrichterbindung funktioniert nicht ohne Schiedsrichterschutz.
Einer der Schiedsrichter, der auf unseren Bericht reagierte, brachte die Entwicklung mit wenigen Worten auf den Punkt:
„Leute, das ist Alltag.“
Eigentlich ist das einer der erschreckendsten Kommentare unter dem gesamten Beitrag.
Denn genau das darf es niemals werden.
Bedrohungen sind kein Berufsrisiko eines Hobbys.
„Warum nicht auch mal einen Spieltag streiken?“
Ein anderer Schiedsrichter fragte, warum Spiele nicht viel früher abgebrochen würden, anstatt erst dann, wenn eine Situation vollständig eskaliert ist. Und er stellte eine noch grundsätzlichere Frage:
Warum nicht einmal einen Spieltag streiken?
Ob ein solcher Schritt sinnvoll oder überhaupt umsetzbar wäre, darüber kann man diskutieren.
Bemerkenswert ist vielmehr, dass aktive Schiedsrichter inzwischen überhaupt über solche Maßnahmen nachdenken.
Andere Leser fordern drastischere Sperren für Täter, höhere Geldstrafen, Zuschauerausschlüsse, Punktabzüge oder in Wiederholungsfällen sogar den Ausschluss von Mannschaften aus dem Spielbetrieb.
Nicht jede dieser Forderungen wird rechtlich oder sportpolitisch umsetzbar sein.
Aber sie zeigen eines:
Das Vertrauen darauf, dass die bisherigen Instrumente ausreichen, schwindet.
Vereine können nicht alles leisten
Dabei wäre es viel zu einfach, die Verantwortung ausschließlich bei den Vereinen abzuladen.
Natürlich haben Vereine Pflichten. Sie müssen für Ordner sorgen, Verantwortliche müssen bei Eskalationen eingreifen und bekannte Probleme dürfen nicht ignoriert werden.
Der aktuelle Fall zeigt aber gleichzeitig die Grenzen.
Nach den bisherigen Schilderungen haben die Igstadter Verantwortlichen genau das getan, was von ihnen erwartet werden darf: Spieler gingen dazwischen, Ordner schirmten den Schiedsrichter ab, begleiteten ihn zur Kabine und sicherten ihn dort.
Was soll ein kleiner Amateurverein darüber hinaus leisten?
Ein C-Liga-Sportplatz ist keine Bundesliga-Arena mit Drehkreuzen, professionellem Sicherheitsdienst, Videoüberwachung und personalisierten Eintrittskarten.
Viele Amateurplätze sind frei zugänglich. Manchmal führt ein öffentlicher Weg am Gelände vorbei, manchmal gibt es einen niedrigen Zaun – und teilweise überhaupt keine vollständige Umfriedung.
Wer ernsthaft verlangt, jeder kleine Dorfverein müsse jederzeit verhindern können, dass ein gewaltbereiter Mensch ein Sportgelände betritt, verlangt etwas, das viele Clubs organisatorisch und finanziell schlicht nicht leisten können.
Deshalb funktioniert Schiedsrichterschutz nur gemeinsam.
Aber auch Vereine dürfen sich nicht wegducken
Umgekehrt darf daraus kein Freibrief entstehen.
Wenn Mannschaften wiederholt auffallen, wenn Verantwortliche aggressives Verhalten dulden, wenn vorgeschriebene Schutzmaßnahmen ignoriert werden oder ein Verein erkennbare Probleme über längere Zeit nicht in den Griff bekommt, muss auch die Frage nach der Verantwortung des Vereins gestellt werden.
Und dann muss über Sanktionen gesprochen werden, die tatsächlich Wirkung entfalten.
Dabei muss nicht automatisch die nächste Geldstrafe die beste Antwort sein.
Sportliche Sanktionen können möglicherweise eine deutlich größere Wirkung erzielen. Geisterspiele, Platzsperren, Punktabzüge oder bei besonders gravierenden und wiederholten Fällen weitergehende Maßnahmen gehören zumindest in die Diskussion.
Entscheidend bleibt dabei die Einzelfallbetrachtung.
Wer seinen Schiedsrichter nachweislich schützt, darf nicht genauso behandelt werden wie jemand, der tatenlos zusieht.
Auch die Täter müssen die Konsequenzen spüren
Gleichzeitig darf die individuelle Verantwortung nicht verschwinden.
Wer einen Schiedsrichter vorsätzlich bedroht oder körperlich angreift, begeht keine gewöhnliche Unsportlichkeit.
Es geht nicht um ein taktisches Foul.
Nicht um Meckern wegen eines Einwurfs.
Und nicht um Emotionen nach einer vermeintlichen Fehlentscheidung.
