Während im deutschen Amateurfußball Wochenende für Wochenende Spiele ohne Unparteiische stattfinden müssen, herrscht im Fußballkreis Altmark-Ost (Sachsen-Anhalt) Luxus pur: Hier gibt es mehr Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, als der Spielbetrieb benötigt. Das Geheimnis des Erfolgs liegt nicht in neuen Regeln, sondern in einer grundlegenden Kulturveränderung.
ALTMARK-OST. Wenn am Sonntagnachmittag in den Kreisklassen der Altmark der Ball rollt, ist der Schiedsrichter selten allein. Während andernorts selbst in höheren Ligen oft Assistenten an den Seitenlinien fehlen, laufen in Altmark-Ost fast durchweg ausgebildete Dreiergespanne auf – bis hinunter in die untersten Spielklassen. Was wie ein Märchen aus einer anderen Fußballwelt klingt, ist das Ergebnis eines vor zehn Jahren gestarteten, konsequenten Reformkurses.
Vom Notstand zum Überschuss
Noch im Jahr 2016 war die Lage im Nordosten Sachsen-Anhalts kritisch. Der Mangel an Schiedsrichtern bedrohte den geordneten Spielbetrieb – ein Schicksal, das Altmark-Ost mit den meisten Regionen Deutschlands teilte. Doch statt kurzfristiger Werbekampagnen entschieden sich der Kreisvorsitzende Michael Müller und Schiedsrichter-Obmann Karsten Fettback für einen tiefgreifenden Dialog mit den Vereinen.
„Wir haben uns gefragt, wo die Probleme wirklich liegen und warum es so schwer ist, Menschen für dieses Amt zu begeistern“, erinnert sich Müller. Das Ergebnis der Gespräche war eindeutig: Es fehlte an Anerkennung, Betreuung und Gemeinschaftsgefühl.
Die Wende folgte prompt. Durch gezielte Kommunikation, regelmäßige Stammtische, Fortbildungen mit anschließendem Grillen sowie eine gemeinsame Weihnachtsfeier entstand ein starkes WIR-Gefühl. „Unsere Philosophie lautet: Zufriedene Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sind die besten Werbeträger“, erklärt Obmann Karsten Fettback.
Die Zahlen geben dem Führungsteam recht: Werden laut Schiedsrichterordnung für die Region aktuell 92 Unparteiische benötigt, schickten die Vereine in der vergangenen Saison stolze 138 Aktive ins Rennen.
Schutzschild für die ersten 90 Minuten
Der Schlüssel zum nachhaltigen Erfolg liegt jedoch nicht nur im Anwerben, sondern vor allem im Halten der Neulinge. „Gerade die ersten Einsätze können prägend sein“, weiß Michael Müller. Um Anfänger vor Überforderung oder Frust durch Pöbeleien am Spielfeldrand zu schützen, führte der Kreis ein engmaschiges Patensystem ein. Erfahrene Schiedsrichter begleiten die Debütanten, stehen ihnen vor, während und nach dem Spiel zur Seite und vermitteln Sicherheit.
Dabei entstehen Synergien, die weit über das Regelwerk hinausgehen. „Wenn ein 52-Jähriger zwei 16-Jährige mit zum Spiel nimmt, geht es längst um mehr als um eine Autofahrt. Da lernen Generationen voneinander“, so Müller. Die Schiedsrichterei werde so zur „Schule fürs Leben“, in der Durchsetzungsvermögen, Entscheidungskraft und Zuverlässigkeit geschult werden.
Eine offene Tür für jedes Leben
Ein weiterer Baustein des Modells Altmark-Ost ist der verständnisvolle Umgang mit Pausen. Wer aus berufs-, familien- oder umzugsbedingten Gründen eine Auszeit braucht, wird nicht abgeschrieben. „Unsere Tür bleibt immer offen“, betont die Kreisführung.
Der Erfolg aus Sachsen-Anhalt zeigt eindrucksvoll: Der oft beklagte Schiedsrichtermangel im Amateursport ist kein unabwendbares Schicksal. Mit echter Wertschätzung, Verlässlichkeit und einem starken Gemeinschaftssinn lässt sich das Ruder herumreißen – ein Modell, das Schule machen könnte.
