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Kopf zu tief: Eigengefährdung im Vordergrund

Borussia Dortmund ist durch einen Last-Minute-K.o. aus der Champions League ausgeschieden. Doch war der Elfmeter für Atalanta Bergamo in der Nachspielzeit berechtigt? Für mich nicht.

Beim Stand von 3:1 für Bergamo sah es schon nach Verlängerung aus, der BVB hatte das erste Aufeinandertreffen mit 2:0 gewonnen.

Nach einem Fehlpass von Torwart Gregor Kobel kamen die Italiener in der Nachspielzeit dann aber doch noch einmal gefährlich vor das Dortmunder Tor. Nach einer halbhohen Flanke von der linken Seite setzte BVB-Verteidiger Ramy Bensebaini zur Klärungsaktion an. Der 30-Jährige spielte den Ball, traf seinen Gegenspieler Nikola Krstovic allerdings ebenfalls im Gesicht, der Atalanta-Angreifer blutete.

Schiedsrichter José María Sánchez Martínez ließ zunächst laufen, entschied nach Ansicht der Bilder dann jedoch auf Elfmeter. Lazar Samardzic verwandelte eiskalt. Atalanta bejubelte den Einzug in das Achtelfinale, für den BVB ist die Königsklassen-Saison hingegen beendet.

Der Kopf ist zu tief

Die Elfmeterentscheidung war daher für mich nicht korrekt. Für mich ist das eine normale Abwehraktion. Bei sogenannter Eigengefährdung sollen die Spieler nicht mit dem Kopf zu tief in Aktionen gehen, wo naturgemäß Fußball gespielt wird.

Es liegt eine Form von Eigengefährdung vor, wenn der Spieler seinen Kopf selbst unnötig tief in eine Aktion bringt, in der naturgemäß mit den Füßen gespielt wird. Der gegnerische Spieler kann in so einer Situation nicht damit rechnen, dass jemand seinen Kopf so tief hält → keine strafbare Aktion des Gegners (kein klares Foul / gefährliches Spiel). Stattdessen hätte der Schiedsrichter hier nicht auf Elfmeter entscheiden dürfen.

Der Begriff „Eigengefährdung“ ist im Regelwerk der IFAB/DFB nicht wörtlich als eigenständige Kategorie verankert, wird aber in der Schiedsrichter-Auslegung und -Diskussion seit Jahren genau in solchen Kopf-Fuß-Szenen verwendet: Wenn ein Spieler seinen Kopf bewusst oder fahrlässig sehr tief in einen normalen Fußballzweikampf bringt, kann das den Gegner entlasten – auch wenn der Fuß hoch kommt. Es wird dann oft nicht als Foul des „oberen“ Spielers gewertet, sondern als selbstverschuldetes Risiko (ähnlich „gefährliches Spiel“ des tiefen Kopfes, indirekter Freistoß möglich). [Highights]

Dieser Beitrag hat 9 Kommentare

  1. Thomas Bierl

    Dem schließe ich mich voll und ganz an. Ich habe diese Szene sogar sofort, im Verlauf der realen Geschwindigkeit, so gesehen. Und wieder greift der VAR ein, keine klare Fehlentscheidung. IdF für Dortmund ist für mich die richtige Spielfortsetzung. Und dazu wieder einmal selbstverschulden durch den SR. Die angezeigte Nachspielzeit von humanen 3 Minuten war wieder um 0:47 überschritten und der Ball ist ungefährdet im Mittelfeld. Besser kann man nicht abpfeifen. Ich verstehe diese Leute nicht (mehr).

