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Schiedsrichter im Mittelpunkt: Auswertung strittiger Szenen – 35. Spieltag | 3. Liga

Der 35. Spieltag der 3. Liga endete und wir sahen insgesamt gute Spielleitungen. Vorallem Davina Lutz bei Aue – Wiesbaden und Nico Fuchs bei München gegen Ulm zeigte sehr gute bis gute Leistungen! Beim Spiel in Mannheim übersah Schiri Näther leider einen Handelfmeter und eine möglichen Platzverweis. Alles weitere in der ausführlichen Spieltagsanalyse:

Platz 🥇 – Davina Lutz:
Für die Schiedsrichterin des 35. Spieltags haben wir uns für Davina Lutz entschieden. Die Schweinfurterin begleitete am Samstag die Partie im Erzgebirge gegen Wehen Wiesbaden und zeigte eine sehr gute und souveräne Leistung. Der Platzverweis gegen Niklas May war korrekt, da er überhart und unkontrolliert in den Gegner eingestiegen war. Lutz hat hier ohne Zögern die Ampelkarte gezogen – eine konsequente und regelkonforme Entscheidung. Sie behielt das Spiel insgesamt ruhig und hat es flüssig gehaltem. Bei einer Handspiel-Szene als die Auer auf Handspiel vom am Boden liegenden Gillekens, entschied sie zurecht auf Ecke. Insgesamt eine starke Vorstellung der 31-jährigen Schiedsrichterin, die in dieser Saison schon einige gute Spiele abgeliefert hat. Der Platzverweis war der klare Höhepunkt, aber sie hat das gesamte Spiel gut im Griff gehabt.

Platz 🥈 – Nico Fuchs:
Auf den zweiten Platz haben wir Nico Fuchs der am Samstagnachmittag zur Partie nach München geschickt wurde, wo der TSV 1860 auf den SSV Ulm und hat dort auch eine gute und souveräne Leistung abgeliefert – und der Platzverweis gegen Niko Vukancic war absolut konsequent und regelkonform. Das Spiel war emotional und hatte in der Schlussphase viele hitzige Torszenen. Fuchs hat das Spiel flüssig gehalten, ohne unnötig zu unterbrechen. Die Gelbe Karte für Florian Niederlechner wegen provokanten Jubels Richtung Ulmer Fans (nach dem 3:1) war ebenfalls richtig und passt zur einheitlichen Linie, die wir schon bei anderen Schiris (z.B. Haslberger) gesehen haben.

Platz 🥉 – Leonidas Exuzidis:
Leo wurde am Sonntagmittag zur wichtigen Partie von Energie Cottbus bei der Viktoria aus Köln geschickt und zeigte dort eine starke und unauffällige Leistung. Er pfiff das Spiel ohne große Probleme und gab nur wenige gelbe Karten. Die Ansetzung war im Vorfeld etwas „brisant“ diskutiert worden, weil Exuzidis aus dem gleichen Verband wie Rot-Weiss Essen kommt (ein direkter Aufstiegskonkurrent von Cottbus). Trotzdem gab es keine nennenswerten Beschwerden von einer der beiden Seiten nach dem Spiel. Exuzidis hat das Spiel flüssig gehalten, war gut positioniert und hat keine unnötigen Diskussionen zugelassen. In einer Partie, in der Cottbus als klarer Favorit auftrat und relativ souverän gewann, war das genau die Art von unaufgeregter, guter Schiri-Leistung, die man sich wünscht.

Waldhof Mannheim – 1. FC Schweinfurt 2:2 (SR: Michael Näther)

Szene 1: Nach 15 Minuten der erste Aufreger. Langhans wollte den Handelfmeter! Der Ball prallte im Mannheimer Strafraum vom Körper des Schweinfurters an den ausgestreckten Arm von Abifade. Doch der Referee ließ weiterlaufen. Wenn man sich die Bilder anschaut, gibt es hier zwei Handspiele im Strafraum zur gleichen Zeit. Erst vom Abwehrspieler (Oberarm vom Körper abgestreckt) dann in der Folge Angreifer. Regeltechnisch: Bei zwei Vergehen von zwei Mannschaften zählt immer das chronologisch Erstere. Wobei, wenn er das nicht als strafbares Handspiel wertet, entscheidet er das Erste, was er wahrnimmt bzw. als strafbar wertet.Leider hat Michael Näther bei keinem Handspiel auf Freistoß bzw. Elfmeter entschieden. Das Handspiel des Schweinfurter Angreifers ist aber nicht strafbar, weil die Kriterien in Regel 12 nicht erfüllt sind.

