Der 6. Spieltag der 2. Bundesliga ist aus Sicht der Schiedsrichter insgesamt positiv verlaufen. In vielen Partien gab es intensive Duelle und enge Situationen, größere Fehlentscheidungen blieben jedoch weitgehend aus. Besonders Timo Gansloweit, Jarno Wienefeld und Felix Wagner konnten mit ihren Leistungen überzeugen und schaffen es deshalb in unsere Top 3.
Gestrecktes Bein, „letzter Mann“, ein kaum sichtbares Handspiel und eine Gelb-Rote Karte, über die man diskutieren kann: Der 6. Spieltag der 2. Bundesliga hatte dennoch für die Schiedsrichter einiges zu bieten. Besonders Christian Dingert war in Dresden mehrfach gefordert und blieb seiner großzügigen Linie treu. In Bielefeld gab es einen Strafstoß, den man geben kann – aber nicht unbedingt geben muss. Und beim Fürther Ausgleich bewies VAR Katrin Rafalski echtes Adlerauge.
Platz 1 – Timo Gansloweit
Timo Gansloweit zeigte beim 0:1 zwischen dem Karlsruher SC und dem 1. FC Nürnberg eine sehr starke Leistung und steht damit auf Platz eins unserer Rangliste.
Der 30-Jährige aus Dortmund leitete die Partie vor mehr als 31.000 Zuschauern ruhig und souverän und ließ sich auch von der intensiven Atmosphäre im Wildpark nicht beeinflussen. Seine Linie war klar, seine Spielkontrolle überzeugend. Auch beim vermeintlichen Ausgleich des KSC lag das Schiedsrichterteam richtig: Aufgrund einer knappen Abseitsstellung in der Entstehung zählte der Treffer nicht. Insgesamt eine sehr überzeugende und unaufgeregte Vorstellung von Gansloweit, der in einem intensiven Spiel die wichtigen Entscheidungen richtig traf und sich damit verdient Platz eins unserer Rangliste sichert.
Platz 2 – Jarno Wienefeld
Jarno Wienefeld zeigte beim 1:0 zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Braunschweig eine gute und souveräne Leistung und belegt den zweiten Platz unserer Rangliste.
Der Hamburger Schiedsrichter leitete die Partie vor mehr als 44.000 Zuschauern ruhig und unaufgeregt. Gerade die intensive erste Halbzeit mit zahlreichen Zweikämpfen und einigen hitzigen Situationen hatte der 29-Jährige gut im Griff. Mit lediglich drei Gelben Karten kam Wienefeld dabei mit vergleichsweise wenig persönlicher Strafe aus. Seine Linie blieb dennoch klar und wurde von den Spielern weitgehend akzeptiert. Auch in der Schlussphase behielt Wienefeld die Übersicht und brachte die Partie sicher über die Bühne. Eine überzeugende Vorstellung und damit verdient Platz zwei.
Platz 3 – Felix Wagner
Felix Wagner zeigte beim 2:2 zwischen Arminia Bielefeld und dem 1. FC Heidenheim eine gute Leistung und komplettiert damit unsere Top 3. Der 25-Jährige aus Glött hatte in einer intensiven Partie mit zwei Strafstößen und zahlreichen Zweikämpfen eine anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen, löste diese insgesamt aber souverän.
Für Diskussionen sorgte im Vorfeld teilweise seine Ansetzung. Auf Social Media wurde auf die geografische Nähe seines Heimatortes Glött zu Heidenheim verwiesen. Entscheidend ist allerdings nicht die Entfernung in Kilometern: Wagner gehört dem Bayerischen Fußball-Verband an, der 1. FC Heidenheim dem Württembergischen Fußballverband. Die Ansetzung ist daher völlig unproblematisch – die entsprechende Kritik läuft ins Leere. Auch sportlich gab Wagner darauf die passende Antwort. In einem nicht immer einfachen Spiel behielt er die Kontrolle und traf bei den entscheidenden Szenen die richtigen Entscheidungen.
Eine gute Vorstellung des 25-Jährigen und verdient Platz drei in unserer Rangliste.