Wer einem Schiedsrichter nachstellt, ihn bedroht oder angreift, überschreitet eine völlig andere Grenze.
Deshalb muss auch darüber gesprochen werden, ob die bestehenden Sanktionen eine ausreichende abschreckende Wirkung entfalten.
Ein Gedanke aus der Diskussion unter unserem Beitrag bringt das Dilemma auf den Punkt:
Warum soll ein Täter irgendwann selbstverständlich wieder Fußball spielen können, wenn der angegriffene Schiedsrichter möglicherweise nie wieder eine Pfeife in die Hand nimmt?
Darauf braucht der Fußball eine Antwort.
Die Polizei ist nicht das Sicherheitskonzept des Amateurfußballs
Und noch etwas sollte selbstverständlich sein:
Die Polizei kann nicht die Lösung für den normalen Amateurspielbetrieb sein.
Natürlich ist es richtig, sie zu rufen, wenn eine Situation eskaliert und Menschen bedroht werden.
Aber wenn Polizeibeamte einen Schiedsrichter vom Sportplatz begleiten müssen, ist der Schiedsrichterschutz an diesem Tag bereits gescheitert.
Die entscheidende Arbeit muss vorher stattfinden.
Durch Prävention.
Durch klare Regeln.
Durch konsequente Sportgerichtsbarkeit.
Durch Verantwortungsübernahme der Vereine.
Durch Unterstützung für Vereine, die mit problematischen Situationen überfordert sind.
Und durch Verbände, die ihren Schiedsrichtern nicht nur bei Lehrabenden erklären, was von ihnen erwartet wird, sondern ihnen ebenso glaubhaft vermitteln:
Wenn etwas passiert, stehen wir hinter euch.
Reden allein reicht nicht mehr
Dass sich der DFB und seine Stiftungen mit dem Thema beschäftigen, ist ausdrücklich zu begrüßen. Auch Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion im Deutschen Fußballmuseum sind wichtig. Sie schaffen Öffentlichkeit und bringen unterschiedliche Akteure zusammen.
Doch irgendwann muss aus Erkenntnissen Handeln werden.
Wir wissen längst, dass es Gewalt gibt.
Wir wissen, dass Schiedsrichter beleidigt und bedroht werden.
Wir wissen, dass solche Vorfälle Menschen davon abschrecken können, überhaupt Schiedsrichter zu werden oder es dauerhaft zu bleiben.
Wir wissen, dass gerade kleine Amateurvereine mit der Sicherheitsfrage teilweise überfordert sind.
Und wir wissen inzwischen ziemlich genau, an welchen Stellen angesetzt werden müsste.
Was fehlt, ist eine gemeinsame Konsequenz.
Fazit der IG Schiedsrichter: Keine Kampagne ersetzt Sicherheit
Der Fußball braucht neue Schiedsrichter.
Aber mindestens genauso dringend muss er diejenigen schützen, die bereits da sind.
Es reicht nicht, Menschen mit Kampagnen für die Pfeife zu begeistern und ihnen anschließend zu erklären, Beleidigungen gehörten eben irgendwie dazu.
Es reicht nicht, nach jedem schweren Vorfall Betroffenheit auszudrücken.
Und es reicht auch nicht, die Verantwortung zwischen Verband und Verein hin- und herzuschieben.
Schiedsrichterschutz ist Aufgabe des gesamten Fußballs.
Der Verband kann sie nicht allein auf die Vereine abschieben. Der Verein kann sie nicht allein auf seine Ordner übertragen. Und der Schiedsrichter kann schon gar nicht dafür verantwortlich sein, sich selbst zu schützen.
Vereine und Verbände müssen gemeinsam überlegen, wie gefährdete Spiele frühzeitig erkannt werden, welche Schutzstandards an der Basis tatsächlich umsetzbar sind, wie Schiedsrichter nach Vorfällen begleitet werden und welche Sanktionen bei Bedrohungen und Gewalt tatsächlich abschreckend wirken.
Dabei sollten sie vor allem eines tun:
Den Schiedsrichtern an der Basis zuhören.
Denn wenn aktive Unparteiische inzwischen schreiben, Bedrohungen seien „Alltag“, oder öffentlich über einen Spieltag ohne Schiedsrichter nachdenken, sollte niemand mehr behaupten können, man habe die Warnsignale nicht gehört.
Wir dürfen nicht an einen Punkt kommen, an dem wir Menschen mühsam für dieses Hobby begeistern – und ihnen anschließend erklären müssen, was sie tun sollen, wenn sie sich vor Spielern oder Zuschauern in ihrer Kabine einschließen müssen.
Warme Worte schützen keinen Schiedsrichter. Konsequentes Handeln schon.
