Lennart Kernchen lag in einer entscheidenden Szene daneben: Nach dem Zusammenprall des herausstürmenden Torhüters mit dem Angreifer hätte es nach unserer Einschätzung Rot geben müssen. Darüber darf sich Trainer Michael Schiele ärgern – auch deutlich. Doch seine anschließenden Aussagen gehen weit über die Kritik an einer Fehlentscheidung hinaus. Er sprach davon, gegen „elf und paar andere“ gespielt zu haben und sich von den Schiedsrichtern „betrogen“ zu fühlen. Damit wird eine Grenze überschritten.

Kernchen hätte Rot zeigen müssen
Zunächst zur sportlichen Grundlage der Kritik: In der entscheidenden Szene kommt der Torhüter weit aus seinem Strafraum heraus. Der Torwart geht in den Ball, der Angreifer geht auch zum Ball. Die Kugel läuft weiter Richtung Tor und Verls Keeper nimmt ihm die klare Torchance.
Für uns liegt damit ein klares Foulspiel vor.
Auch die Kriterien für die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance sprechen deutlich für einen Feldverweis: Der Torwart bewegt sich in Richtung Tor, hätte den Ball nach dem Vorbeilegen am Torhüter weiter kontrollieren können und kein Verteidiger befindet sich mehr in einer Position, aus der er noch entscheidend hätte eingreifen können.
Die richtige Entscheidung wäre aus unserer Sicht daher Freistoß und Rot gegen den Torhüter gewesen.
Kernchen hat hier einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Das darf und muss man in einer Schiedsrichteranalyse auch so deutlich benennen.
Schiele: „Nicht nur diese Aktion“
Schieles Kritik beschränkte sich nach der Partie allerdings nicht auf diese eine Entscheidung. Der Trainer betonte, es sei „nicht nur diese Aktion“ gewesen.
Noch deutlicher wurde er mit seiner Aussage:
„Wir haben gegen elf und zwei andere ankämpfen müssen.“
Darüber hinaus äußerte Schiele, sich von den Schiedsrichtern „betrogen“ zu fühlen.
Spätestens in der Gesamtheit bekommen diese Aussagen eine andere Qualität.
Zu sagen, ein Schiedsrichter habe einen schweren oder sogar spielentscheidenden Fehler gemacht, ist vollkommen legitime Kritik. Auch die gesamte Leistung eines Gespanns darf kritisch bewertet werden.
Wer allerdings davon spricht, gegen „elf und zwei andere“ gespielt zu haben, macht die Unparteiischen sprachlich zu Gegnern. Kommt dann noch der Begriff „betrogen“ hinzu, entsteht zumindest der Eindruck, den Schiedsrichtern werde mehr als eine bloße Fehlleistung vorgeworfen.
Ein Fehler ist kein Betrug
Genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Kernchen lag in der beschriebenen Szene nach unserer Einschätzung falsch. Das ist allerdings zunächst einmal genau das: eine Fehlentscheidung.
Ein Fehler eines Schiedsrichters ist noch lange kein Beleg dafür, dass eine Mannschaft benachteiligt werden sollte oder gar „betrogen“ wurde.
Gerade der Begriff Betrug ist deshalb problematisch. Im allgemeinen Sprachgebrauch verbindet man damit ein bewusstes oder zumindest gezieltes Handeln. Für einen solchen Vorwurf braucht es erheblich mehr als eine oder mehrere strittige beziehungsweise falsche Entscheidungen.
Kritik ja – Zweifel an der Neutralität nein
Schiedsrichter im Leistungsfußball müssen Kritik aushalten. Sie werden beobachtet, bewertet und müssen sich nach schlechten Leistungen genauso der Diskussion stellen wie Spieler und Trainer.
Deshalb wäre es auch falsch, Schieles Ärger über die nicht gegebene Rote Karte einfach als unsachliche Schiedsrichterkritik abzutun. In dieser Szene hat er einen guten Grund, sich zu beschweren.
Aber genau deshalb hätte eine Aussage wie „Das ist für mich eine klare Rote Karte und eine spielentscheidende Fehlentscheidung“ vollkommen ausgereicht.
Mit „elf und zwei anderen“ und dem Gefühl, von den Schiedsrichtern „betrogen“ worden zu sein, geht Schiele einen entscheidenden Schritt weiter: Nicht mehr nur Entscheidungen werden angegriffen, sondern zumindest indirekt auch die Unparteilichkeit des Gespanns infrage gestellt.
Muss jetzt der DFB reagieren?
Aus unserer Sicht sollte sich der DFB-Kontrollausschuss zumindest mit den Aussagen beschäftigen und deren vollständigen Kontext prüfen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Schiele bestraft werden muss. Entscheidend sind der exakte Wortlaut, der Zusammenhang und die sportrechtliche Bewertung.
Aber solche Aussagen einfach unter „Emotionen nach dem Spiel“ abzulegen, wäre ebenfalls problematisch.
Der Fußball fordert zu Recht Respekt gegenüber Schiedsrichtern – gerade auch im Amateur- und Nachwuchsbereich. Dann muss dieser Maßstab auch dort gelten, wo Trainer im höherklassigen Fußball nach einer Fehlentscheidung vor Mikrofone treten.
Fazit: Beide liegen daneben
Am Ende muss man nicht Partei für eine Seite ergreifen.
Lennart Kernchen hätte nach unserer Einschätzung Rot zeigen müssen. Seine Entscheidung war falsch und Schiele darf sie scharf kritisieren.
Aber eine Fehlentscheidung macht den Schiedsrichter nicht zum Gegner – und schon gar nicht zum Betrüger.
Kernchen lag in der entscheidenden Szene daneben. Schiele mit seinen anschließenden Aussagen ebenfalls.
Kritik an Schiedsrichtern? Jederzeit.
Unterstellungen fehlender Neutralität? Da endet die Grenze legitimer Kritik.