  1. Der Spieler berührt den Ball absichtlich mit der Hand/dem Arm (z.B. aktive Bewegung der Hand zum Ball hin) und
  2. Der Spieler hat dadurch seinen Körper unnatürlich vergrößert. Unnatürlich bedeutet: Die Arm-Handposition ist nicht eine logische Folge der normalen Körperbewegung in dieser Spiels.

Beim zweiten Handspiel in unmittelbarer Absolge ist der Mannheimer Abifade mit dem vom Körper abgestreckten Arm am Ball, indem er diesen vorm Angreifer wegfischt. Daher wäre für mich die richtige Entscheidung der Handelfmeter für Schweinfurt wegen der unnatürlichen Armhaltung und des absichtlichen Spielens des Balls mit der Hand gewesen. [TV-Bilder – ab 01:15 Minuten]

Szene 2: Kurz vor der Pause der nächste Aufreger. Sechelmann spielte den Ball als letzter Mann mit der Hand, sodass alle Schweinfurter vehement die Rote Karte forderten. Doch der Schiedsrichter entschied aber nur die Gelbe Karte zu zeigen. Ich kann auch außerhalb des Strafraums durch Handspiel eine klare Torchance verhindern. Hier gab der Unparteiische aber nur Gelb, weil der Schiedsrichter seiner Meinung nach die Ballkontrolle bestand. [TV-Bilder – ab 01:32 Minuten]

Wichtiger Zusatzpunkt: Der Schiedsrichter hat offenbar bewertet, dass keine klare Torchance vorlag, weil der Ballkontrolle bestand (oder zumindest die Möglichkeit einer kontrollierten Ballannahme für die Schweinfurter nicht eindeutig gegeben war). Das ist ein häufiges Argument bei langen Bällen in die Tiefe: Wenn der Ball sehr hoch/springend ist, schwer zu kontrollieren oder der Angreifer ihn nicht sauber annehmen kann, stuft der Referee es manchmal „nur“ als Vereiteln eines aussichtsreichen Angriffs (nicht zwingend „offensichtliche Torchance“) ein → dann nur Gelb + Freistoß.Sechelmann war als letzter Mann positioniert, der Ball ging in die Tiefe – das spricht eigentlich stark für Rot. Aber in Echtzeit muss der Schiri blitzschnell entscheiden:

  • Wie hoch war der Ball wirklich?
  • Hätten die Schweinfurter ihn wirklich sauber kontrolliert und frei aufs Tor zugelaufen?
  • Oder war es eher ein „chaotischer“ langer Ball, bei dem die Torchance nicht 100 % offensichtlich war?

Rein regeltechnisch wäre die rote Karte möglich gewesen und auch für mich die bessere Entscheidung.

TSG Hoffenheim II – FC Ingolstadt 04 0:3 (SR: Felix Grund)