FC Energie Cottbus – FC St. Pauli 1:1 (SR: Michael Bacher)
Szene 1 – Konsequente Gelb-Rote Karte gegen Ando:
Zunächst sah Ando Mitte der ersten Hälfte nach einem Halten die Gelbe Karte. Nur zwei Minuten später griff der Hamburger nahezu an derselben Stelle erneut zum gleichen Mittel und hielt seinen Gegenspieler fest, um einen Angriff zu unterbinden. Michael Bacher blieb seiner Linie konsequent treu und zeigte Ando folgerichtig Gelb-Rot.
Da gibt es auch wenig Spielraum für Diskussionen: Wer nur zwei Minuten zuvor für ein nahezu identisches Vergehen verwarnt wurde und anschließend wieder so in den Zweikampf geht, darf sich über den Platzverweis nicht beschweren. Am Ende war es schlicht eigene Dummheit – und eine konsequente Entscheidung von Bacher. [TV-Bilder – ab 02:10 Minuten]
SG Dynamo Dresden – Hertha BSC (SR: Christian Dingert)
Szene 2 – Ball zwischen beiden Füßen eingeklemmt:
Die Szene sah in der normalen Geschwindigkeit zunächst durchaus heftig aus. In der entscheidenden Einstellung wird jedoch deutlich: Beide Spieler erreichen den Ball praktisch zeitgleich mit dem Fuß und klemmen ihn zwischen sich ein. Zwar geht der Dresdner mit gestrecktem Bein in den Zweikampf, einen klaren Treffer am Gegenspieler gibt es in diesem Moment aber nicht. Vielmehr gehen beide aktiv zum Ball und treffen anschließend aufeinander.
Dingert ließ weiterspielen – aus unserer Sicht die richtige Entscheidung. Ein gestrecktes Bein allein reicht nicht für ein Foulspiel. Entscheidend sind Trefferbild, Intensität und die konkrete Art des Einsteigens – und hier spricht vieles für einen normalen, wenn auch durchaus robusten Kampf um den Ball. Das ist sogar eine schöne Szene, um zu zeigen, warum ein einzelnes Standbild manchmal dramatischer aussieht als der tatsächliche Zweikampf. [TV-Bilder – 02:20 Minuten]
Szene 3 – Dingert bleibt seiner großzügigen Linie treu:
Kurz vor der Pause kam es zur nächsten strittigen Szene. Ein Berliner setzte von hinten nach und traf den Dresdner leicht an der Ferse. Dingert ließ erneut weiterspielen. Isoliert betrachtet hätte man den Kontakt durchaus mit einem Freistoß für Dresden ahnden können. Im Zusammenhang mit seiner zuvor großzügig gewählten Zweikampflinie ist das Weiterspielen aber nachvollziehbar und konsequent. Nachdem Dingert bereits die deutlich robustere Szene zuvor laufen ließ, wäre ein Pfiff bei diesem wesentlich leichteren Kontakt nur schwer zu vermitteln gewesen. [TV-Bilder – 02:25 Minuten]
Szene 4 – Gelb reicht trotz „letztem Mann“:
Wenige Minuten später war die Grenze von Dingerts großzügiger Linie erreicht. Dresden wollte schnell umschalten, doch der Berliner kam von der Seite und räumte seinen Gegenspieler deutlich ab. Dingert entschied auf Freistoß und zeigte Gelb – eine konsequente und richtige Entscheidung.
Dynamo forderte allerdings mehr und wollte einen Platzverweis sehen. Tatsächlich war der Berliner in dieser Situation der letzte Verteidiger. Das allein macht aus dem Foul aber noch keine Rote Karte. Entscheidend ist, ob eine offensichtliche Torchance verhindert wird. Der Dresdner hatte sich den Ball deutlich vorgelegt und bewegte sich zudem nicht unmittelbar in Richtung Tor. Eine klare Abschlussmöglichkeit lag deshalb noch nicht vor.
