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90 Minuten, 22 Regel-Experten – und einer hat die Pfeife.

Einer muss es ja pfeifen

Sie stehen 90 Minuten lang im Mittelpunkt, obwohl sie genau das eigentlich vermeiden wollen. Schiedsrichter gehören zum Fußball wie Ball, Tor und Abseitslinie. Trotzdem wird kaum jemand auf dem Platz so selbstverständlich kritisiert. Zeit für eine kleine Liebeserklärung an die Menschen mit der Pfeife. Ein Kommentar: Aus Liebe zu den Schiedsrichtern ⚽️🫶

Aus Liebe zu den Schiedsrichtern

Es gibt im Amateurfußball Menschen mit einer ganz besonderen Fähigkeit: Sie schaffen es, innerhalb von 90 Minuten von ungefähr 22 Leuten gleichzeitig erklärt zu bekommen, dass sie keine Ahnung von Fußball haben.

Schiedsrichter.

Und bevor jetzt jemand denkt, hier kommt die große Lobhudelei: Nein. Auch ich habe schon mit Schiedsrichtern diskutiert. Entscheidungen nicht verstanden. Und selbstverständlich habe auch ich von der Bank oder Tribüne aus schon ganz genau gesehen, dass das ein strafbares Handspiel war.

Aus 50 Metern Entfernung. Mit drei Leuten vor mir.

Aber ich habe es gesehen. Der Schiedsrichter leider nicht.

Das ist Amateurfußball. Wir diskutieren über Fouls, Handspiel, Stürmerfoul, taktische Fouls und aussichtsreiche Angriffe. Auf der einen Bank wird gemeckert, auf der anderen natürlich nicht. Von der Tribüne kommt noch einer dazu, der seit 1987 Fußball schaut und deshalb sowieso jede Regel besser kennt.

Und mittendrin steht einer mit einer Pfeife.

Er kommt am Wochenende zum Sportplatz, zieht sein Trikot an und übernimmt eine Aufgabe, bei der praktisch jede Entscheidung kommentiert wird. Gleichzeitig erwarten wir von ihm natürlich absolute Fehlerfreiheit.

Der Kreisliga-Schiedsrichter soll bitte Bundesliga-Niveau haben.

Während wir selbst gerade den dritten freien Ball hintereinander neben das Tor setzen.

Der Linksaußen verschläft zweimal die Abseitsfalle. Der Sechser spielt den Ball ins Seitenaus. Der Torwart bekommt einen Ball durch die Beine. Alles kein Problem.

Amateurfußball eben.

Aber wehe, der Schiedsrichter übersieht ein Handspiel.

Dann wird analysiert. Diskutiert. Rekonstruiert. Und nicht selten beleidigt.

Natürlich gehören Emotionen zum Fußball. Ohne Emotionen wäre Fußball auch irgendwie langweilig. Und natürlich darf man sich über eine Entscheidung ärgern.

Aber vielleicht sollten wir uns zwischendurch eine andere Frage stellen:

Warum macht das eigentlich jemand freiwillig?

Warum steht jemand am Wochenende früh auf, fährt kilometerweit zu irgendeinem Sportplatz und lässt sich dort von Spielern, Trainern und Zuschauern erklären, was er alles falsch macht?

Im schlimmsten Fall wird er beleidigt, bedroht, bespuckt oder sogar angegriffen.

Für ein Spiel, das am Montagmorgen für die meisten von uns schon wieder ziemlich weit weg ist.

Denn auch Schiedsrichter gehen montags wieder arbeiten. Der eine sitzt im Büro, der nächste steht auf der Baustelle, ein anderer geht zur Schule oder Universität.

Ganz normale Menschen.

Nur dass sie am Wochenende eine Pfeife in die Hand nehmen und sich einer Aufgabe stellen, über die erstaunlich viele eine Meinung haben – aber immer weniger Menschen bereit sind, sie zu übernehmen.