Szene 3: Kurz vor Schluss eine strittige Szene. Deniz Zeitler ging im Sechzehner zu Boden. Es gab einen Kontakt, in den Bildern sieht es aber so aus, als wurde zuerst vom Verteidiger der Ball getroffen und der Körperkontakt danach kam (also kein Foul, sondern ein normaler Zweikampf, bei dem der Angreifer einfach das Gleichgewicht verloren hat. Das ist in der 3. Liga ein sehr häufiger Streitpunkt: Viele Schiris pfeifen bei Kontakt im Strafraum schnell Elfmeter, besonders wenn der Angreifer spektakulär fällt. Andere warten, ob wirklich der Mann zuerst getroffen wurde oder ob es ein sauberer Balltreffer war. Laut Regel 12 ist ein Foul ein unvorsichtiges, rücksichtsloses oder übermäßig hartes Betreten des Gegners, wenn der Verteidiger zuerst den Ball sauber spielt und danach (unvermeidbar) den Gegner berührt, ist es kein FoulWeiterspielen, auch wenn der Angreifer fällt. Nur wenn der Mann zuerst oder gleichzeitig mit zu viel Kraft getroffen wird, gibt’s Elfmeter. Der entscheidende Punkt ist fast immer: War der Ball schon weg, bevor der Kontakt zum Körper kam? Bei Zeitlupe sieht man das oft besser als der Schiri in Echtzeit. Wenn der Ingolstädter den Ball zuerst erwischt hat (auch wenn er ihn nur leicht toucht), dann ist der anschließende Körperkontakt meist „acceptable challenge“ und kein Strafstoß. [TV-Bilder – ab 04:25 Minuten]

TSV 1860 München – SSV Ulm 3:2 (SR: Nico Fuchs)

Szene 3: Sigurd Haugen wollte auf der rechten Seite einen schnellen Konter starten und war schon am Ulmer Verteidiger vorbei. Vukancic griff zum Trikot und zog den Norweger bewusst zurück, um den Angriff zu stoppen. Schiedsrichter Nico Fuchs (Bergisch Gladbach) zögerte nicht und zeigte die zweite Gelbe Karte und damit Platzverweis. Richtige Entscheidung. [TV-Bilder – ab 03:15 Minuten]

Zuvor (29. Minute) hatte Vukancic schon Gelb gesehen, weil er ebenfalls einen Gegenspieler festgehalten hatte. Zwei klare taktische Haltevergehen innerhalb eines Spiels. [TV-Bilder – ab 46:30 Minuten]

Laut Regel 12 sind wiederholte taktische Fouls („persistent infringement of the rules“) ein klassischer Grund für die zweite Gelbe Karte. Besonders wenn ein Spieler schon verwarnt ist und dann erneut ein klares Haltefoul begeht, um einen aussichtsreichen Angriff zu verhindern, ist Gelb-Rot die Standardentscheidung.

Szene 4: Florian Niederlechner schoss das 3:1 und jubelte direkt provokant Richtung Ulmer Gästeblock (mit Gesten, die klar auf die gegnerischen Fans abzielten). Das ist kein harmloses Tor-Jubeln, sondern bewusstes Provozieren der Gegnerfans. Laut Regel 12 (unsportliches Betragen) zählt genau das als strafbares Verhalten: Gesten oder Handlungen, die Gegner, Zuschauer oder das Spiel in unnötiger Weise aufheizen. [TV-Bilder – ab 03:15 Minuten]

Bei Wehen Wiesbaden – Hansa Rostock (vor kurzem) zeigte Wolfgang Haslberger einem Rostocker Spieler nach einem Torjubel ebenfalls Gelb, weil dieser provokant vor den Wiesbadener Fans feierte. Das war kein Zufall – Die Schiedsrichter fahren hier eine konsequente Linie: Provokanter Jubel vor der gegnerischen Fankurve = Gelb, Punkt. Das ist wichtig, weil solche Aktionen schnell eskalieren können (besonders in Derbys oder emotionalen Spielen wie 1860 vs. Ulm). Die Schiris signalisieren damit: „Ihr könnt jubeln, aber nicht die Gegnerfans bewusst reizen.“ Es nimmt in letzter Zeit tatsächlich zu, und die Liga versucht, das einzudämmen. [Hier weiterlesen]

Hansa Rostock – Jahn Regensburg 2:5 (SR: Lennart Kernchen)

