Dauerthema Handspiel | Die Analyse der DFB-Schiedsrichterzeitung

Dauerthema Handspiel | Die Analyse der DFB-Schiedsrichterzeitung

4. November 2021 0 Von Simon Schmidt

In der Analyse der 6. Ausgabe im Jahr 2021 der DFB Schiedsrichter-Zeitung beschäftigen sich die Autoren Alex Feuerherdt und Rainer Werthmann mit neun strittigen Handspielsituation aus den beiden Bundesligen. Wir fassen die Szenen hier für euch zusammen.

VfL Wolfsburg – VfL Bochum 1:0 (SR: Frank Willenborg)

Nach einem Eckball der Wolfsburger war der Ball zweimal verlängert worden und gelang schließlich zum Bochumer Tesche, der den Ball mit dem Arm an den Pfosten lenkte. Von dort aus prallte der Ball zu Lacroix, der über das gegnerische Tor schoss. Schiedsrichter Willenborg sah das Handspiel zunächst nicht, bekam aber noch vor der Ausführung des Abstoßes ein Signal vom VAR Sören Storks. Dieser bat Willenborg zum On-Field-Review an den Monitor. Der Grund: Tesche wehrte den Ball mit weit abgespreiztem Arm ab. Somit liegt eine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche und damit auch ein strafbares Handspiel vor. Nach dem Betrachten der Videobilder war auch für Willenborg klar, hier ist ein Strafstoß zu verhängen und Tesche wegen der Verhinderung eines Tores durch ein strafbares Handspiel des Feldes zu verweisen. [TV-Bilder]

RB Leipzig – FC Bayern München 1:4 (SR: Deniz Atekin)

Szene 1: 

Im Topspiel Leipzig gegen Bayern gab es am Anfang der Partie direkt zwei interessante Handspielszenen. Als erstes betrachten die Autoren die Szene in der 2. Minute, als der Leipziger Szoboszlai in den Strafraum flanken wollte. Sein Schuss wurde allerdings schon recht früh knapp im Strafraum von Müller abgewehrt. Hinter dem Rücken bekam er den Ball an seinen Arm. Schiedsrichter Deniz Aytekin ließ jedoch weiterspielen. Müllers Körperhaltung war insgesamt zwar etwas seltsam in dieser Situation, dennoch zog er den Arm hinter dem Rücken weg und dieser stand insgesamt nicht unter Spannung. Somit ist eher von keiner Absicht anzugehen und weiterspielen hier laut den Autoren die richtige Entscheidung.

Szene 2:

Kurz darauf kam es auf der anderen Seite zu einem Handspiel im Strafraum, als Kampl im Zweikampf mit Goretzka den Ball an den Arm bekam. Auch hier ließ Schiedsrichter Deniz Aytekin zunächst weiterspielen, wurde dann aber von seinem VAR an den Bildschirm gebeten. Denn hier geht der Oberarm eben nicht weg vom Ball, sondern eindeutig in dessen Richtung. Eine natürliche Handhaltung war dies in der Situation eben nicht und so war die einzige richtige Entscheidung Strafstoß, die Aytekin am Monitor schließlich auch traf. [TV-Bilder]

SV Werder Bremen – FC Hansa Rostock 3:0 (SR: Daniel Siebert)

Nach einer Flanke von der rechten Seite kämpfen Schmid (Bremen) und Riedel (Rostock) am Fünfmeterraum um den Ball. Der Bremer Angreifer erreicht den Ball zuerst und spielte den Ball mit den Kopf. Sein Abschluss wird jedoch sofort vom Arm des Rostockers Riedel ins Toraus geblockt. Schiedsrichter Daniel Siebert entschied zunächst auf Eckball, wurde im Anschluss jedoch von seinem VAR in die Review Area gebeten. Auch hier lag wieder eine absolut unnatürliche Handhaltung vor, durch die die Körperfläche vergrößert wurde. Die ganze Szene kam insgesamt nicht unerwartet, sodass die Distanz hier laut den Autoren kein Kriterium darstellt. Nach dem Gang zum Monitor entschied Siebert korrekt auf Strafstoß und Gelb für Riedel, da ein Torschuss geblockt wurde. [TV-Bilder]

SV Darmstadt 98 – Hannover 96 4:0 (SR: Max Burda)