Schiedsrichternachwuchs wächst schließlich nicht auf einem Baum hinter der Sporthalle.

Wir brauchen junge Menschen, die sich diese Aufgabe zutrauen. Menschen, die ihren ersten Lehrgang machen, ihr erstes Jugendspiel pfeifen und irgendwann vielleicht vor 100 Zuschauern auf dem Platz stehen.

Und wir brauchen genauso diejenigen, die seit Jahren Wochenende für Wochenende unterwegs sind.

Gerade bei jungen Schiedsrichtern sollten wir uns deshalb manchmal daran erinnern, wie wir selbst mit 12, 13 oder 14 Jahren auf dem Fußballplatz unterwegs waren.

Ich jedenfalls war damals nicht dafür bekannt, 90 Minuten lang ausschließlich perfekte Entscheidungen zu treffen.

Bin ich heute übrigens auch nicht.

Deshalb geht es hier nicht darum, dass man nie wieder über Schiedsrichter meckern darf. Das wäre unrealistisch.

Spätestens am zweiten Spieltag hätte ich mich selbst nicht mehr daran gehalten.

Aber vielleicht sollten wir uns bewusst machen, dass auf dem Platz kein Schiedsrichter-Roboter steht.

Sondern ein Mensch.

Ein Mensch, der Fehler macht. Genau wie wir.

Mit einem kleinen Unterschied: Wenn wir einen Fehler machen, hoffen wir, dass ihn niemand gesehen hat.

Wenn der Schiedsrichter einen macht, haben ihn selbstverständlich alle gesehen.

Vor allem die Zuschauer.

Und wahrscheinlich weiß der Schiedsrichter selbst ziemlich genau, dass er gerade einen Fehler gemacht hat. Er braucht dafür nicht unbedingt noch 14 verschiedene Erklärungen von außen.

Deshalb an dieser Stelle einfach mal:

Danke.

Danke an alle Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, die sich Wochenende für Wochenende die Pfeife umhängen.

Danke an diejenigen, die Samstagmorgen um neun Uhr Jugendspiele leiten. An diejenigen, die nachmittags gleich noch ein zweites Spiel übernehmen. An die jungen Schiris, die gerade anfangen. Und an die alten Hasen, die vermutlich jede Diskussion, jede Ausrede und jeden Spruch schon einmal gehört haben.

Wir werden auch in Zukunft nicht jede eurer Entscheidungen verstehen.

Ihr wahrscheinlich auch nicht jede unserer Aktionen.

Das ist vermutlich ganz fair.

Und wenn ich beim nächsten Spiel wieder überzeugt bin, dass das niemals Hand war, werde ich mich hoffentlich an diese Kolumne erinnern.

Zumindest für fünf Sekunden.

Danach bin ich schließlich auch nur wieder Fußballfan.

Vielleicht gehe ich nach dem Spiel sogar mit einem Bier in die Kabine und frage den Schiedsrichter, warum er diese eine Szene so entschieden hat.

Nicht, um weiter zu diskutieren.

Sondern um seine Sicht zu verstehen.

Denn darum geht es am Ende.

Nicht darum, immer einer Meinung zu sein.

Sondern darum, wie wir miteinander umgehen.

Wir sind 90 Minuten lang davon überzeugt, dass wir die Regeln besser kennen als der Schiedsrichter. Das gehört vielleicht ein Stück weit zum Fußball.

Aber wenn aus dem Ärger über eine Entscheidung Respektlosigkeit gegenüber einem Menschen wird, ist eine Grenze überschritten.

Also denkt beim nächsten Spiel vielleicht kurz daran:

Der Schiedsrichter hat gerade möglicherweise einen Fehler gemacht.

Wir haben aber auch schon drei Elfmeter verschossen.

In diesem Sinne: Bleibt sportlich. Bleibt fair. Und bleibt dem Fußball treu.

Respekt an alle mit der Pfeife.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Hugo

    Toller Beitrag!

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