Szene 5: Im Vorfeld des Regensburger 3:0 gab es in der Angriffsentstehung in der eigenen Rostocker Hälfte einen strittigen Zweikampf. Rostocks Bergh rutschte weg und wurde bei der Balleroberung von Saller am Kopf getroffen. Schiedsrichter Lennart Kernchen ließ weiterlaufen. Regeltechnisch vertretbar, der Kopf von Viktor Bergh ist nur so tief, weil er wegrutschte, die Balance/Kontrolle verlor und dadurch runter ging. Erst danach wurde er von Benedikt Saller unabsichtlich am Kopf getroffen. Der Kontakt entsteht also durch Berghs eigenen Rutschvorgang + Sallers normalen Balleroberungsversuch. Daher ist dieser Zweikampf für mich noch im regelkonformen Bereich einzuordnen. [TV-Bilder – ab 01:45 Minuten]

Szene 6: Drei Minuten vor dem Schluss machte Regensburg den endgültigen Deckel drauf. Bei einem Tempogegenstoß bediente Bauer den durchstartenden Eichinger aus leicht abseitsverdächtiger Situation. In einer Zwei-gegen-Eins-Situation passt der 24-Jährige nach rechts zum freistehenden Hottmann. Der Uphoff aus zwölf Metern keine Chance ließ. Für mich ist es aber kein Abseits.

Abseits wird nur bewertet, wenn:

  • Der Ball von einem Mitspieler gespielt wird (Pass, Kopfball, etc.).
  • Der Spieler näher am gegnerischen Tor ist als der vorletzte Verteidiger (meist der letzte Feldspieler) und der Ball.

Hier:

  • Der Ball befindet sich noch relativ weit hinten (rechts im Bild, noch nicht tief im Strafraum).
  • Die Regensburger Spieler sind verteilt – einige laufen mit, aber es gibt keine klare Situation, in der ein Spieler deutlich vor der Rostocker Abwehrkette steht und den Ball direkt von einem Mitspieler zugespielt bekommt.
  • Die Rostocker Verteidiger (in Blau) sind teilweise noch hinter oder auf gleicher Höhe.

Das sieht nach einer laufenden Angriffsentwicklung aus (wahrscheinlich der Konter, der zum 0:3 durch Eric Hottmann führte). Solche Bilder aus der Ferne wirken oft „verdächtig“, weil Angreifer weit vorne sind – aber ohne genauen Moment des Ballabspiels und ohne die exakte Linie der letzten Verteidiger ist es kein offensichtliches Abseits. [TV-Bilder – ab 04:00 Minuten]

Erzgebirge Aue – Wehen Wiesbaden 2:2 (SR: Davina Lutz)

Szene 7: Nur rund 120 Sekunden nach seiner ersten Gelben Karte ging May etwa fünf Meter vor dem eigenen Strafraum voll in einen Gegenspieler hinein. Er hat ausschließlich Augen für den Mann und stieg überhart bzw. mit plumpem Einsteigen ein. Die starke Schiedsrichterin Davina Lutz zögert keinen Moment und zeigt direkt die zweite Gelbe Karte. Eine richtige Entscheidung. Niklas May kam von hinten/seitlich mit hohem Tempo und vollem Körpereinsatz in den Gegner hinein. Mays rechter Arm ist ausgestreckt, sein Körper ist stark geneigt – er hat klar den Mann im Fokus, nicht den Ball. Der Kontakt erfolgt überhart im Oberkörper-/Schulterbereich des Auer Spielers. [TV-Bilder – ab 02:50 Minuten]

Alemania Aachen – MSV Duisburg 3:1 (SR: Lukas Benen)

Szene 8: Nach knapp einer halben Stunde wurde es das erste Mal richtig hitzig in dem Westschlager. Schlicke rauschte von vorne komplett in Gaudino hinein. Das führte zu einer sofortigen Rudelbildung, weil er allerdings auch den Ball spielt, ist er mit gelb gerade noch so gut bedient. In Folge der Rudelbildung sahen auch Yarbrough und Lobinger den gelben Karton. Für mich, ist die gelbe Karte für das Foul total angebracht und angemessen. Die Aktion ist ballorientier, er trifft diesen auch und räumt dann den Gegenspieler im Nachgang rustikal ab. Trotzdem ist es ein hartes rücksichtsloses Einsteigen, was Gelb rechtfertigt. Die beiden anderen Verwarnungen für Yarbrough und Lobinger wegen Provozierens und Herbeiführens einer Rudelbildung sind vertretbar, gleichwohl ich aber auch sagen würde, dass ein erfahrener Schiedsrichter es vielleicht mit Worten regelt, umso die Emotionen herauszunehmen. Man kann aber rein regeltechnisch nichts zur gelben Karte gegen Duisburgs Lobinger sagen. Die ist durchaus verdient und angemessen, wenn man sich aber die gelbe Karte gegen den Aachener anschaut, ist diese sehr deutlich überzogen. [TV-Bilder – ab 0:48 Minuten]