In dieser Szene kam es nach einem Eckball von Hannover 96 zu einem Handspiel vom Darmstädter Verteidiger Tietz im Gedränge vor dem Tor. Dieser bekam den Ball umringt von einem eigenen und einem Gegenspieler an den linken Ellbogen. Auch hier ließ der Schiedsrichter auf dem Platz zunächst weiterspielen entschied nach VAR-Review aber auf Strafstoß. Die Autoren begründen diese Entscheidung mit einer „regeltechnischen Absicht“, die eindeutig vorliegt, das Tietz mit dem Arm deutlich zum Ball geht. Mit dem Kopf konnte der Spieler den Ball gar nicht mehr erreichen. Hier ist konkret keine Verwarnung zu vergeben, da keine Verhinderung eines Torschusses vorlag. [TV-Bilder]

FC Hansa Rostock – SV Darmstadt 98 2:1 (SR: Dr. Robert Kampka)

In einer weiteren Situation aus der 2. Bundesliga geht es um ein Handspieler im Darmstädter Strafraum. Der Gäste-Verteidiger Luca Pfeifer wollte eine Flanke der Hannoveraner per Kopf aus dem eigenen Strafraum klären, sein Kopfball landete aber schließlich an beiden Armen des eigenen Spielers Gjasula. Schiedsrichter Dr. Robert Kampka lag laut den Autoren absolut richtig mit Weiterspielen auf dem Platz. Denn beide Arme von Gjasula sind am Körper angelegt bzw. in natürlicher Position. Hier handle es sich laut Alex Feuerherdt und Rainer Werthmann um ein „offensichtlich unabsichtliches Handspiel“, welches wir zwingend weiterlaufen lassen sollten. [TV-Bilder]

1. FC Köln – VfL Bochum 2:1 (SR: Benjamin Cortus)

Hier kommen wir zum ersten Mal zu einem Offensivhandspiel. Zunächst wird der Kölner Andersson gelegt, der Schiedsrichter wendete hier aber die Vorteilsbestimmung an, da sein Mitspieler Ljubicic an den Ball kommt an einem Bochumer Verteidiger vorbeiging und ins Tor abschließen konnte. Schiedsrichter Cortus gab den Treffer zunächst, doch dann meldete sich der VAR. Denn der Torschütze hatte den Ball vor der Torerzielung mit der Hand gespielt. Keineswegs absichtlich und sehr schwer zu sehen, doch dies spielt hier keine Rolle, da es sich um ein Offensivhandspiel handelte. Hier ist nur die Unmittelbarkeit zum Tor zu bewerten und die lag zweifelsfrei vor, da nach dem Handspiel von Ljubicic kein weiterer eigener Spieler vor dem Torabschluss mehr am Ball war. Das Tor ist somit abzuerkennen. [TV-Bilder]

VfB Stuttgart – SC Freiburg 2:3 (SR: Frank Willenborg)

Auch die nächste Szene handelt von einem möglichen Offensivhandspiel. Der Stuttgarter Mavropanos bekam den Ball vor der Strafraumgrenze unabsichtlich an den Arm. Danach spielte er mit einem Mitspieler noch einen Doppelpass, bevor er zum 2:3 für den VfB abschloss. Frank Willenborg gab den Treffer. Die richtige Entscheidung, denn hier lag weder ein an sich strafbares Handspiel noch ein Offensivhandspiel vor. Ersteres ist aufgrund der fehlenden Absicht auszuschließen, Zweiteres lag nicht vor, da durch den Doppelpass keine Unmittelbarkeit mehr vorliegt. [TV-Bilder]

VfL Bochum – VfB Stuttgart 0:0 (SR: Christian Dingert)

In der letzten Szene der Analyse geht es ebenfalls um ein Offensivhandspiel. Wieder ist es der Stuttgarter Mavropanos, der in ein Handspiel vor einem Tor verstrickt ist. Dieses Mal kam der Ball nach einem Freistoß zum Stuttgarter Spieler, der den Ball mit dem Arm annahm und danach direkt ein Tor erzielte, ohne das noch ein eigener Spieler vorher am Ball gewesen wäre. Somit lag sowohl ein absichtliches Handspiel, als auch ein strafbares Offensivhandspiel (aufgrund der Unmittelbarkeit zum Tor) vor. [TV-Bilder]

Fazit: Nach den umständlichen Formulierungen im Regeltext der Vergangenheit kommt es nun wieder voll auf die Absicht und eine mögliche unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche an. Für diese beiden Punkte ist die korrekte Wahrnehmung auf dem Feld essentiell. Nur so kann die Bewertung von Absicht anhand von gewissen Kriterien funktionieren. Beim Offensivhandspiel ist für uns Schiedsrichter nur noch die Unmittelbarkeit zu bewerten, sollten wir einen Kontakt eines Angreifers vor einem Tor erkennen.

Schiedsrichter-Zeitung 6/2021 ist online

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