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Schiedsrichter-Chef nach Eklat in Wutha-Farnroda: „Entwicklung ist dramatisch“

Eisenach. Verbale und körperliche Attacken gegen Schiedsrichter nehmen im KFA Westthüringen zu. Im exklusiven Interview spricht Schiri-Boss Martin Falk über Gewalt und mögliche Konsequenzen

Kaum ein Wochenende vergeht, an dem im KFA Westthüringen kein Fußballspiel abgebrochen wird. Eine besorgniserregende Tendenz, die am Sonntag bei der Kreisoberliga-Partie zwischen der SG Ruhla und dem FC Eisenach neue Nahrung erhielt. Hier wurde ein minderjähriger Schiedsrichter körperlich attackiert. Wir sprechen mit Schiedsrichterobmann Martin Falk (36) über die Lage der Dinge und mögliche Konsequenzen.

Herr Falk, lebt es sich als Schiedsrichter gefährlich?

Offensichtlich scheint das der Fall zu sein. Die Vorfälle der letzten Wochen und jetzt das Ereignis in Wutha-Farnroda sind dabei nur die traurige Spitze des Eisbergs. Man muss sich das mal vorstellen. Ein minderjähriger
Assistent wird von einem Erwachsenen geschlagen. Das ist eine deutliche
Grenzüberschreitung, die es nicht mehr zu tolerieren gilt. Erst der Spielabbruch in Finsterbergen, wo ein Fan den Schiedsrichter körperlich angreift, dann in Großfahner eine womöglich diskriminierende Aussage,
nun das – die Entwicklung ist dramatisch!

Im Laufe der Hinserie betonten Sie noch, dass die Entwicklung insgesamt positiv sei. Müssen Sie diese Meinung revidieren?

Wahrscheinlich. Ich hatte gedacht, dass wir auf einem besseren Weg sind, was das Verhältnis von Vereinen und Spielern mit den Unparteiischen angeht. Leider zeigt sich, dass meine Haltung zu positiv war und wir uns auf
einem schlechteren Weg befinden.

Was haben Sie bisher über den Abbruch in Wutha-Farnroda erJahren?

Da ich ja selbst als Schiedsrichter aktiv bin, hatte ich zum Tatzeitpunkt ein Spiel auf Landesebene gepfiffen. Aber noch in der Kabine gingen die ersten Nachrichten ein, da bin ich als Obmann sofort tätig geworden. Ich habe sowohl mit dem Schiedsrichter als auch den Assistenten gesprochen, zudem war ein Beobachter vor Ort. Von 17 bis 22 Uhr habe ich mit den Beteiligten telefoniert, man konnte sich ein deutliches Bild machen. Natürlich müssen wir erst die offiziellen Sonderberichte des Schiedsrichterteams abwarten, akuell zeigt sich allerdings eine Schwere des Vergehens, die erschütternd ist. Es kam zusätzlich zu einem Polizei- und Rettungsdiensteinsatz vor Ort.

Eisenachs Präsident Daniel Rudlo sprach unter anderem davon, dass die Tätlichkeit ohne die im Spiel gegebene Rote Karte vielleicht nicht
stattgefunden hätte. Wie sehr ärgert Sie diese Aussage?

Maßlos und ich bin ehrlich gesagt erschüttert, wie ein Präsident so etwas raushauen kann. Das ist mir ein Rätsel. Allein die Aussage, dass der Schiedsrichter das zur Roten Karte führende Foul nicht gesehen hätte, ist
falsch. Denn zum Schiedsrichter gehören auch die Assistenten. Dieser konnte den Tritt des Eisenacher Spielers klar wahrnehmen und war der Ansicht, dass es mit einer Roten Karte zu sanktionieren wäre. Er hat alles richtig gemacht. Die Reaktion des Spielers, den Assistenten mit der Faust in den Brustkorb zu schlagen, ist einStratatbestand. Deshalb ist es für mich unbegreiflich, wie man im Nachgang so eine Worgwahl finden kann. Erstens ist die Aussage faktisch falsch und außerdem eine Verharmlosung der Tat des Spielers. Dass er zudem mutmaßt, man hätte das Spiel auch weiterlaufen lassen können, zeigt mir, dass er keine Haltung zum Vorfall besitzt. Das ist doch irre. Andererseits wundert es mich auch nicht bei der Flut an Roten Karten, die der FC Eisenach erhält. Es ist ja nicht das erste Mal, dass dieser Verein unangenehm auffällt. Hier wird jetzt versucht, eine Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben. Die Aussagen des Vereinspräsidenten sind für mich realitätsfremd, frech und an Zynismus nicht zu überbieten. Sie sind neben der körperlichen Attacke des Spielers der nächste verbale Faustschlag ins Gesicht des jungen Schiedsrichters. Hier wird versucht, vom eigenen Fehlverhalten abzulenken und eigenes Unvermögen zu verguschen. Ich empfehle dem Sportfreund Rudloff dringend, vor der eigenen Haustür zu kehren.

In anderen Bundesländern kam es nach Vorfällen wie diesen zu Streiks der Schiedsrichter. Ist das auch hier denkbar?

Am Sonntagabend gab es bereits eine Dringlichkeitssitzung des Schiedsrichterausschusses. Wir haben darüber gesprochen, wie es weitergehen soll. Konsens der Sitzung ist, dass wir nicht erst das Sportgerichtsver\ahren abwarten. Das Maß ist voll. Welche Reaktionen folgen, werden wir nach dem Sonderbericht des Schiedsrichters am Dienstag auf einer Sitzung besprechen. Hier nehmen KFA-Präsident Thomas Philipsen, Spielausschuss-Chef Bertram Schreiber und ich teil.

Der Linienrichter ist noch minderjährig. Wird es durch Vorfälle wie diese immer schwerer, Leute zu finden?

Ja, die Tat macht es uns noch schwerer, junge Leute zu finden. Wenn ich Woche für Woche lese, dass es tätliche Angriffe gibt – warum soll ich mir als 14-Jähriger das antun, warum sollen Eltern ihre Kinder anmelden? Ich habe selbst eine Tochter und würde ihr nach solchen Vor]ällen davon abraten. Natürlich sind Vorfälle wie der am Sonntag die Tat eines Einzelnen.

99 Prozent aller Leute benehmen sich, das muss man entgegenstellen. Aber sie erregen eine negative Aufmerksamkeit und leisten einen Bärendienst für den gesamten Fußball.

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