Rot-Weiss Essen – 1. FC Saarbrücken 1:2 (SR: Martin Wilke)

Szene 9: In der Entstehung des 1:2-Führungstreffers für Saarbrücken foulte Jannik Hofmann einen Saarbrücker Spieler. Schiedsrichter Martin Wilke erkannte das Foul sofort, ließ aber Vorteil laufen. Saarbrücken spielte den Angriff sauber zu Ende, und Kai Brünker erzielte das Tor zum 2:1 (bzw. 1:2 aus Essener Sicht). Kurz nach dem Tor ging Wilke noch zu Hofmann und zeigte ihm die Gelbe Karte nachträglich für das Foul.

Laut Regel 5 und Regel 12 ist genau das der ideale Umgang mit Vorteil: Wenn ein Foul begangen wird und der benachteiligten Mannschaft sofort ein klarer Vorteil entsteht (gute Torchance oder sogar Tor), darf der Schiri Vorteil signalisieren und weiterspielen lassen. Der Vorteil muss unmittelbar und deutlich sein – hier war er es, weil Saarbrücken direkt zum Tor kam. Nach dem Tor (bzw. sobald der Vorteil „verbraucht“ ist) kann und soll der Schiri das ursprüngliche Foul nachträglich ahnden → Gelbe Karte für Hofmann. Das ist Schiedsrichter-Kunst auf hohem Niveau: Wilke hat nicht zu früh abgepfiffen (was Saarbrücken um das Tor gebracht hätte), sondern clever Vorteil gegeben und die Disziplinarmaßnahme nicht vergessen. [TV-Bilder – ab 02:00 Minuten]

Szene 10: Kaito Mizuta zog aus der Distanz wuchtig ab. Philip Fahrner blockte den Schuss mit dem Arm ab. Ganz Essen reklamierte sofort Handelfmeter.Martin Wilke ließ jedoch weiterlaufen und entschied auf kein strafbares Handspiel weil der Arm vorm Körper angelegt war, sehr nah am Körper war und der Spieler sich in einer zum abgewandten Position befand. Ein Handspiel ist nicht strafbar, wenn der Arm natürlich am Körper angelegt ist und der Spieler keine unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche vornimmt. Besonders bei Abwehraktionen in kurzer Distanz und schnellen Schüssen wird bewertet, ob der Arm aktiv gemacht wurde (z.B. ausgestreckt, hochgerissen) oder ob er sich in einer erwartbaren, defensiven Position befand. Der Schiedsrichter hatte hier eine optimale Position und entschied richtig. [TV-Bilder – ab 01:42:15 Minuten]

Szene 11: Sechs Minuten vor dem Ende dann aber eine  etwas strittige rote Karte für Domenic Baumann, als er zwar von hinten mit linken Bein und der Sohle in den Essener eingestiegen war. Dabei war aber dieses angewinkelt und dadurch ist die Intensität etwas geringer. [TV-Bilder – ab 03:57 Minuten]

  • Intensität:
    Eher nicht erfüllt. Das Einsteigen mit dem angewinkelten Bein wirkt nicht mit voller Wucht oder brutaler Kraft. Es sieht eher wie ein unkontrolliertes, aber nicht übermäßig hartes Grätschen aus.

  • Gefährdung des Gegners:
    Teilweise erfüllt. Von hinten mit beiden Beinen ist immer gefährlich, weil der Gegner es nicht kommen sieht.
    – Das rechte Bein ist angewinkelt und die Sohle zeigt etwas nach oben/vorne. Das erhöht das Verletzungsrisiko spürbar.
    – Allerdings ist der Kontakt nicht mit gestrecktem Bein und offener Sohle in den Knöchel – das macht es weniger dramatisch als viele klassische Rot-Szenen.