Gelb statt Rot war damit die richtige Entscheidung. Dingert zeigte zugleich, wo für ihn nach den zuvor großzügig bewerteten Zweikämpfen die Grenze lag. [TV-Bilder – 02:34 Minuten]
Szene 5 – VAR nimmt Berliner Treffer nach Handspiel zurück:
Nach einem Kopfball landete der Ball im Dresdner Tor, doch anschließend meldete sich der VAR. In der Überprüfung zeigte sich, dass der Berliner Torschütze den Ball unmittelbar vor seinem Treffer noch mit dem linken Arm berührt hatte. Die Szene war selbst in den Wiederholungen nicht ganz einfach aufzulösen. Wenn man sich aber die Szene ganz genau anschaut und im entscheidenden Moment anhält, ist zu erkennen, dass der linke Arm den Ball berührt. Die Entscheidung ist korrekt.
Da der Torschütze selbst den Ball unmittelbar vor seinem Treffer mit dem Arm berührte, durfte das Tor nicht zählen – unabhängig davon, ob eine Absicht vorlag. Ein guter und wichtiger VAR-Eingriff bei einer Szene, die für Dingert auf dem Platz nicht wahrzunehmen war. Hier korrigiert der VAR keinen schlechten Pfiff Dingerts, sondern löst eine für das Schiedsrichterteam in Echtzeit kaum erkennbare Situation auf. [TV-Bilder – 05:15 Minuten]
DSC Arminia Bielefeld – 1. FC Heidenheim 2:2 (SR: Felix Wagner)
Szene 6 – Strafstoß vertretbar, aber vom Angreifer gesucht:
Bauer rutschte mit seiner Grätsche zunächst an Zivzivadze vorbei, traf den Angreifer anschließend aber noch am Standbein. Wagner zeigte sofort auf den Punkt. In Realgeschwindigkeit sieht das nach einem ziemlich eindeutigen Strafstoß aus – bei genauerem Hinsehen wird die Szene allerdings deutlich kniffliger.
Bauer grätscht mit Abstand am eigentlichen Laufweg des Angreifers vorbei. Zivzivadze stellt seinen Fuß anschließend deutlich in Richtung des bereits am Boden befindlichen Gegenspielers und nimmt den Kontakt zumindest dankend an. Wirklich über Bauer stolpert er dabei nicht. Für uns ist der Kontakt deshalb zumindest zu einem erheblichen Teil vom Angreifer gesucht.
Trotzdem bleibt der Strafstoß vertretbar. Bauer geht mit seiner Grätsche ins Risiko und am Ende gibt es den Kontakt am Bein des Angreifers. Für einen VAR-Eingriff reicht das keinesfalls. Weiterspielen wäre für uns allerdings mindestens genauso gut – wenn nicht sogar die überzeugendere Entscheidung. [TV-Bilder – ab 02:35 Minuten]
Szene 7 – Kein Foul vor dem 2:2:
Vor dem Bielefelder Treffer zum 2:2 wurde überprüft, ob in der Entstehung ein Foulspiel vorgelegen hatte. In den Wiederholungen war zu erkennen, dass der Bielefelder beim Antritt mit seinem nach hinten schwingenden Arm den hinter ihm befindlichen Heidenheimer leicht mit der Hand im Gesicht traf.
Für uns reicht das nicht für ein Foulspiel. Die Armbewegung gehört hier zum natürlichen Bewegungsablauf beim Beschleunigen. Der Bielefelder holt weder gezielt gegen seinen Gegenspieler aus noch setzt er den Ellenbogen ein. Vielmehr befindet sich der Heidenheimer hinter ihm und bekommt den zurückschwingenden Arm unglücklich ab. Ein fahrlässiger oder gar rücksichtsloser Armeinsatz ist für uns nicht erkennbar.
Der VAR überprüfte die Entstehung des Tores, sah aber richtigerweise keinen Grund für einen Eingriff. Das 2:2 konnte zählen. [TVhttps://www.sportschau.de/fussball/bundesliga2/intensive-punkteteilung-auf-der-bielefelder-alm,video-zweite-bundesliga-arminia-bielefeld-1-fc-heidenheim-zusammenfassung-100.html-Bilder – ab 05:40 Minuten]
1.FC Kaiserslautern – Eintracht Braunschweig 1:0 (SR: Jarno Wienefeld)
Szene 8: – Kein Stürmerfoul vor dem 1:0:
Beim Lauterer Führungstreffer stellte sich die Frage, ob unmittelbar zuvor ein offensives Foulspiel vorgelegen hatte. Zwei Braunschweiger nahmen den Lauterer im Zweikampf zwar regelrecht in die Zange, einen klaren Stoß oder sonstigen regelwidrigen Einsatz konnten die Bilder jedoch nicht belegen.