  2. Karsten Dähn

    Tut mir leid, aber mit dieser Meinung stimme ich überhaupt nicht überein. Aus Sicht des Spielers von Bergamo muss ich wohl eher nicht damit rechnen, daß sich ein Fuß meines Gegenspielers in Höhe meines Oberkörpers befindet, sondern davon ausgehen, daß ich ihn gefahrlos mit dem Kopf spielen kann. Dazu kommt ja noch, daß Bensebaini dem Spieler den Rücken zukehrte, so daß ich als Gegenspieler noch weniger damit rechne, daß er seinen Fuß überhaupt in diese Position bringen kann außer durch die vollführte, doch recht artistische Einlage.
    Dazu einfach mal das Zitat aus Regel 12. Dort wird übrigens auch eindeutig die Möglichkeit einer strafbaren Eigengefährdung erwähnt, auch wenn das Wort nicht explizit erwähnt wird:
    „Als gefährliches Spiel gilt beim Versuch, den Ball zu spielen, jede Aktion, durch die jemand verletzt werden könnte (einschließlich des Spielers, der die Aktion begeht) und die einen in der Nähe befindlichen Gegner am Spielen des Balls hindert, weil er eine Verletzung befürchtet.“

    1. Dieter Albrecht

      Das wurde vor Jahrzehnten schon in der Schiedsrichterausbildung gelehrt. Grundsätzlich ist es ein gefährliches Spiel des Abwehrspielers, also indirekter Freistoß. Liegt – wie hier – aber ein Treffer vor, ist es als Foulspiel mit einem direkten Freistoß, also Strafstoß zu ahnden. Herr Dähn hat regelkonform alles ausführlich und richtig geschildert.

  3. Thomas B.

    Herr Albrecht: alles korrekt, natürlich wird aus dem idF ein dF, wenn es ein Trefferbild gibt. Das ist klar und unstrittig. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Angreifer viel zu weit unten mit dem Kopf den Ball spielen will und sich somit selbst gefährdet und das billigend in Kauf nimmt. Ich akzeptiere die Ausführungen des Herrn Dähn, bleibe aber bei meiner Meinung. Früher nannte das man mal den Mut zu unpopulären Entscheidungen, heute wird die Schablone angelegt und per TV-Bild nachgemessen, ob der Kopf unterhalb der Hüfte ist (übrigens mal ordentlich kommentiert von Gräfe in der „Bild“). Und ich bleibe auch dabei, dass es keine klare Fehlentscheidung ist, somit der VAR nicht hätte eingreifen müssen. Nun ja. Wem es gefällt.

    1. Dieter Albrecht

      Es ist diskutabel und bleibt eine strittige Sache. Mich überzeugt die Meinung von Karsten Dähn, dass der Angreifer den Abwehrspieler im Rücken nicht erkennen konnte. Ich bleibe bei dem verhängten Strafstoß als richtige Entscheidung.

  4. Dennis Distelkamp

    Anders herum: der Abwehrspieler kann den Angreifer in seinem Rücken nicht erkennen. Angreifer stand HINTER Bensebaini

    1. Karsten Dähn

      Eigentlich meinte ich etwas anderes. Der Angreifer sah ja, daß der Dortmunder Abwehrspieler mit dem Rücken zu ihm stand. In einer solchen Situation würde ich als Angreifer ja nicht erwarten, daß er seinen Fuß in eine Position bringt, wo ich mich mit einem etwas tiefer angesetzten Kopfball selbst gefährde.
      Habe nebenbei gesagt die Szene mit meinem Sohn diskutiert, selbst Fußballer und BVB-Fan, und er sagte nur „Selten dämliche Aktion der Abwehrspielers“.

  5. Walter-Hendrik Otte

    Als BVB Fan verständlicher weise kein 11m

    für alle anderen ein klarer 11er
    Trifft Bensebaini den Atlanta Spieler dort im Bauch sagt auch keiner , kein 11meter,

    Klares Ding auch regeltechnisch
    VAR eingriff da der schiri es im Live Bild nicht gesehen hat das er am Kopf getroffen wurde , folgrich auch Regelkonform.
    Beim Live Bild dachte ich auch, es hätt ekein Fuss Kopf Treffer gegeben

  6. Thomas B.

    Wenn der Abwehrspieler ihn in den Bauch-Bereich trifft, kann der Kopf nicht zu tief sein. Das ist jetzt ein schwerer Konstruktionsfehler, Herr Otte. Darum geht es überhaupt nicht.
    P.S. Ich bin kein BVB-Fan.

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