Mit 81 Jahren steht Günther Betin noch immer auf dem Fußballplatz. Seit 66 Jahren ist er Schiedsrichter. Was nach einer außergewöhnlichen Zahl klingt, erzählt bei genauerem Hinsehen vor allem eine Geschichte über Leidenschaft, Verantwortung und die Frage, wann man eigentlich aufhört.
Es gibt Menschen, die irgendwann sagen: Jetzt ist Schluss.
Die Fußballschuhe kommen in den Schrank, die Trillerpfeife verschwindet in einer Schublade, und aus dem aktiven Vereinsleben wird langsam Erinnerung.
Und dann gibt es Günther Betin.
81 Jahre alt. Seit 66 Jahren Schiedsrichter. Noch immer auf dem Fußballplatz.
Während andere in diesem Alter längst nicht mehr daran denken, an einem Wochenende ein Fußballspiel zu leiten, gehört für Betin der Weg zum Platz offenbar weiterhin zum Leben. Nicht als nostalgischer Rückblick auf vergangene Zeiten, sondern als etwas, das ganz selbstverständlich zum Hier und Jetzt gehört.
Das allein wäre schon eine bemerkenswerte Geschichte. Doch eigentlich beginnt die interessante Frage erst danach: Warum macht ein Mensch das so lange?
Es geht vermutlich nicht nur um Fußball. Es geht um das Gefühl, gebraucht zu werden. Um Begegnungen. Um die Atmosphäre auf dem Sportplatz. Um die besondere Rolle des Schiedsrichters, der für 90 Minuten Verantwortung übernimmt und Entscheidungen treffen muss – manchmal unter dem Protest von Spielern, Trainern oder Zuschauern.
Und vielleicht geht es auch um etwas, das im modernen Fußball immer seltener geworden ist: um das Ehrenamt als selbstverständlichen Bestandteil des eigenen Lebens.
66 Jahre als Schiedsrichter bedeuten schließlich mehr als sechs Jahrzehnte mit Pfeife und Karten. Betin hat Generationen von Fußballern kommen und gehen sehen. Spieler, die als Kinder auf dem Platz standen, wurden Väter und Großväter. Vereine haben sich verändert, Regeln wurden angepasst, der Fußball wurde schneller und professioneller.
Der Amateurfußball aber braucht nach wie vor Menschen, die am Wochenende ihre Zeit investieren.
Menschen, die nicht wegen großer Schlagzeilen auf dem Platz stehen. Menschen, die keine Millionen verdienen und keine Kameras erwarten. Menschen, ohne die der Spielbetrieb schlicht nicht funktionieren würde.
In dieser Hinsicht ist Günther Betin nicht nur eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Ehrenamtlichen.
Und genau deshalb erzählt seine Geschichte auch etwas über die Zukunft des Fußballs.
Denn während Vereine vielerorts Nachwuchsprobleme haben und es immer schwieriger wird, Menschen für ein dauerhaftes Ehrenamt zu gewinnen, zeigt Betin, wie stark eine solche Aufgabe mit dem eigenen Leben verbunden sein kann. Wer jahrzehntelang Verantwortung übernimmt, ist irgendwann nicht mehr einfach nur Schiedsrichter. Er wird Teil der Geschichte eines Vereins, eines Verbandes und einer Fußballregion.
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Botschaft seiner Geschichte: Alter muss nicht automatisch bedeuten, dass jemand nicht mehr dazugehört.
Natürlich wird irgendwann die Frage kommen, ob es körperlich noch geht. Ob die Konzentration reicht. Ob die Anforderungen des modernen Fußballs mit 81 Jahren noch zu bewältigen sind.
Aber vielleicht sollte die erste Frage eine andere sein:
Will er noch?
Wenn die Antwort darauf Ja lautet und die Voraussetzungen stimmen, warum sollte man einen Menschen allein wegen seines Alters vom Fußballplatz schicken?
Der Fußball spricht gern von Leidenschaft. Von Zusammenhalt. Von Gemeinschaft.
Günther Betin lebt diese Begriffe seit 66 Jahren.
Und vielleicht ist das Bemerkenswerteste an seiner Geschichte gar nicht, dass ein 81-Jähriger noch Fußballspiele pfeift.
Sondern dass er offenbar noch immer einen Grund hat, am nächsten Wochenende wieder hinzugehen.
Mit der Pfeife in der Hand.
Und mit der gleichen Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen wie vor mehr als sechs Jahrzehnten.
Zum Originalbeitrag: „Bremens ältester Schiri mit 81 Jahren auf dem Fußball-Platz“ – ARD Mediathek