Natürlich gibt es Körperkontakt, der Lauterer behauptet sich dabei aber zwischen seinen beiden Gegenspielern. Das reicht für uns nicht aus, um den Treffer wegen eines Stürmerfouls zurückzunehmen. Wienefeld ließ das Tor zählen – aus unserer Sicht die richtige Entscheidung.
Gerade beim VAR gilt hier: Für die Rücknahme eines Tores muss ein klares Foulspiel erkennbar sein. Das war in dieser Szene nicht der Fall. [TV-Bilder – ab 02:40 Minuten]
Holstein Kiel – VfL Osnabrück 1:1 (SR: Tom Bauer)
Szene 9: – Klarer Strafstoß für Kiel:
Balzi schickte de Regt in den Strafraum, der an Krumrey vorbeiging und anschließend nahe des rechten Fünferecks vom Osnabrücker Keeper zu Fall gebracht wurde. Tom Bauer zeigte sofort auf den Punkt – die richtige Entscheidung.
Krumrey kommt gegen de Regt zu spät, erreicht den Ball nicht mehr und holt den Kieler stattdessen von den Beinen. Ein klares Foulspiel und damit ein ebenso klarer Strafstoß. Hier gab es für Bauer wenig zu überlegen. [TV-Bilder – ab 01:40 Minuten]
Szene 10: – Harte Gelb-Rote Karte gegen Zec:
David Zec griff gegen Meißner ans Trikot und wurde von Tom Bauer verwarnt. Da der Kieler bereits Gelb gesehen hatte, bedeutete das gleichzeitig den Platzverweis. Eine regeltechnisch mögliche, in der Summe aber harte Gelb-Rote Karte.
Das Halten ist zwar erkennbar, allerdings unterbindet Zec damit keinen aussichtsreichen Angriff. Auch die Intensität des Vergehens ist aus unserer Sicht nicht derart hoch, dass hier zwingend eine Verwarnung folgen musste. Ein Freistoß und eine deutliche Ansprache hätten es aus unserer Sicht ebenfalls getan.
Problematischer war dabei Bauers Linie insgesamt. Mit seinem Mix aus teilweise kleinlicher und dann wieder großzügiger Zweikampfbewertung sorgte er auf beiden Seiten immer wieder für Unverständnis. Die Gelb-Rote Karte gegen Zec passte deshalb nur bedingt zu seiner vorherigen Spielleitung. [TV-Bilder – ab 03:30 Minuten]
SpVgg Greuther Fürth – 1. FC Magdeburg 1:1 (SR: Cristian Ballweg)
Szene 11: – Rafalskis Adlerauge korrigiert auf Tor:
Der Ball zappelte zum Fürther Ausgleich im Netz – doch sofort ging die Fahne hoch. Und ganz ehrlich: Auch in Realgeschwindigkeit sah das zunächst ziemlich deutlich nach Abseits aus. Sillah schien einen Tick zu nah am gegnerischen Tor zu stehen, bevor er den Ball im Fallen an Reimann vorbei über die Linie bugsierte.
Doch Video-Assistentin Katrin Rafalski schaute ganz genau hin – und bewies dabei ein echtes Adlerauge. In der Überprüfung war tatsächlich zu erkennen, dass die linke Hacke von Tobias Müller die vermeintliche Abseitsstellung hauchdünn aufhob. Sillah stand damit regelkonform, die Entscheidung auf dem Platz wurde korrigiert und der Treffer zählte.
Ein sehr guter und wichtiger VAR-Eingriff bei einer Situation, die mit bloßem Auge kaum korrekt aufzulösen war. Genau für solche Szenen ist der Video-Assistent da. [TV-Bilder – ab 01:10 Minuten]