  • Kein oder deutlich zu später Ballkontakt:
    Klar erfüllt. Der Ball ist schon deutlich weg, Baumann trifft den Essener primär mit dem Bein. Das ist ein klassisches zu spät kommen.

Fazit: Es sind zwei Kriterien erfüllt: Nr. 3 (zu später Ballkontakt) klar und Nr. 2 (Gefährdung) zumindest teilweise durch die beidbeinige Grätsche von hinten + Sohle. Nach Ittrichs Maßstab (mindestens zwei von drei) ist die Rote Karte daher vertretbar. Allerdings bleibt sie strittig und hart: Die geringe Intensität und das angewinkelte Bein sprechen klar gegen ein „grobes“ Foulspiel.

Meine Bewertung:
Wilke hatte wenig Alternativen, weil das Bild (von hinten, beide Beine, Sohle, Ball schon weg) optisch sehr schlecht aussieht. In Echtzeit und ohne VAR ist Rot hier nachvollziehbar. Dennoch wäre Gelb noch möglich gewesen – vor allem wegen der fehlenden hohen Intensität und weil der Gefoulte offenbar nicht ernsthaft verletzt war.

TSV Havelse – VfB Stuttgart II 3:2 (SR: Simon Schreiner)

Szene 12: Nach 5 Minuten der erste Aufreger. Paldino wurde in die Tiefe geschickt, Meyer machte den Weg mit, während von der Felsen aus seinem Tor kam. Meyer schnappte sich den Ball und klärte, während von der Felsen Paldino abräumte. Dafür hätte Havelse gern einen Strafstoß gehabt, doch die Pfeife von Simon Schreiner blieb stumm.

Das ist ein typisches Torwart + Verteidiger vs. Angreifer-Chaos im Strafraum: Wenn Meyer zuerst den Ball sauber spielt und der Kontakt zu Paldino danach unvermeidbar ist → kein Foul. Wenn von der Felsen Paldino zuerst (oder gleichzeitig mit zu viel Kraft) trifft, ohne den Ball zu spielen → Elfmeter. Entscheidend ist fast immer die Reihenfolge des Kontakts: Ball zuerst = meist Weiterspielen (auch wenn der Angreifer spektakulär fällt). Mann zuerst = Elfmeter. Ich kann es nicht zu hundertprozentig sagen, weil die Situation nur einmal im Live aus der Perspektive gezeigt wurde. Rein tendenziell würde ich da aber auch weiterspielen lassen. [TV-Bilder – ab 19:37 Minuten]

Szene 13: Im Vorfeld des 3:2 in der späten Nachspielzeit erzielte der TSV Havelse doch noch den Siegtreffer. Die Stuttgarter sahen allerdings bei der Balleroberung ein vermeintliches Foulspiel an einem Stuttgarter im Mittelfeld. Das ist aber eine typische Laufduell-Situation, wo er die Hand auf dem Rücken hatte und ihn leicht nach vorne schob. Der Ball liegt deutlich vor beiden Spielern – der Stuttgarter ist also am Ball bzw. hat die bessere Position, um ihn zu erreichen. Der Körperkontakt ist ein leichtes Schieben im Rücken, kein Stoßen, kein Umreißen und kein brutaler Einsatz. Regeltechnisch ist ein leichtes Schieben im Rücken während eines Laufduells kein strafbares Foul, solange es nicht übermäßig hart oder rücksichtslos ist und der Gegner nicht dadurch die Kontrolle über den Ball verliert. Solche Kontakte gehören zum normalen körperlichen Spiel („shoulder-to-shoulder“ oder leichter Körperkontakt im Duell). Erst wenn ein Spieler den Gegner klar wegdrückt, umreißt oder mit übermäßiger Kraft schubst, wird gepfiffen. Schiedsrichter Simon Schreiner hat hier völlig richtig weiterspielen lassen. [TV-Bilder – ab 04:10 Minuten]

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