Das Gewaltproblem muss zur Chefsache werden

Das Gewaltproblem muss zur Chefsache werden

21. November 2019 1 Von IG Schiedsrichter

In der letzten Zeit häufigen sich die Meldungen über Gewalt gegenüber Schiedsrichtern. Deshalb möchten wir ich euch mal eine andere Sicht demonstrieren, dass es auch andere Seiten gibt. Ein Kommentar:

Ich selbst spielte 14 Jahre lang Fußball und war nie mit den Entscheidungen des Schiedsrichters einverstanden, deshalb sah ich auch in fast jedem Spiel die Verwarnung. Während eines Spiels wurde ich von meinem Gegenspieler tätlich angegriffen, der Schiedsrichter zeigte ihm darauf die gelbe Karte. Ich war natürlich damit nicht einverstanden und war emotional auf 180.

Nach dem Spiel fluchte ich über den Schiedsrichter und äußerte mich mit: „Ja der Schiedsrichter hat keine Ahnung, so ein Arschloch.“ Leider wusste ich nicht, dass der Schiedsrichter hinter mir lief und es sich notierte. Ich wurde daraufhin für vier Wochen gesperrt.

Nach diesem Vorfall meldete sich unser Abteilungsleiter telefonisch und sagte mir, dass ich ab nächster Woche bei einem Neulingskurs der Schiedsrichtergruppe bin, da kann ich beweisen, dass ich es besser machen kann wenn ich mit den Entscheidungen nicht einverstanden bin. Es kam mir etwas komisch vor aber ich nahm daran teil. Ich lernte viel dabei, unter anderem auch Regeln von den ich vorher nie etwas wusste.

Mittlerweile pfeife ich schon seit 13 Jahren und muss gestehen, dass es mir bis heute mega Spaß macht. Ich hatte bereits zwei Spielabbrüche und wurde bereits drei mal tätlich angegriffen. Nach dem ersten mal, sagte ich mir, dass ich mir das nicht mehr jedes Wochenende geben muss, mich verbal oder auch körperlich angehen zu lassen. Nach etlichen Telefonaten und Gesprächen mit Freunden, Familie und Schiedsrichtern, bin ich zu dem Entschluss gekommen meine „Karriere“ als Schiedsrichter fortzusetzen, denn die positiven Erfahrungen überwiegen den negativen Erfahrungen.

Mittlerweile leite ich zwischen 70 und 90 Spielen in einer Saison und habe immer noch Spaß daran der „Chef“ auf dem Platz zu sein. Mittlerweile weiß ich, dass man es nicht jedem Spieler recht machen kann und es immer einen gibt, der mit den Entscheidungen nicht einverstanden ist aber leider kann man es nicht allen recht machen.

Die Tätigkeit als Schiedsrichter hat mich persönlich auch weiter gebracht. Man ist gegenüber den Mitmenschen offener, freundlicher und man lernt Dinge auch aus einer anderen Perspektive kennen, unter anderem auch von dem gegenüber.

Heute stehe ich auf den Sportplätzen, schaue aber überwiegend auf den Schiedsrichter. Wenn er (aus meiner Sicht) eine „falsche“ Entscheidung trifft hinterfrage ich mich, ob er die Situation vielleicht anders wahrgenommen hat oder wie seine Einsicht ins Spielgeschen war. Auch wenn ich heute bei meinem Heimatverein einen Schiedsrichter sehe, der 90 Minuten „schlecht“ pfeift, muss man sich immer denken, warum es so ist…. Evtl. einen schlechten Tag? Private Dinge? Mit dem Kopf woanders? Auch ein Schiedsrichter hat mal einen schlechten Tag aber man muss es akzeptieren und ihn nicht beleidigen oder anschreien, denn ein Spieler der schlecht spielt wird ausgewechselt, was leider bei einem Schiedsrichter nicht möglich ist. Geht fair miteinander um und akzeptiert die Entscheidungen eines Schiedsrichters, man kann froh sein um jeden der dieses Ehrenamt heute noch ausführt.

Was um Gottes Willen muss denn noch passieren, dass Herr Keller endlich handelt?

Wir brauchen keine Kommission, keine Task Force, keine Gremien und keine warmen Worte, die dann mal etwas ausarbeiten und vorbereiten. Das Problem besteht seit Jahren. Während der DFB bisher geschlafen hat, steuern wir direkt auf ein noch schlimmeres Unglück zu. GREIFEN SIE ENDLICH DURCH !!! UND NICHT ERST MORGEN !!! DARAN WERDEN SIE GEMESSEN, Herr Keller!!!

Herr Keller ist der Chef eines der größten weltweiten Fußballverbände. Er muss hier die Richtung vorgeben.

Und wenn sein für Schiedsrichter zuständiger Vize-Präsident Ronny Zimmermann vor zwei Wochen erklärte, dass der DFB sich nur für die Schiedsrichter der ersten drei Ligen zuständig sieht, dann ist der Chef gefragt.

Es wird auch nicht so sein, dass er sich zum Präsidenten hat wählen lassen und nun überrascht ist, dass Schiedsrichter attackiert werden. Die DFB-Arbeitsgruppe, die seit 2014 dieses Thema verwaltet, hat keinerlei Kompetenzen. Wer kann dies ändern? Der Chef. Wenn man die Gewalt gegen fast 3.000 Mitglieder nicht zur Chefsache macht und dabei endlich das jahrelange Schneckenhaus des DFB verlässt, der duldet, toleriert oder kapituliert vor der Gewalt. Wir haben nicht die Zeit, erstmal wieder 100 Tage zu warten. Wir steuern auf ein Unglück zu.

EILMELDUNG | Heute wurde das SWFV-Verbandspokalhalbfinale nach Tätlichkeit gegen den Assistenten abgebrochen!

Gepostet von IG Schiedsrichter am Mittwoch, 20. November 2019

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